Triff niemals deine Helden, heißt es. Es gibt wohl kaum einen gut gemeinten Rat, der geflissentlicher ignoriert wird. Vor allem, wenn es um Live-Musik geht. Nach zwei Jahren stiller Pandemie-Zeit sind die Kalender nationaler und internationaler Arenen und Konzertstätten wieder proppenvoll. Dominiert werden sie allerdings nicht von hungrigen, jungen Bands, die nun endlich ihren Aufstieg in die obere Riege des Musikbusiness fortsetzen können.
Stattdessen sind Plakatwände und Litfaßsäulen zugepflastert mit Konterfeis von Künstlern, die sich dort schon seit Jahren, oft Jahrzehnten tummeln. Nostalgiker mag das freuen. Solange sie den Blick auf die Ticketpreise vermeiden.

Kiss, Ozzy Osbourne, The Who und Metallica – sie alle wollen es nochmal wissen

Schon in der zurückliegenden Konzertsaison war das Durchschnittsalter auf den Bühnen hoch. Am deutlichsten versinnbildlichten das die Rolling Stones. Sie versüßten sich ihr mittlerweile 60. Bühnenjubiläum mit einer Europa-Tournee. Mick, Keith und Ronnie mögen 2023 zwar eine Pause einlegen, ein Mangel an „alten Hasen“ herrscht trotzdem nicht. Nicht nur die geschminkten Hard-Rock-Dämonen von Kiss laden (50 Jahre nach Band-Gründung) zur „End of the Road Tour“. Sogar der Fürst der Finsternis höchstselbst, Ozzy Osbourne, wackelt mit seinen 74 – von Sex, Drugs & Rock ’n’ Roll gezeichneten – Jahren noch vor die Metal-Jünger. Auch The Who, Metallica und Bruce Springsteen wollen es nochmal wissen.
Auch Gene Simmons (l.) und Paul Stanley von Kiss gehören zu den musikalischen Helden von einst, die noch fleißig touren.
Auch Gene Simmons (l.) und Paul Stanley von Kiss gehören zu den musikalischen Helden von einst, die noch fleißig touren.
© Foto: Bernd Thissen/dpa
Acts wie sie eint nicht nur eine lange, erfolgreiche Karriere und eine treue Anhängerschaft. Auch ihre Konzerte haben häufig etwas gemein: hohe Eintrittspreise. Sehr hohe sogar. Als Weihnachtsgeschenke taugen Tickets jedenfalls immer weniger – zumal in Zeiten steigender Energiekosten und Inflation. Metallica, die im Mai in München spielen, mögen da noch als Schnäppchen durchgehen. Die bis zu 325 Euro teuren Karten umfassen immerhin eine Doppelshow der Thrash-Legenden. Wer allerdings Bruce Springsteen im Juli in Hamburg live erleben möchte, muss tiefer in die Tasche greifen. Bis zu 599 Euro sind für den „Boss“ nötig. Zum Vergleich: eine PlayStation 5 kostet 550 Euro.

Auch vor der Krise stiegen die Preise für Tickets schon

Sicher, höhere Heizkosten schlagen sich auch im Budget von Veranstaltungsstätten nieder, die Platz für Tausende bieten. Auch in Catering-Kochtöpfen landen teurer gewordene Lebensmittel, genauso wie hochpreisiger Sprit im Tank von Tourbussen. Doch mit steigenden Kosten in der Krise allein sind die horrenden Preise für Konzertkarten nicht zu erklären. So stieg bereits zwischen 2007 und 2017 der durchschnittliche Ticketpreis von 29,45 Euro auf 44,04 Euro. Warum also braucht es für einen Abend mit ganz Großen auch ganz großes Geld?
Bis zu 80 Prozent aller Konzerttickets in Deutschland werden über Plattformen von Eventim verkauft.
Bis zu 80 Prozent aller Konzerttickets in Deutschland werden über Plattformen von Eventim verkauft.
© Foto: Britta Pedersen/dpa
Einen nicht unwesentlichen Anteil daran tragen Ticketverkäufer – und die Gebühren, die sie erheben. In Deutschland ist damit vor allem ein Unternehmen gemeint: CTS Eventim. Der Vermarkter mit Sitz in München beziehungsweise seine Online-Portale sind Umschlagplatz für bis zu 80 Prozent aller Konzerttickets hierzulande. Doch so deutlich die Marktmacht, so undurchsichtig die Zusammensetzung erhobener Gebühren. Beschwerden von Kunden über in der Pandemie nicht rückerstattete Vorverkaufsgebühren haben jedenfalls schon Verbraucherzentralen auf den Plan gerufen. Und auch mit dem Kartellamt hatte Eventim bereits zu tun. Es untersagte 2017 Exklusivverträge, denen zufolge Tickets ausschließlich oder zu großen Teilen nur über das System „Eventim.net“ verkauft werden durften.

