Kleist-Förderpreis 2023: „Extra Zero“ von Elisabeth Pape bei den Kleist-Festtagen in Frankfurt (Oder)

Das war wohl die emotionalste Preisübergabe in der Geschichte des Kleist Förderpreises, kommentiert eine Besucherin und in der Tat konnte und wollte Elisabeth Pape ihre große Freude über die Auszeichnung nicht verbergen. Mit ihrem Stück "Extra Zero", das nach der Verleihung aufgeführt wurde und in dem es um Essstörungen, Bulimie und Fitnesswahn geht, hatte sie die Jury überzeugt. Allerdings wollte sie erst gar nicht ans Telefon gehen, als die Jury sie anrief. Sie tat es schließlich doch und die große Freude, steckte dann auch die Jurymitglieder an, wie sie erzählten. Der Preis ist mit 7500 Euro dotiert und wurde von Oberbürgermeister René Wilke (r) im Rahmen der Kleist Festtage übergeben. Links der künstlerische Leiter des Kleistforums Florian Vogel der seit vielen Jahren der Jury angehört.
René Matschkowiak„Was ist, wenn Ana mich nicht lässt?“ Diese fiese Ana, die die Protagonistinnen so hartnäckig in ihren Fängen hält, ist Anorexie, Magersucht. Sie ist die zentrale Figur in Elisabeth Papes Stück „Extra Zero“, mit der die 28-jährige Berlinerin den diesjährigen Kleist-Förderpreis für junge Dramatikerinnen gewann. Und eines der großen, selten, und auf Theaterbühnen erst recht selten, thematisierten Probleme unserer Zeit.
Es war, kurz gefasst, die emotionalste Preisverleihung seit langem - und eine Uraufführung, die im sichtlich betroffenen Publikum lange nachwirken wird. Glaubwürdiger hat man lange nicht mehr Glück und Überforderung bei einer Preisverleihung erlebt als in Elisabeth Papes Schilderung, wie dieser Preis ihr gerade in einer Zeit Krise und Zeit der Frustration den Glauben an ihr Schreiben zurückgegeben hat. Frankfurts Oberbürgermeister Rene Wilke, der zuvor sympatisch tiefgestapelt hatte, indem er erklärte, der Preis möge zwar den Weg manchen jungen Dramatikers oder Dramatikerin leichter gemacht haben, aber bestimmt nicht alles verändern, wird eines Besseren belehrt. Für diese Preisträgerin hat der Preis etwas Entscheidendes verändert.
Wie wichtig das ist, zeigt ihr auf eigenem Erleben basierendes Stück „Extra Zero“. Das Setting: Eine Klinik für essgestörte Jugendliche, die hier nach strengem Tages- und Nahrungsplan kontrolliert Gewicht zulegen sollen, denn: Wenn die Kurve nicht stimmt, tritt Essplan A in Kraft, der nichts anderes ist als Psychofolter: Alles, was Freude macht, ist verboten, es gibt nur die Kurve, die Waage und extra dick mit Butter bestrichene Brötchenhälften.
Vier Patienten, eine Institution
In der Inszenierung von Blanka Rádóczy vom Staatstheater Augsburg genügt ein Einheitsbühnenbild mit Gymnastikbällen, Yogamatten, Tischen und Wagen für die Essensausgabe, um die Hölle der Therapie zu versinnbildlichen. Vier Patientinnen und Patienten (Sarah Maria Grünig, Mirjana Milosavljevic, Ute Fiedler und Thomas Prazak) spielen alle Stadien von Trotz und Widerstand, Hoffnung und Verzweiflung, Verbündung und Vereinsamung durch, während die „Institution“ in Form des dauerpositiven Julius Kuhn für gute Laune sorgt, indem christliche Kirchenlieder mit Rasselbegleitung gesungen werden – selten hat man „Laudato Si“, „Danke für diesen guten Morgen“ oder „Unser Leben sei ein Fest“ trostloser, abgestumpfter und verzweifelter dargeboten bekommen. Und über allem schwebt das Smartphone, mit dem der Influencer „Smart & Beautiful“ (Florian Gerteis) sein Gift der Body Positivity, des Workouts und der gesunden Protein-Ernährung in seine nur allzu willige Follower-Bubble träufelt.

Szene aus dem Theaterstück "Extra Zero", dass im Kleist Forum am 11.9.2023 Premiere feiert.
Jan-Peter FuhrDass das mit Ursachenforschung und Schuldzuweisung so einfach nicht ist, hat schon Oliver Bukowski in seiner wortmächtigen, emotionalen Laudatio deutlich gemacht, und auch Elisabeth Pape verweigert sich einfachen Erklärungen und Lösungen, spielt Armut und Herkunft als Thema an, referiert Hashtags und „Instarexien“, Kalorien und Zuckerersatzstoffe, und macht aus „jedem Halbsatz eines Beipackzettels“ eine Frage um Leben und Tod, so Bukowski.
Die Fragen um Fremd- und Selbststimmung, um Gemeinschaft und Einsamkeit setzen deutliche Fragezeichen hinter die Art, wie wir mit psychischen Erkrankungen umgehen – und hinter ein Mediensystem, dass dem krankhaften Informationsbedürftnis immer neues Futter gibt, nach dem Motto: „Du interessierst dich für Essstörungen? Dann könnte dich auch dies interessieren.“ Diesen Mechanismus so sachlich, faktengenau, wortmächtig und wütend auf die Bühne gebracht zu haben, den Verdienst teilen sich die junge Autorin mit dem engagierten Uraufführungsteam aus Augsburg. Heinrich von Kleist, der in seinem letzten Brief an seine Schwester schrieb, „die Wahrheit ist, daß mir auf Erden nicht zu helfen war“, hätte sich keine würdigere Preisträgerin wünschen können.
Kleist-Festtage 2023: 10.-15.10., Kleist-Museum und Kleist-Forum Frankfurt (Oder), Programm unter www.kleistfesttage.de


