Drei Jahre hat Petra Dachtler als stellvertretende Botschafterin in Tunis verbracht. Sie erlebte das Ende des großen Umbruch, die Liberalisierung, reiste auf eigene Faust durchs Land, entdeckte die alten Medinas, die Berberdörfer im Süden mit der Kamera und dabei auch sich ein bisschen neu. Die Fotos, die sie als Reisefotografie bezeichnet, wurden 2017 im Stadtmuseum Tunis und in der Deutsch-Arabischen Freundschaftsgesellschaft in Berlin ausgestellt. In ihrem Mittelpunkt steht das Licht, die gleißende Sonne Tunesiens, die harte Kontraste in die Landschaft zeichnet, und die Dunkelheit in den in den Fels gehauenen Berberdörfern. Die Menschen, die sie vor den Gebäuden, in der Landschaft sieht, sind Teil dieses Lichtspiels. Dachtler ist nur Beobachterin, rückt niemandem auf die Pelle, sondern hält ihn in seiner Rolle, seinem momentanen Tun fest.
Ja, und vielleicht hat diese Perspektive mit dem Leben zu tun, das die heute 52-jährige ohne die Kamera geführt hat. Ein Leben auf dem politischen Parkett, in einem Beruf, der doch viel mit Selbstkontrolle, mit feiner Zurückhaltung zu tun hat. Ein Beruf, auf den sie "nicht bewusst zugesteuert" habe: Diplomatin.
Aufgewachsen in der Nähe von Hannover, lernte Petra Dachtler im Gymnasium freiwillig Russisch – eine Seltenheit in der BRD in den 1980er-Jahren. Nach dem Abitur studierte sie Slavistik in Berlin, "Europa-Studien" in Warschau, und arbeite für den "Deutsch-Russischen Austausch", eine Berliner NGO, in Wolgograd. Danach bewarb sie sich für den höheren Dienst im Auswärtigen Amt. Eine Diplomaten-Laufbahn. Das hieß für sie, sich alle paar Jahre in einem neuen Land einzuleben, in einer neuen Kultur – und gleichzeitig die eigene zu repräsentieren. Prag, Brüssel, Tunis hießen ihre Stationen. Seit 2017 ist sie erst einmal wieder in Berlin, als Referatsleiterin für die OSZE.
Aber eigentlich will sie gar nicht so viel über ihren Beruf reden, sondern über die Fotografie, die sie als "Hobby" bezeichnet. Eines, über dass sie noch nicht zu reden gewohnt ist. Sie erzählt nicht das Übliche: warum sie dieses Medium so liebt, mit welcher Haltung sie fotografiert. Sie sagt: "Ich lerne noch."
Als sie das Amt nach Deutschland zurückholte, meldete sie sich für einen Kurs an der renommierten Ostkreuz Schule an. In dem arbeiten die Schüler in ihrer Freizeit ein Jahr lang an einem größeren Projekt. Wie sie auf das Thema "Alexandrowka" gekommen sei? "Eine Kollegin, die auch in Potsdam wohnt, hat mir von der Geschichte der Siedlung erzählt. Mich hat es gereizt zu sehen, wie Menschen heute in den historischen Häusern leben." Wie sie die Bewohner dazu gebracht hat, sich in ihren Privaträumen fotografieren zu lassen? "Das hat viel Zeit gebraucht."
Petra Dachtler ist ein zurückhaltender Mensch, der nur zögernd etwas von sich preisgibt. Im Gartencafé der Alexandrowka sitzt sie versunken unter einem Baum und googelt, wie die Frau von Wilhelm III. hieß, der die Siedlung 1826 zum Gedenken an seinen Freund, den russischen Zaren Alexander I. erbauen ließ. "Das wusste ich mal," murmelt sie.
Dann läuft plötzlich die Kollegin winkend über die Wiese, setzt sich an den Tisch und fragt nach "dem netten Musikerpaar", das in einem der Häuser wohnt. Fragt, wie es dem alten Mann in dem einzig unrenovierten Haus gehe, zeigt auf den Garten des Ehepaars, das das Haus auf der anderen Seite der Wiese gekauft hat. "Ist der nicht zauberhaft?" Genauso schwärmt sie von den Alexandrowka-Fotos, die Petra Dachtler auf ihre privaten Visitenkarten hat drucken lassen. "Sind für den Kunstpreis nominiert," sagt die Fotografin. Für ihre Serie, in der sie noch ein wenig nach einer eigenen Sprache sucht, hat sie drei Häuser fotografiert, ihre Schnitzerei verzierten Holzfassaden, die Innenräume, die Bewohner. Von denen zählt sie nur Eckdaten auf. "Es ist ja ein Porträt der Siedlung, nicht der Bewohner." Dass es so zeitaufwändig sein würde, bis diese in ihrer Gegenwart "so entspannt waren, dass sie nicht mehr posieren," habe sie nicht geahnt.
Beim Spaziergang durch die Siedlung bleibt sie vor dem Haus stehen, dessen Garten die Kollegin so gelobt hatte. Die Eigentümerin grüßt durch die Hecke, fragt nach den Fotos. "Hängen bald in einer Ausstellung," sagt Petra Dachtler stolz.

Brandenburgischer Kunstpreis


Die Vorauswahl zum Brandenburgischen Kunstpreis 2020 ist abgeschlossen. Alle ausgewählten Werke werden ab Anfang Juli in einer Ausstellung in Neuhardenberg gezeigt. Der Kunstpreis selbst sowie der Ehrenpreis des Ministerpräsidenten des Landes Brandenburg für ein Lebenswerk und der Nachwuchspreis des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur werden am 2. August in Neuhardenberg verliehen. Wir stellen bis dahin in loser Folge Teilnehmende der Ausstellung vor. red