Konzert in der Wuhlheide
: Deichkind begeistert mit Remmidemmi bei 30 Grad

Seit über 25 Jahren sind Deichkind nicht mehr aus der Musikwelt wegzudenken. In der ausverkauften Wuhlheide in Berlin-Köpenick bewiesen sie, warum.
Von
Susanne Gietl
Berlin
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Deichkind in der Wuhlheide

„Könnt ihr noch?“ Deichkind begeisterte das Publikum beim Konzert in der Wuhlheide.

Susanne Gietl

Deichkind feiern sich und ihre Fans. Damit ist eigentlich schon alles gesagt, denn Deichkind machen das, was die Fans von ihnen erwarten: Sie feiern ihr Hamburger Kollektiv und die Deichkind-Community gleichermaßen. Ihr Motto: „Schön, dass ihr da seid... und wir auch!“ funktioniert wunderbar.

Doch bevor es so weit ist, müssen sich alle gedulden. Statt Vorband gibt's eine 30-minütige Runde Musikfernsehen mit Arschwackelsongs und Publikumschor zu Bonnie Tylers „Eclipse of the Heart“.

Auf den übergroßen Bildschirmen, die rechts und links von der Bühne aufgebaut sind, werden später Textzeilen eingeblendet, gezeigt werden Fans wie Mitglieder von Deichkind in Großaufnahme als auch Teile von Deichkind-Videos. Umbaupausen und Kostümwechsel werden durch Videoeinspielungen überbrückt, Musikinstrumente gibt es keine auf der Bühne, denn die gesamte Musik kommt aus dem Computer. Nur die Durchsagen und Texte sind live.

Deichkind in der Wuhlheide: Dadaismus und konkrete Botschaften

Parolen wie „Lasst uns unsere Unterschiedlichkeit feiern“ und „Berlin und Deichkind, wir gehören zusammen“ verschwimmen mit den Textzeilen. Die Botschaften sind klar bis dadaistisch: „Wer sagt denn, dass(s) Mark Forster nicht eigentlich Nina Hagen ist?“ Dazu tragen alle auf der Bühne weiße Trainingsanzüge, auf denen in schwarzer Schrift steht „Wer sagt denn das?“ Und dann wird der Moshpit vorbereitet, denn schließlich soll die Party nicht zu kurz kommen.

Wenn sich Philipp Grütering und Co. „in der Natur“ nicht zum Hermannplatz, sondern nach Köpenick zurückwünschen, bejaht das Publikum sofort johlend das spontane Update. Ganz wie im Video benebeln Menschen in giftgrünen Schutzanzügen die Bühne. Auch bei „Kids in meinem Alter“, wo Philipp Grütering alias Cryptic Joe in einer knallgelben Skijacke mitsamt schwarzer Thermohose aus einem vor der Bühne aufgehängten Rettungsboot rappt, spiegelt das Video das Geschehen auf der Bühne. Was tut man nicht alles für eine gute (Kunst-)Performance!

Deichkind live: Kreative Show in der Wuhlheide

Als das Kollektiv mit farbbesprenkelten rot-blau-weißen Anzügen die Bühne erobert, fühlt sich so mancher an den Maler Jackson Pollock erinnert, der durch seine Drip Paintings bekannt wurde und deshalb den Beinamen „Jack the Dripper“ trug, andere feiern einfach den Einheitslook, der später mit den übergroßen, viereckigen Pfeilern auf der Bühne verschwimmt. Natürlich sind sie wie die Podeste, auf denen sich alle wie lebendige Kunstwerke positionieren, fahrbar.

Mode spielt ohnehin eine große Rolle beim Konzert. Zu „Auch im Bentley wird geweint“ wird eine riesige rote Gucci-Handtasche zum Rodeo-Objekt, bei „Könnt ihr noch?“, der extra für die Tour geschrieben wurde, posen die Mitglieder in schwarz-gelben Kostümen und gesichtsbedeckenden Dreieckshüten am Bühnenrand. Die Pfeiler im Hintergrund sind ebenfalls schwarz und haben gelbe Raster. Geometrie gehört nämlich auch dazu.

Deichkind in der Wuhlheide: Rodeo auf einer Gucci-Handtasche

Zur Show gehört aber nicht nur der Look, der Bass und kleine Tanzchoreografien, sondern auch die Ansprache des Publikums und so dürfen alle auch mal gemeinsam die Tonleiter üben, „Wie im Kindergarten oder wie im Knast“, um Dissonanzen auszugleichen. Es folgt „Bude voll“ und danach rollt das lang ersehnte Fass erst auf die Bühne, dann über die Menschenmasse und so langsam steigert sich das Konzert bis zum Tanz- und Hüpfexzess. Bei „Hört ihr die Signale“ werden Schläuche ins Publikum gereicht. Fans wissen, was drin ist. Alkohol. Aber trotzdem wanken nicht alle, sondern singen und freuen sich.

Gute Stimmung in der Wuhlheide: Deichkind bringt die Arena zum Kochen

Gute Stimmung in der Wuhlheide: Deichkind bringt die Arena zum Kochen - auch aus einem aufblasbaren Rettungsboot

Susanne Gietl

Und wie war's nun? Auch dafür hat Deichkind eine Antwort. Nach einer wilden Party mit Hüpfburg, Gucci-Handtasche, Riesenrucksack und allen Beteiligten inklusive Kostümierung bleibt nur noch eine Pappfigur mit Corona-Maske und silbernem „Leider geil“-Luftballon übrig. Leider geil. Stimmt.

Am 20. Dezember spielt Deichkind auf der Kids in meinem Alter-Tour in der Max-Schmeling-Halle.