Am Anfang ist vor allem Bewegung, ein kühner Sprung vom Schrank ans Mikro, der Hut fliegt vom Kopf, die Arme in die Höhe: Wie ein Springteufel tobt der Schauspieler Alexander Scheer („Gundermann“) in die Show, singt und spricht die ersten Passagen fast atemlos gehetzt. Brauner Anzug mit weiten Hosen, Seidenhemd mit Schulterpostern, Hut und Hosenträger, die Haare zurückgegelt, die Gestik so ausgreifend wie elegant: Die Verwandlung in das Idol der Achtziger ist Einladung zur Exaltiertheit, und Scheer genießt die Rolle sichtlich. Schon in der TV-Serie „Die Kinder vom Bahnhof Zoo“ hatte er 2021 einen Auftritt als David Bowie, nun gibt es in Frankfurt die volle Bühnenshow.
„I‘m only dancing“ is nicht nur Bowie-Konzert und -Reenactment, sondern ein kühner Trip durch ein Universum, das, oh Wunder, vor allem literarisch geprägt ist, von Christopher Isherwood bis Alfred Döblin, von Anthony Burgess über Dante Alighieri bis Christa Wolf. 1500 Bücher hat Bowies mobile Bibliothek umfasst, der britische Journalist John O’Connell hat die Lektüreliste in „Bowies Bücher“ 2016 minutiös untersucht.
Ein Kabinett als einziges Requisit dient gleichermaßen als Bücherschrank wie als mobile Umkleide. Immer wieder liest Scheer Passagen vor, verknüpft sie virtuos mit Bowies Songs. Da führt „Ashes to Ashes“ in Dantes Inferno, die Zukunftssehnsucht in Christa Wolfs „Nachdenken über Christa T.“, unterlegt mit „Where are we now“, zu Bildern von David Bowie und Iggy Pop im Lindencorso in Ost-Berlin, und vom Dschungel, der legendären Disko in West-Berlin, geht es nahtlos in Christopher Isherwoods Zwanzigerjahre.

Bei „Heroes“ wird das Sitz- zum Stehkonzert

Überhaupt, Berlin spielt eine große Rolle, nicht nur mit den Berliner Alben und Songs – zu Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“ läuft eine Diashow über die Leinwand, Ost wie West, quer durch die Jahrzehnte, und spätestens zu „Heroes“ wird aus dem Sitz- auch endlich eine Stehkonzert im Großen Saal des Kleist-Forums.
Hatte Alexander Scheer zuletzt als Gundermann und als Anwalt Bernhard Docke in Andreas Dresens Filmen sein stupendes Anverwandlungsvermögen unter Beweis gestellt, ist David Bowie nun ganz offensichtlich eine Herzensangelegenheit, und Frankfurt (Oder) kommt im Rahmen der Kleist-Festtage zum Glück einer ganz besonderen Premiere. Ob im roten Seidenmantel oder mit nacktem Oberkörper – es ist weniger der androgyne Bowie der Ziggy Stardust-Zeit als der Bowie der späten Siebziger, als er gemeinsam mit Iggy Pop in der Hauptstraße in Berlin-Schöneberg die Nacht zum Tage machte und in den Hansa-Studies an der Berliner Mauer seine legendäre Berlin-Trilogie aufnahm.
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Wer wusste schon, dass die Delfine, die in dem Song „Heroes“ auftauchen, inspiriert sind von Alberto Denti di Pirajnos Erzählung „Das Mädchen auf dem Delfin“? Die schwüle Nachtphantasie gibt Scheer genüslich zum Besten – Bowie hat das Buch so sehr geschätzt, dass er sich einen Delfin auf die Wade tätowieren ließ.
Am Ende, im ausgedehnten Zugabenteil, wirft die Diskokugel zu „Starman“ funkelnde Sterne in den Raum, und im Publikum, altersmäßig bunt gemischt, Frankfurter und Berliner Fanpublikum einträchtig beisammeln, herrscht pures Glück.
Scheer und seiner exzellenten vierköpfigen Band, denen man anfangs noch Nervosität und Lampenfieber angemerkt hat, sind inzwischen auf Betriebstemperatur und heizen auch dem Publikum immer mehr ein, bis zu „Let‘s Dance“ tatsächlich ein Dancefloor vor der Bühne entsteht, und die Konzert-Lesung zur ausgelassenen Bowie-Party wird. Am Ende verspricht Scheer für alle Bowle statt Bowie – und die Party wird im Foyer bestimmt noch lange weitergegangen sein.

Zur Person David Bowie

David Bowie, geboren 1947 in London, gestorben 2016 in New York, war ein britischer Musiker, Sänger, Produzent und Schauspieler. Mit 26 Studioalben war er einer der einflussreichsten Musiker der Popgeschichte. Von 1976 bis 1978 lebte David Bowie in Berlin und nahm dort die Alben „Low“, „Heroes“ und „Lodger“ auf.