The Sisters of Mercy: Andrew Eldritch und seine Band wiederholen ihr abgebrochenes Konzert in Berlin

Diesmal erfolgreich: Am 18.1.2024 gab die britische Band The Sisters of Mercy - um Sänger Andrew Eldritch - ein Konzert in der Columbiahalle in Berlin.
IMAGO/Carsten ThesingDer Schnee ist weiß auf dem Gehweg zur Columbiahalle an diesem Donnerstag, aber die Trendfarbe des Abends beim Konzert von The Sisters of Mercy ist natürlich schwarz. Die legendären Helden des düster–beschwingten Indie–Mainstreamrocks aus den Achtzigerjahren haben sich angekündigt. Wieder mal, muss man sagen, denn sie waren schon vor einem knappen halben Jahr da. An selber Stelle.
Damals endete die Veranstaltung im Desaster. Konzertabbruch nach einer komplett verhunzten Show. Sänger Andrew Eldritch, der Mastermind der Band und auch einzige Übrigbliebene aus der legendären Zeit, stand völlig neben sich. Er konnte nicht ordentlich singen, nicht mal halbwegs positive Gefühle bei dem lediglich nostalgisch aufgelegten Publikum hervorrufen. Von einer charismatischen Darbietung ganz zu schweigen. Playback meets Trockeneisnebel, kombiniert mit schlechtem Karma, das musste in der Entertainmentkatastrophe enden. Nach dem Berliner Abbruchabend endete die ganze Tour und nun wurde sie also fortgesetzt beziehungsweise das Berliner Konzert wiederholt.
2000 Fans sind in die Columbiahalle gekommen
Die spannende Frage war, wie viele der 3500 Zuschauer vom Herbstauftritt sich nur wenige Wochen später erneut und einigermaßen frohgemut in den Comeback–Abend begeben würden. Nun, es waren mehr als zu befürchten, nämlich gut 2000, was man als Beweis werten darf, dass eingefleischte Fans eine Menge hinzunehmen bereit sind. Als die Band gegen 21 Uhr die Bühne betritt, ist der Applaus erstmal dezent. Abwarten und Bier trinken.
Die Musiker sind im blauen Bühnenlicht eher schemenhaft zu erkennen, was insofern nicht schlimm ist, da sie eh kaum ein Zuschauer kennt. Es sind schließlich alles Musiker, die mit den verehrten Sisters of Mercy aus der Ära der Original–Top–Besetzung nichts zu tun haben. Junge Mietmusiker, die sich Andrew Eldritch dazu geholt hat.
Als auch er auf die Bühne kommt, ist er zwar ebenso schlecht ausgeleuchtet, aber am Gesang erkennt man ihn natürlich. Zwar klingt er wenig kraftvoll, seine tiefe Stimme ist fast ein wenig krächzend, aber das war in den letzten Jahren nicht sehr viel anders. „Schönen guten Abend“, sagt er. Der Brite kann bestens deutsch, schließlich hat er vor Jahrzehnten einige Jahr in Hamburg gelebt.
Um auf den künstlerischen Aspekt des Auftritts von The Sisters of Mercy zu kommen: Sie spielen ein solides Konzert, ohne peinliche Facetten, aber sie tun auch nicht viel mehr, als nötig, um die Fans, und es sind nun wirklich die Treuesten der Treuen, in eine zufriedene Stimmung bringen. Letztlich reicht ein Rückgriff auf die alten Zeiten, es muss in Ermangelung neuen Materials auch reichen. Der Nachteil: Auf Überraschungen braucht niemand zu hoffen. Der Vorteil: Man kann nicht ernsthaft enttäuscht werden, zumal die Band beim Runterrocken der alten Hits keine Lustlosigkeit zeigt. Was nicht heißt, dass auf den Brettern eine wilde Show abgehen würde.
Auch „Tempel of Love“ wird natürlich geboten
Zwischen seinen aktuellen Mitmusikern tigert Andrew Eldritch wie ein unruhiger alter Mann und drückt seinen Gesang durch das Getriebe seiner Rock’n’Roll/Pop/Industrial–Groovemaschine, wie er seinen musikalischen Schubladenschrank mal selbst in etwa beschrieb. „Marian“, „Dominion/Mother Russia“ und „More“, das will das Publikum hören. Bitte schön, dann wird es die Songs auch bekommen. Und natürlich „Tempel of Love“.
„Tempel of Love“ bei YouTube:
Nach 90 Minuten ist das Konzert einigermaßen stimmungsvoll beendet. Von Eldritch hört man noch die Worte „tut mir Leid“ und „Wir haben’s geschafft“, dann ziehen die Fans von dannen. Draußen spricht ein Fan auf dem Nachhauseweg zu seiner Partnerin: „Lustig war’s. Ich fühle mich nicht komplett ausentertaint, es war noch Luft nach oben.“ Dem ist nicht viel hinzuzufügen.
