Meine Gedanken zur Kunst scheinen winzig klein, im Angesicht der existentiellen Nöte, welche nicht wenige meiner Kolleginnen und Kollegen und womöglich auch mir selbst bevorstehen. Da ich grundsätzlich kein pessimistischer Mensch bin und die bisherigen Ausstellungsabsagen keine echten Absagen sein sollen, sondern Verschiebungen, schaue ich auf diese Wochen oder Monate wie auf eine Zwangspause. Eine Zwangspause, die sich anders anfühlt als die Pausen, die man sich wegen Erschöpfung oder Ideenlosigkeit von Zeit zu Zeit verordnet. Es ist ein nie dagewesener Zustand in der Schwebe.
Bei diesem Gedanken ergibt sich der Anschluss an meinen geplanten Text, der sich tatsächlich dem Thema der ‚Pause‘ widmen sollte, was ja im Grunde genommen die Zwangspause mit einschließt. Im Moment fällt es mir allerdings schwer, diese Pause als Chance und nicht als Hindernis zu begreifen. Sie stellt eine Zäsur in meiner Arbeit dar. Einen Einschnitt, den ich nicht gewollt habe. Niemand wollte dieses Virus und dennoch muss die gesamte Welt damit umgehen. Ich muss mich zwingen, zwischen dem notwendigen globalen Stillstand und der ‚Pause‘ als mein Gedankenkonstrukt zu unterscheiden.
Ich will nicht so tun, als würde das Leben auf der anderen Seite dieses Sturms namens Corona einfach so weitergehen wie zuvor, ich möchte Ihnen aber auch nicht meine Überlegungen zur ‚Pause‘ vorenthalten. Deshalb hier in einer modifizierten Fassung – die ‚Pause‘:
I
Die ‚Pause‘ beschäftigt mich unbewusst bereits seit meiner Kindheit. Die ‚Pause‘, das ‚Nichts‘, die Abwesenheit von Dingen, die Leere, die Stille, die Tiefe des Ozeans, der unendliche Weltraum ... weite Flächen, davon fühlte ich mich schon immer magisch angezogen. Ich sehe ein Haus und stelle mir die Räume darin vor, ich schaue auf eine weiße Wand und male ein Bild. Meine erste bewusste Begegnung mit dem ‚Nichts‘ fand wohl in dem Film "Die Unendliche Geschichte" statt. Filme und Kinobesuche waren ja schon immer eine direkte Pause vom Alltag und in diesem besonderen Märchenfilm wird das ‚Nichts‘, das die ganze Welt zu verschlingen droht, direkt thematisiert. Das ‚Nichts‘ wird nicht als schwarzer Raum oder gleißendes Licht dargestellt, sondern als graue Wolke, die alles verschlingt. Grau, weil Weiß einen Raum erhellt und mit Potential füllt (White Cube) und Schwarz sich, denken wir nur an das Universum, nach Abenteuer und neuen Welten anfühlt. Der stille Kinosaal kurz vor der Vorstellung randvoll mit Spannung und Aufregung, der Moment, wenn wir nachts die Augen schließen und uns auf eine Reise begeben ...
II
Grau waren die Straßen der Großstädte, Grau der Rauch aus den Schornsteinen, Grau ist das Wasser, in dem ich meine Pinsel auswasche. Gegen das Grau habe ich mich bereits als junger Graffiiti-Künstler angefangen zu wehren. Die 1990er-Jahre in Berlin waren optisch trostlos, aber ein riesiger Spielplatz für einen jungen Möchtegern-Künstler. Leere Kasernen, Fabriken und verlassene Mietshäuser, in dessen Leere man sich verlieren konnte. Ende der 1990er-Jahre entdeckte ich dann Cy Twombly und fand diese ‚Leere‘ und das ‚Nichts‘ zum ersten Mal auf einem Bild eingefangen. Soviel Platz und doch soviel Vibrationen auf einer Leinwand ... dieses Flimmern empfand ich als die größte Freiheit überhaupt. Das weiße Blatt, der unberührte Raum, einzig unterbrochen durch die scheinbar beiläufigen Notizen und Markierungen eines Ausnahmekünstlers. Das Grau wird hier in Form des Graphits im Bleistift maximal komprimiert und in seiner Wirkung einfach ins Gegenteil verkehrt. Ich entdeckte Barnett Newman, Franz Kline und Robert Rauschenberg, John Cage, Pierre Soulage und Agnes Martin und viele andere monochromatische Künstlerinnen und Künstler. Minimalisten, Anhänger der Leere, Prediger einer ganz eigenen Form von ‚Pause‘.
