Kunst in Potsdam: Museum Barberini will mit dem Ruf von Modigliani aufräumen

Ein Mann fotografiert mit seinem Smartphone das Bild „Auf der Seite liegender Frauenakt“ (2017, Öl auf Leinwand) von Amedeo Modigliani. Die Ausstellung im Museum Barberini in Potsdam zeigt von 27.04. bis 18.08.2024 Modiglianis Werk im Zusammenhang mit der europäischen Moderne.
Soeren Stache/dpaEin Skandal, mitten im Ersten Weltkrieg, machte ihn berühmt: 1917 widmete eine Pariser Galerie dem französisch-italienischen Maler und Bildhauer Amadeo Modigliani (1884 -1920) eine Einzelausstellung. Im Mittelpunkt standen seine Frauenakte, darunter „Liegender Frauenakt auf weißem Kissen“. Modigliani zeigt den nackten Körper der Frau auf rotem Untergrund, das Becken verführerisch zum Betrachter gedreht. Der Kopf der Frau ruht auf einem hellen Kissen, ein Arm ist lang nach oben gestreckt, der Blick ist entspannt, aber auch entrückt.
Es waren vor allem die deutlich sichtbaren Schamhaare in den meisten Aktbildern von Modigliani, die eine Provokation für die Öffentlichkeit waren. Die Bilder mussten, wie die Galeristin Berthe Weill in ihren Erinnerungen berichtet, auf polizeiliche Anordnung hin abgehängt werden. Fortan galt der Künstler, der 1920 im Alter von nur 35 Jahren an Tuberkulose gestorben war, als Maler der weiblichen Verführung, der Frauen auf ihre Rolle als Objekte männlicher Begierde reduzierte.
Modigliani in Potsdam ‒ erster Chronist der Frauenemanzipation
Mit dieser Sicht, wie auch mit anderen Klischees über den Künstler, will die Ausstellung „Modigliani. Moderne Blicke“ im Museum Barberini in Potsdam aufräumen. Erstmals wird Modigliani hier als Porträtist eines neuen Frauentypus der Zeit ab 1910 und Vorläufers der Neuen Sachlichkeit gewürdigt, der seine Modelle souverän und auf Augenhöhe malte. Die Schau entstand in Kooperation mit der Staatsgalerie Stuttgart, wo sie ihre erste Station hatte.
Nach seinem frühen Tod wurde Modiglianis Kunst vor allem unter dem Eindruck der Biografie von André Salmon von 1926 gesehen, der weniger die Kunst als Modigliani als Frauenheld und Trunkenbold porträtierte. „Wir haben festgestellt, dass er in den 1910er Jahren in Paris nochmal einen neuen Blick in die Kunst bringt“, erklärt Ortrud Westheider, Direktorin des Museum Barberini, die die Ausstellung gemeinsam mit Christiane Lange, Direktorin der Staatsgalerie Stuttgart kuratierte. „Er ist der erste Chronist der Frauenemanzipation, auch in Verbindung mit den europäischen Tendenzen, die zum ersten Mal in einer Ausstellung gezeigt wird.“
Mit insgesamt 56 Porträts und Akten Modiglianis, ergänzt durch 33 Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen von Künstlerinnen und Künstlern wie Jeanne Mammen, Natalja Gontscharowa, Paula Modersohn-Becker, Gustav Klimt und Pablo Picasso, sind Modiglianis Werke im Kontext der europäischen Zeitströmungen zu sehen.
Amadeo Modigliani wurde 1884 in Livorno geboren und stammt aus liberalem jüdischen Elternhaus. Seine Mutter war Französin, so dass er zweisprachig aufwuchs. Nach einer klassischen Kunstausbildung in Venedig und Florenz ging er 1906 nach Paris, wo er rasch Zugang zu dem Kreis der Avantgardisten und Bohémiens am Montmartre und Montparnasse erhielt.
Den Auftakt des Rundgangs bildet Modiglianis Ankunft in Paris 1906, als er ein Atelier am Montmartre bezog. Sein erster Sammler, der Arzt Paul Alexandre, hatte Künstlern ein Abrisshaus zur Verfügung gestellt. Fotografien dokumentieren die illustre Gesellschaft, die sich hier traf und die Modigliani malte. Frühe Zeichnungen geben Einblick in Revuetheater und modernen Tanz, in denen Modigliani die Bewegung der Tänzerinnen mit luftigen Pinselstrichen festhielt.
