Zum Beispiel Olli Schulz vor einigen Tagen in Schwerin: Nachdem er vom Publikum bei seinem Song „Weberknecht“ heftig ausgebuht wurde, rastet er aus, beschimpft das Publikum: „Wisst Ihr was?! Dann f***t Euch doch alle!“, und stürmt von der Bühne. Konzert beendet.
Auch wenn Schulz später erklärt, das Ganze sei inszeniert gewesen und nur die Medien zu blöd, das zu merken, gab es jede Menge enttäuschter und empörter Publikums-Posts.
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Beim Wacken Open Air am Wochenende war es allerdings eine satirische Meldung des „Postillon“, dass die Band Judas Priest nach 25 Minuten ihr Konzert abgebrochen habe, weil 10.000 Zuschauer den „Schweigefuchs“ gemacht hätten, eine Handgeste der nonverbalen Kommunikation, um Gruppen zum Schweigen zu bringen. Doch der Schauspieler Thomas Thieme, dem vor zwei Wochen lautstarker Unmut bei einer „Faust“-Lesung in Beeskow begegnete, weil Teile des Publikums die Anmoderation akustisch nicht verstanden, hätte sichtbar auch gern alles geschmissen. „Wir werden keine Freunde mehr“, polterte er von der Bühne herab – um die Performance dann doch noch durchzuziehen.
Und schließlich Bayreuth, Gralsburg der Hochkultur. Ein solches Buhkonzert samt haltloser Beschimpfungen auf den Sozialen Medien wie nach dem Finale des neuen „Rings“, der „Götterdämmerung“ (Livestream in der BR Mediathek), hat selbst der Grüne Hügel lange nicht erlebt. Wohlwollende auf Facebook schrieben geschockt von einem „Mob im Publikum“.
Stephanie Müther (l, 2. Norn) und Kelly God (3. Norn) während der Bayreuther Festspiele 2022 in Richard Wagners «Götterdämmerung» in einer Inszenierung von Valentin Schwarz.
Stephanie Müther (l, 2. Norn) und Kelly God (3. Norn) während der Bayreuther Festspiele 2022 in Richard Wagners «Götterdämmerung» in einer Inszenierung von Valentin Schwarz.
© Foto: Enrico Nawrath/Festspiele Bayreuth/dpa
Was ist da los? Beziehungskrise im Verhältnis zwischen Publikum und seinen Stars? Oder steckt mehr dahinter? Zuletzt hatten sich viele Kulturinstitutionen Sorgen gemacht, dass das Publikum nach Corona nicht mehr zurückkommt (Stichwort #publikumsschwund). Nun setzt es Wut und Empörung bei schlechter Konzert-Organisation (Stichwort Roland Kaiser in Cottbus, mit langen Warteschlangen bei den Getränkeständen und Knöllchen fürs Falschparken). Es wird gepöbelt und geschimpft, von der Bühne und aus dem Publikum. Ein schöner Abend sieht anders aus.

Nerven liegen blank

Könnte es sein, dass die Ansprüche gewachsen sind in der Corona-Zeit? Wer in Zeiten allerorts steigender Preise Geld für Kulturveranstaltungen ausgibt, erwartet offenbar perfekte Organisation und Unterhaltung. Gleichzeitig kämpfen die Veranstalter an allen Fronten, müssen Coronaausfälle nachbesetzen, Technik- und Servicepersonal finden, das überall fehlt, und ein Publikum zufriedenstellen, bei dem zusehens die Nerven blank liegen.
Wenn wahr ist, was zu Pandemiezeiten immer wieder betont wurde, dass Kultur gerade in Krisenzeiten unverzichtbar ist, weil sie ein soziales Miteinander jenseits der eigenen Erregungsbubble einübt, dann sind jetzt alle gefragt, die Stars wie ihr Publikum. Sonst macht die Kultur den Schweigefuchs.