III
Dabei ist sie nicht einfach ein bildlicher Zwischenraum, eine Leerstelle zwischen zwei oder mehreren Ereignissen. Die Pause beschreibt einen Zustand des Übergangs, einen Moment des Innehalten, die Überblendung von der einen Szene in die nächste. In ihr vereinen sich beide Zustände, das Davor und das Danach. Ethnologen und Soziologen sprechen von der Liminalität, einem Schwellenzustand, in dem sich einzelne Personen oder ganze Gruppen befinden können. Menschen und Gesellschaften im Wandel, wobei man davon ausgeht, dass sie in der liminalen Phase weder die Eigenschaften ihres vorherigen Zustandes noch welche des zukünftigen besitzen – sie sind "betwixt and between". Eine dieser liminalen Phasen sei die Pubertät, wobei man gerade hier deutlich sehen kann, dass sich das Davor, die Kindheit mit dem Danach, dem Erwachsenwerden, auf eine chaotische Weise miteinander vermischt. Alles scheint gleichzeitig stattzufinden.
Die ‚Pause‘ ist nicht nur das ‚Nichts‘, sie ist auch alles auf einmal. In der Meditation, einer selbstverordneten physischen und psychischen Pause, geht es darum, alles im Körper für einen Moment zu synchronisieren, die Schwingungen anzupassen und eine Harmonie zu erzeugen. Die Welt nicht aussperren, sondern gezielt ein- und durchzulassen. Das Qi ins Gleichgewicht bringen.
In der Physik wird die ‚Pause‘ sogar messbar. Das Gegenteil von Stille ist Lärm. Lärm, Krach kann man mit dem sogenannten Gegenschall, in umgekehrter Phase auf sich selbst projiziert, komplett auslöschen. Eine Technik, derer sich Flugzeugkabinen und Noise Cancelling-Kopfhörer bedienen. Belichtet man einen Film immer und immer wieder, entsteht irgendwann ein weißes Foto, eine chemische Pause. Das heißt, hinter der scheinbaren Ruhe lauert oft ein Potential, eine erfahrbare Energie. Die ‚Stille‘ und das ‚Nichts‘ sind Ergebnisse eines Prozesses und existieren vor allem nur in Relation zu ihrem Gegenteil.
IV
So war auch John Cage´s Komposition "4,33" nicht reine Stille. Ein Besuch in einem schalltoten-Raum hatte ihn wohl zu dem Stück inspiriert. Denn was er dort hörte, war nicht nichts, sondern ein hoher und ein tiefer Ton. Das Blut, das durch den Körper gepumpt wird und die elektrischen Entladungen im Gehirn. In "4,33" werden die Zuhörer vor allem auf sich selbst zurück geworfen. Das Hüsteln im Saal, das Rascheln, Schlucken und Schmatzen werden zur Musik, aber auch die Kontemplation über die Musik selbst. Ähnlich wie Rauschenbergs "White Paintings", die vor allem das sich verändernde Licht im jeweiligen Ausstellungsraum in Szene setzten. Das Innen und das Außen vermischen sich, die Grenzen beginnen sich aufzulösen. Erling Kagge schreibt dazu trefflich in seinem Buch "Stille": "Die Stille ist eher eine Idee. Ein Gefühl. Eine Vorstellung. Die Stille um dich herum kann viel enthalten, aber für mich ist die interessanteste Stille diejenige, die in mir ist. Eine Stille, die ich in gewisser Weise selbst schaffe. Daher suche ich nicht mehr nach der absoluten Stille um mich herum. Die Stille, auf die ich aus bin, ist die Stille in mir." In der Bio-Dynamik spricht man dabei von der Suche nach dem Stillpunkt. Mit Hilfe eines Katalysators (Osteopath) wird der menschliche Flüssigkeitskörper ausgedehnt und das am besten bis zum Universum. "Be Still and Know" formulierte es Sutherland und meint damit, das Ego auszusperren, zu spüren und eine Verbindung zwischen dem Innen und Außen herzustellen.