Zu den Kreisen, in denen Modigliani verkehrte, gehörten die unterschiedlichsten Richtungen, die sich während des Ersten Weltkriegs, als der Pariser Kunstbetrieb brach lag, am Montparnasse trafen. Dieser Künstlerszene setzte er in häufig stoisch wirkenden Porträts ein unverwechselbares Denkmal. Mitunter, etwa in dem Bildnis seines belarussischen Künstlerfreundes Chaïm Soutine von 1915, ist Modiglianis Herkunft von der Bildhauerei in der Verwendung geometrischer Formen erkennbar. Um 1915 musste er aus gesundheitlichen Gründen die Bildhauerei aufgeben und widmete sich fortan ganz der Malerei.
Kunst in Potsdam: Hommage an die Frauen, die Geliebten und Partnerinnen
Zu Modiglianis Freundeskreis zählten auch zahlreiche Frauen. Für ihn waren sie keine Musen sondern Partnerinnen auch im künstlerischen Austausch. Auch seine Geliebten, die er in zahllosen Bildern festhielt, darunter die russische Dichterin Anna Achmatowa oder die britische Schriftstellerin Beatrice Hastings, gehörten zum Kreis der frühen Feministinnen. Seine letzte Lebensgefährtin, die Malerin Jeanne Hébuterne, mit der er auch eine Tochter hatte, malt er 1919 im weiten gelben Pullover mit leicht gewölbtem Bauch, ein Hinweis auf eine zweite Schwangerschaft. Nach Modiglianis Tod 1920 schied sie durch Suizid aus dem Leben.
Ein Kapitel im Barberini ist ausschließlich Modiglianis Bildern der modernen Frau gewidmet. Lange vor der Neuen Sachlichkeit schuf er Porträts, in denen er Modeschöpferinnen, Schriftstellerinnen und Künstlerinnen im Stil der femme garçonne mit Bubikopf und in maskuliner Kleidung darstellte, etwa die Buchhändlerin und Verlegerin Elena Povolozky, die er 1917 androgyn in dunklem Mantel mit weißem Hemd malt, die Lippen kritisch gekräuselt, das dunkle kurze Haar aus der Stirn gekämmt.

Bild einer Modernen Frau: das Porträt der Buchhändlerin und Verlegerin Elena Povolozky (1917, Öl auf Leinwand) von Amedeo Modigliani.
Soeren Stache/dpaDer Blick auf die selbstbewusste emanzipierte Frau, so die These der Ausstellungskuratorinnen, bestimmt auch Modiglianis Aktdarstellungen. Sie waren 1917 in der Galerie Berthe Weill erstmals umfassend gezeigt worden. Die erste und einzige Ausstellung, die Modigliani zu Lebzeiten gewidmet war, löste den Skandal aus. Dabei knüpft Modigliani zwar an Venusdarstellungen der Renaissance an. Jedoch zeigt er seine Modelle in provozierenden Bildausschnitten und aus der Nahsicht, wie auch schon vor ihm Paula Modersohn-Becker oder Émilie Charmy, von denen ebenfalls Akte zu sehen sind. Bei Modigliani behaupten die Modelle, die selbstbewusst ihre schlanken Körper präsentieren, auch ihre Unabhängigkeit, wie Kuratorin Westheider argumentiert: „Diese Kraft, dieses Selbstbewusstheit macht Nacktheit in dieser Zeit auch zum Indiz weiblicher Selbstermächtigung, das wollen wir hier zeigen.“
Modiglianis Bilder sind damit auch eine Würdigung dieser frühen Feministinnen. Darüber hinaus ist er in dieser Ausstellung als ein Menschenmaler zu entdecken, der in seinen Porträts das Wesen der Dargestellten, unabhängig von ihren Milieus, auf ganz eigene Art ins Bild setzt.
Amadeo Modigliani. Moderne Blicke, bis 18. August im Museum Barberini, Alter Markt, Potsdam. Mi bis Mo 10 bis 19 Uhr. Tickets unter museum-barberini.de

