Der Blick zum Himmel hat im Krieg eine andere Bedeutung. Er ist eine Kontrollmaßnahme: Werden wir wieder beschossen? Wo genau und womit? Jedes Flugzeug, jeder Hubschrauber birgt Gefahr. Wer das Pfeifen oder Dröhnen von Raketen oder Bomben hört, kann nur noch hoffen, dass sie woanders einschlagen, denn für Flucht oder Verstecken ist es zu spät. Heulend verkünden Sirenen auf den Dächern den Luftalarm.
Seit Russland Ende Februar großflächig die Ukraine überfallen hat und immer wieder Orte im ganzen Land mit Raketenbeschuss überzieht, gehört auch dieser Kontroll-Blick zum Himmel hier zur alltäglichen Realität. Charkiw, die zweitgrößte Metropole des Landes, gelegen im Nordosten der Ukraine, ist seit dem 24. Februar 2022 täglich Ziel verschiedener Beschussarten. Die gleichnamige Region war monatelang zu zwei Dritteln vom russischen Militär besetzt, erst seit wenigen Wochen konnte die ukrainische Armee viele dieser Orte befreien.
Was das für den konkreten Alltag vor Ort bedeutet, berichtet der Charkiwer Schriftsteller und Punk-Band-Frontman Serhij Zhadan seit dem Tag des Überfalls täglich auf seinem offiziellen Facebook-Kanal, dem fast 165.000 User folgen. Zhadan organisiert Spenden für Zivilbevölkerung und Militär: Wasser, Lebensmittel, Kleidung, Medikamente, Drohnen. Mit seiner Band spielt er in provisorischen Stützpunkten in Frontnähe. Auf Tourneen durch EU-Staaten wirbt er um Unterstützung und Spenden für die Ukraine. Bei einer Lesung in Berlin Mitte Oktober betonte er: Tagebücher und Reportagen erschienen ihm als die passendsten literarischen Gattungen, die es gerade ermöglichen, wenigstens einen Bruchteil der Realität weiterzugeben, die die Menschen vor Ort erfahren.

Katzen, Kinder, die Zerstörung von Kultureinrichtungen

Am Nachmittag des 24. Februar begann Zhadans Tagebuch so: „Hallo allerseits, wir waren heute den ganzen Tag unterwegs, jetzt kommen wir heim, denn hier ist unser Zuhause. (…) Dies ist ein Vernichtungskrieg und wir haben nicht das Recht, ihn zu verlieren.” Dazu ein Gruppenbild vorm Schriftzug „Charkiwer Region” in Gelb-Blau. Es folgen Einträge über Beschuss und Bemühungen, eine Ordnung in dem gefährlichen Chaos zu finden. Am 6. März beginnt der Kontrollblick nach oben: „Der Himmel über Charkiw war heute hoch und klar, und die Wolken irgendwie leichtsinnig sommerlich.” Es folgen Katzen, Kinder, die Zerstörung von Kultureinrichtungen, Treffen mit Verwandten und Fremden. Zhadan ist ganz subjektiv dabei, für Objektivität ist es zu früh und zu nah.
Sein Online-Tagebuch führt Zhadan auf Ukrainisch. Nun ist eine Auswahl der Beiträge auf Deutsch lesbar in „Himmel über Charkiw. Nachrichten vom Überleben im Krieg”, erschienen im Suhrkamp-Verlag. Ausgewählt wurden die Beiträge von Marcus Welsch und Serhij Zhadan selbst. Die Übersetzungen stammen von Juri Durkot, Sabine Stöhr und Claudia Dathe.
Entstanden ist eine ungewohnte Symbiose aus Socialmedia-Schreibe mit Bild- und Video-Elementen sowie Print-Literatur. Ein kurzweiliger, überraschend lockerer, persönlicher und doch weltpolitischer Einblick hinter die bedrohten, beschossenen Fassaden der Ukraine. So wie Zhadan am 15. Juni morgens schrieb: „Es zeigt sich, dass die Sprache stärker ist als die Angst des Schweigens.”
Am 23. Oktober erhält Serhij Zhadan in der Frankfurter Paulskirche den diesjährigen Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Seine langjährige Übersetzerin Claudia Dathe bekommt am 11. November ebenfalls in Frankfurt/Main den Wilhelm-Merton-Preis für Europäische Übersetzungen.
Serhij Zhadan: Himmel über Charkiw. Nachrichten vom Überleben im Krieg, Suhrkamp, 2022, Hardcover, 240 Seiten, 20 Euro