Pankow in Berlin
: DDR-Band rockt das Konzert im Kesselhaus mit Songs von damals

„Kille Kille 40+“ hat die DDR-Band Pankow ihre aktuelle Tour genannt - und in Berlin vor restlos ausverkauftem Kesselhaus gespielt. Es war eine Reminiszenz an die Achtziger mit Bedeutung für heute.
Von
Gunnar Leue
Berlin
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Spielten im ausverkauften Kesselhaus in Berlin: die Musiker der Band Pankow, Andreas „Kulle“ Dziuk (l-r), Andre Drechsler, Jürgen Ehle, Andre Herzberg und Stefan Dohanetz

Britta Pedersen

Pankow in Pankow am Sonntagabend, ein Heimspiel. Na klar. Die mehrere hundert Leute, die in die Kulturbrauerei gekommen sind, sind offensichtlich treue Anhänger, denn es handelt sich vor allem um ältere Bürger, vermutlich meistens mit DDR-Sozialisationshintergrund. Manche tragen T-Shirts mit einer Stones-Zunge, andere Motive verkünden „Der Osten rockt!!!“ oder „30 Jahre Pankow“. 2011, da war die Band auch schon alt, jetzt ist sie auf „40 + Tour“ und noch älter. Fünf reife Herren in dezentem Schwarz stehen auf der Bühne, die beiden prägenden Bandmitglieder sind erkennbar an ihrer Kopfbedeckung. Gitarrist Jürgen Ehle trägt Schiebermütze, Sänger André Herzberg Hütchen.

DDR-Band Pankow mit begeisterndem, sehr stonigem Rock’n’Roll

Über der Bühne hängt ein großes Tuch mit dem Logo von Pankow. Ein Name, der in den Achtzigern in Deutschland für zweierlei stand. In der alten Bundesrepublik war ein Synonym für die Machthaber in der DDR. „Pankow sagt dieses und jenes“, hieß es, wenn die Ostregierung etwas verlautbarte. Im Rockland DDR war Pankow ein Synonym für begeisternden, sehr stonigen Rock’n’Roll.

Die Gruppe um die Ostberliner Glimmer Twins Herzberg/Ehle war in den Achtzigern die vielleicht beste und einzig wirkliche Rock'n'Roll-Band in der DDR-Rockelite. Eine Undergroundband war sie nie, genoss aber einen gepflegten Rebellenruf, weil sie den verspießerten DDR-Alltag ohne lyrische Girlanden besang. Herzberg, der den gängigen Ostrock „schon immer Scheiße“ fand, sang rotzige Texte auf rotzigen Gitarrensound. Manchmal ging es, wie im Rockspektakel „Paule Panke“, um den Alltag eines Lehrlings, oft um Tagträume aus dem Leben Pubertierender, gern auch um das Ausleben sexuelle Triebe. Was die jungen Menschen halt so umtreibt im wahren Leben, das es selbstverständlich auch im falschen, sprich in der sozialistischen Gängelrepublik gab.

Man fragt sich ja generell, ob eine Band alter Männer noch Lieder singen kann oder sollte, die sich um Teenagergedanken drehen. Generell ist die Frage insofern langweilig, weil es viele alte Bands einfach machen, da es nun mal ihre größten Hits sind. Speziell auf Pankow gemünzt, kann man sagen. Es ist ziemlich okay, weil sie ihre alten Hits wie „Inge Pawelczik“ oder „Die wundersame Geschichte von Gaby“ mittlerweile und auch an diesem Abend so vortragen, dass sie nicht peinlich wirken, sondern wie eine Reminiszenz an eine Zeit, die jeder im Publikum kennt und die schlicht noch mal in Erinnerung gerufen wird. Man kann es Nostalgie nennen. Es ist nichts anderes als wenn die Stones „Satisfaction“ spielen.

Teaser zur Jubiläumstour auf YouTube:

Auch neuere Songs von Pankow

Anders als die Stones, die live de facto fast nur alte Hits spielen, bringen Pankow in der Kulturbrauerei auch etliche Songs zum Vortrag, die nach ihrer größten Zeit entstanden sind. Gleich der Opener ist ein Song von 2011: „Es gibt keine besseren Zeiten“. Mit Blick auf die Gegenwart natürlich absurd, aber genau das scheint den Musikern eine Herzensangelegenheit: Den irren Lauf der Zeit auf eine bestimmte, jedoch nicht allzu platte Weise zu kommentieren. „Die Nachrichten, die auf einen einprasseln, sind nicht gerade die Besten“, sagt André Herzberg, ohne mehr zu sagen. Später singt er den Song „Babel“, ebenfalls vom 2011er Album „Neuer Tag in Pankow“, den er als Gruselgeschichte ankündigt. „Die Welt steht in Flammen“, aber so what, man macht sich’s einfach gemütlich. 2011, aus der Sicht von 2023 war die Welt da ziemlich heil. Für Pankow offenbar schon damals nicht. Nur, wer wollte es hören?

In den Achtzigern schien die Welt noch übersichtlich

Der Song war sich aus heutiger Sicht prophetisch, aber das Album damals kein Chartbreaker. Und im Prinzip will sowas auch heute kaum einer hören, weshalb Herzberg sagt: „Und jetzt wieder in die Achtziger, als die Welt noch so übersichtlich schien“. Dann spielen sie „Rock’n’Roll im Stadtpark“, „Aufruhr in den Augen“ und natürlich „Langeweile“, jenen Song, der 1988 das Vor-Wende-Stimmungsbild in der DDR auf den Punkt brachte. „Dasselbe Land zu lange gesehn‘ ... Zu lange die alten Männer verehrt“. Die gemeinten alten Männer sind so gut wie alle tot, aber das Publikum singt inbrünstig mit, als würden sie noch leben.