Ticketmaster kontrolliert beinahe jeden Aspekt des Live-Erlebnisses

Genaueren Einblick über Marktmechanismen liefert jedoch ein noch größerer Branchengigant: Ticketmaster. Seit seiner Fusion mit dem Konzertveranstalter Live Nation ist der international aktive Ticketverkäufer Teil eines Unternehmens, das vom Kartenverkauf über den Betrieb von Veranstaltungsstätten bis hin zur Vertretung von Künstlern beinahe jeden Aspekt des Live-Erlebnisses selbst kontrolliert.
Zu den Geschäftspraktiken von Ticketmaster gehören auch sogenannte Platin Tickets mit „dynamischer Preisgestaltung“. Statt eines festgelegten Nennwertes ermittelt dabei ein Algorithmus den Preis von Tickets anhand ihres „Marktwertes“. In anderen Worten: Die Kosten für eine Karte steigen so lange, wie Fans noch bereit sind, dafür zu bezahlen. Ticketmaster selbst vergleicht die Herangehensweise mit der Preisermittlung bei Fluggesellschaften oder Hotels. In der Praxis führt sie dazu, dass Plätze der anstehenden Bruce-Springsteen-Welttournee bis zu 5000 US-Dollar fällig wurden. Der Entrüstung vieler Fans entgegnete der Kartenverkäufer trocken: „Die Preise und Formate entsprechen den Branchenstandards für Spitzenleistungen“, schrieb er in einem Statement.
Preise für das Blink 182-Konzert im September in Berlin, ausgewiesen von Ticketmaster
Preise für das Blink 182-Konzert im September in Berlin, ausgewiesen von Ticketmaster
© Foto: Screenshot
Anders als es ihr Name vermuten lässt, kommen die Platin Tickets aber nicht mit Annehmlichkeiten von VIP-Angeboten daher. Es sind vielmehr gewöhnliche Karten, die Ticketmaster selbst zurückhält, um dem Schwarzmarkt das Wasser abzugraben. „Ziel ist es, den Fans einen fairen und sicheren Zugang zu den besten Tickets zu ermöglichen“, schreibt das Unternehmen in seinen FAQs. Inwieweit vierstellige Beträge für einen Konzertbesuch noch fair sein sollen, verschweigt es dort allerdings.

Tickets für das Fünffache zum Normalpreis – ganz offiziell

Auch in Deutschland bietet Ticketmaster Platin-Kontingente an. Zwar hat der zugrunde liegende Algorithmus hier noch keine astronomischen Marktwerte ermittelt, gewaschen haben sich die Preise allerdings trotzdem. Wer etwa die noch jungen „alten Hasen“ von Blink 182 im September in Berlin sehen möchte, zahlt für ein Platin Ticket bis zu 279 Euro – und damit fast das Fünffache des Normalpreises.
Doch noch werden die Arenen weiter ausverkauft. Und auch die monopolartigen Marktstellungen großer Ticketverkäufer werden kaum ernsthaft angefochten. Anzeichen für eine Trendumkehr gibt es also nicht. Steigen die Preise für Konzerttickets allerdings noch lange so weiter, braucht es den Rat, die eigenen Helden niemals zu treffen, bald nicht mehr. Viele Konzertfans können sich dies nämlich schon heute kaum noch leisten.