V
Auch wenn der griechische Philosoph Parmenides behauptet hat, man könne nicht über etwas sprechen, das es nicht gibt, existiert im Japanischen ein Wort für den sogenannten ‚Freiraum‘ oder ‚Negative Space‘, nämlich der Begriff des ‚Ma‘. ‚Ma‘ beschreibt die bewusste Annahme einer Lücke, eines Zwischenraums erkennbar beziehungsweise erfahrbar nur durch das Zusammenspiel aller Sinne. Die Bloggerin Yukiko Kisaki beschrieb in einem Post von 2011 das ‚Ma‘ folgendermaßen: "‚Ma‘, ist die Essenz der japanischen Ästhetik, die Pure aber essentielle Leere zwischen den Dingen. ‚Ma‘ ist die Leere voller Möglichkeiten, wie ein noch einzulösendes Versprechen. ‚Ma‘ sind die bewussten Pausen in einer Rede, um einzelne Wörter herauszustellen und die Stille zwischen den Noten, um Musik zu erzeugen." In der Musik gibt es ein Zeichen für die Pause. Hier ist man sich ihrer Wirkung und vor allem Notwendigkeit schon seit Jahrhunderten bewusst.
Im Bezug auf die Kunst ließe sich ‚Ma‘ also mit dem Negativraum übersetzen. Das Negativ einer Form oder einer Skulptur, die bewusste Weglassung auf einem Blatt. Dabei ist der Begriff Negativ natürlich völlig irreführend, da gerade im Japanischen die scheinbare Leere als höchstes Potential empfunden wird.
VI
"Enter the Void" (Betritt das Nichts) ist ein albtraumhafter drogentripartiger Film von Gaspar Noé. Bei ihm ist "The Void" eine Bar, ein Ort, der auch im echten Leben die Zeit anzuhalten vermag. 2006 bis 2011 wohnte ich in Neukölln und war wohl mitschuldig an der Gentrifizierung dieser Gegend, in die ich ursprünglich aufgrund ihrer Leere und Stille gezogen bin. Viel Platz für wenig Geld, ein Berlin, das mich an die 1990er-Jahre erinnerte. Wir verbrachten damals Nächte in Bars ohne Fenster, ohne visuelle Stimulanzen für die Zeit. Wir haben den Tag in die Nacht verwandelt und die Nacht unter damals modernsten LED Tageslichtlampen zum Tag gemacht. Ich befand mich wohl in einer liminalen Phase und so auch meine Kunst. Es sollte noch ein paar Jahre dauern, bis ich die Linien so weit an den Rand eines Bildes drängen konnte, dass ich endlich genug Platz zum Atmen fand.
Dieses Atmen, diese Abwesenheit schwebt auch in Tarkovskys berühmtestem Film "Stalker" über der Zone, die man wohl als Sinnbild für eine Reise ins unbekannte Nichts betrachten kann, wobei die Spannung nicht in dem liegt, was gezeigt wird, sondern vor allem in dem, was man nicht sieht. Die Augen müssen sich an die Leere wie an die Dunkelheit erst gewöhnen. Das Betrachten von Wenigem, das Ertragen von Stille, das Aushalten von Zeit war nie leicht oder einfach. Man tastet sich langsam voran, ein jeder wird zum Forscher, zum Abenteuerer, zum Künstler.

Zur Person


Stephane Leonard, geboren 1979, Künstler, Maler und Zeichner aus Woltersdorf, erhielt im vergangenen Jahr den Brandenburgischen Kunstpreis in der Kategorie Malerei. Unter dem Titel "KOJi" werden neue Arbeiten demnächst in der Alten Schule Woltersdorf zu sehen sein.

Den vorliegenden Essay schrieb er als Beitrag für den diesjährigen Kunstpreis, der coronabdingt verschoben werden musste. Die Ausstellung in Neuhardenberg wird ab Juli zu sehen sein, der Kunstpreis selbst einschließlich des Ehrenpreises des Ministerpräsidenten des Landes Brandenburg und des Nachwuchsförderpreises des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur wird am 2. August 2020 in Neuhardenberg verliehen.