Liam Gallagher und John Squire in Berlin: Wie die beiden in der Columbiahalle für Stimmung sorgen

Spielen auch in Berlin: Liam Gallagher und John Squire, hier im O2 Forum Kentish Town in London. London O2
IMAGO/John BarryImmer wieder interessant: Was läuft in Konzerten berühmter Künstler kurz vorm Auftritt vom Band? Am Donnerstag in der rappelvollen Berliner Columbiahalle, wo die Band von Liam Gallagher und John Squire auftrat, lief der Oldie „Be My Baby“ von The Ronetts aus dem Jahr 1963. Ein Klassiker des Wall of Sound, den der US-Produzent Phil Spector erfunden und zur Blüte gebracht hatte.
Pop als ganz große Geste. Irgendwann hatte sich der Stil abgeschliffen, aber er war nie verschwunden. Eine Band, die ihn in den Neunzigerjahren in der Rockmusik wieder aufleben ließ, war Oasis. Just die Band, der Liam Gallagher als Sänger sein Gepräge als Frontmann gab. Oasis sind nach dem Split vor etlichen Jahren Geschichte, aber sie werden offenbar schwer vermisst. Jedenfalls deutet das Publikum des Abends darauf hin. Englisch scheint fast die Verkehrssprache an den Tresen. Über den Leibern der jungen, mittelalten und älteren männlichen Besucher spannen sich häufig T-Shirts mit Oasis-Aufdruck, aber auch mit dem Signum des Fußballclubs ManCity. Liam Gallagher ist bekennender City-Hardcorefan. Anders als sein berühmter Mitspieler, der Gitarrist John Squire, der es mit dem Stadtrivalen ManUnited hat.
Als neue Supergroup gefeiert
Dass sie sich trotzdem bestens verstehen, bescherte der englischen Popszene kürzlich eine neue Supergroup, denn als nichts anderes wird die Kollaboration der beiden auf der Insel gefeiert. Das liegt daran, dass Squire einst Gitarrist der legendären Stone Roses war. Deren Ruhm war und ist nicht minder größer als der von Oasis.
Obwohl es beide Manchester-Bands nicht mehr gibt, ist ihr Legendenstatus, fast könnte man sagen frisch. Die Stone Roses kamen in den Achtzigern auf die Bühne und brachten es mit lediglich zwei Alben, 1989 und 1994, zu phänomenaler Popularität. Kaum waren sie weg, nahmen nicht zuletzt Oasis ihren aus elegisch-drogenaffinem Gitarrensound gestrickten Faden auf und verknüpften ihn mit britischer Beattradition und krachigeren Tönen zum Neunziger-Phänomen Britpop. Seit der Auflösung von Oasis, die sich mit Blur einen harten Fight um die Krone als Britpop-Könige geliefert hatten, im Jahr 2009, sind die Gallagher-Brüder Noel und Liam mit eigenen Bands unterwegs und die laufen eigentlich gut.
Zusammen mit John Squire entstand gleich ein Album
Auch deshalb erstaunte das neue Projekt von Liam mit John Squire, das sogleich ein Album hervorbrachte, welches die aktuelle Tour komplett dominiert. Da konnten sich die Fans noch so viel Oasis- oder Stone-Roses-Titelwünsche ausmalen, den Zahn zogen ihnen die Herrschaften auf der Bühne total.
Los ging es mit dem psychedelisch angehauchten „Just Another Rainbow“, das tatsächlich so nach Oasis klingt wie nur irgendwas. Auch „One Day At Time“ schlug in die Kerbe, aber dann bei „I’m A Wheel“ ging’s in eine komplett andere Richtung. Ein Blues, so staubtrocken wie die Pressenmitteilung, mit der die verzwisteten Gallagher-Brüder einst ihre Trennung als Bandkollegen verlautbarten. Bei der Nummer spürte man bis auf den Grund, dass da der Schöpfer – wie bei allen Songs: John Squire – nicht seine alten Stone Roses, sondern die Stones im Kopf oder Herzen hatte.
Partytime in der Columbiahalle
So ging es munter fort mit flotten Songs, zum Beispiel „Mars To Liverpool“, das Liam Gallagher mit der Frage nach Liverpoolern im Saal einleitete, woraufhin einige „Yeah“ und Fäuste in die Luft flogen. Beim hymnischen „Raise Your Hands“ war dann endgültig Partytime in der Halle, die allmählich zum Britpub geriet. Bierseliges Geschunkel, das in pure Ekstase überging, als bei der einzigen Zugabe doch noch ein Coversong kam: „Jumpin‘ Jack Flash“ von den Rolling Stones. Ein klares Statement, mit dem die Britpop-Kulturerbeverwalter zeigten, wie weit ihre Verehrung für ihre Vorgänger zurück reicht.
Nach einer guten Stunde verließen sie die Bühne. Aber nicht ausgeschlossen, dass sie irgendwann wiederkommen, auch nach Berlin. Denn John Squire schreibt angeblich bereits am zweiten Album. Die Messlatte liegt allerdings hoch, denn niemand anderes als Liam Gallagher selbst, hat ihr erstes Album als die beste Platte seit dem Beatles-Album „Revolver“ bezeichnet. War natürlich als kleine Provokation gemeint, aber sowas hat ihm ja schon immer Spaß gemacht.

