Luten Petrowsky ist tot
: DDR-Jazzmusiker stirbt im Alter von 89 Jahren

Der Jazz im Osten Deutschlands hat seinen wohl einflussreichsten Musiker verloren: Ernst-Ludwig „Luten“ Petrowsky hat bereits vor der Wende in ganz Deutschland und Europa gewirkt. Ohne ihn wäre der Free Jazz in Europa kaum denkbar. Nun ist er im Alter von 89 Jahren gestorben.
Von
Boris Kruse,
Ingrid Hoberg
Berlin
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Legende: Ernst-Ludwig „Luten“ Petrowsky (1933 – 2023)

Foto: Britta Pedersen/POOL/dpa

Das hätte sich niemand so ausdenken können. Wenige Wochen nach dem West-Saxofonisten Peter Brötzmann (1941–2023) ist am Montag Ernst-Ludwig Petrowsky (1933–2023) gestorben, der große Saxofonist aus dem Osten Deutschlands. Eine prägende Generation von Jazzmusikern tritt jetzt nach und nach ab; es sind die bemerkenswerten Charaktere, die seinerzeit den Free Jazz in Deutschland durchgesetzt haben.

Ernst-Ludwig „Luten“ Petrowsky galt schon seit vielen Jahren als dienstältester Jazzer aus ostdeutschen Landen; er hat seine Musik in immer neuen Ensembles und mit wechselnden konzeptuellen und stilistischen Ansätzen seit den 1950er-Jahren unters Volk gebracht. Bis ins 9. Lebensjahrzehnt hinein hat er sich immer noch einmal wieder selbst neu erfunden, hat seine unverwechselbare Stimme an Saxofon, Flöte und Klarinette in neuen Kontexten eingebracht; zuletzt, bis einige Jahre vor der Corona-Pandemie, mit Nachwuchs-Jazzern wie dem Schlagzeuger Christian Lillinger, unter anderem im New Old Luten Trio. In den letzten Jahren aber war nicht mehr viel von ihm zu hören, die Auftritte wurden rarer. Petrowsky lebte zuletzt im Pflegeheim.

Vieles gäbe es zu sagen über diesen Ausnahmekünstler und seine vielen Karrierestationen. Über seinen unverkennbaren Ton, seine verspielte Melodik, ganz gleich auf welchem Instrument. Über seinen unsagbar klugen, optimistischen Humor, der aus nahezu allen seinen Improvisationen heraushörbar ist und der ihn jahrzehntelang dazu verleitet hat, Kontraste miteinander zu verweben. Hier nur einige der Ensembles aus Ost und West, mit denen „Luten“ Petrowsky gespielt hat: SOK, Globe Unity Orchestra, Ulrich Gumpert Workshop Band, George Gruntz Concert Jazz Band, Manfred Krug und noch einige mehr.

Ernst-Ludwig "Luten" Petrowsky – mit Werkzeug-Einsatz beim Open Air 1979.

Andreas Tittmann

Zeiten mit Alexander Schlippenbach und anderen Westlern

Wenn man auf all diese Stationen nicht mit buchhälterischer Genbauigjkeit gesondert eingehen will, dann stechen aber doch zwei Engagements heraus, die seine große Bedeutung für die Jazzmusik – nicht nur im deutschen Osten – erklären: Zum einen sind das seine, über ein halbes Jahrhundert sich erstreckenden Auftritte und Aufnahmen mit dem legendären Globe Unity Orchestra. Ab 1966 hat Petrowsky dort mit anderen frei denkenden und frei musizierenden Instrumentalisten wie dem Pianisten Alexander Schlippenbach, dem Trompeter Manfred Schoof oder eben dem besagten Peter Brötzmann den Free Jazz in Deutschland erst ermöglicht (Als Aushängeschild der DDR-Musikszene durfte Petrowsky schon früh auch ins nichtsozialistische Ausland reisen).

Damals ist dieses hochkarätige Kollektiv – Globe Unity war mehr als ein halbes Jahrhundert lang eine Art All-Star-Band des europäischen Free Jazz – auch wiederholt der musikalischen Scharlatanerie bezichtigt worden. Die guten alten Zeiten der Jazzmusik, in der ihr kommerziellere Stile im Kampf um kulturelle Hegemonie noch nicht so sehr den Rang abgelaufen hätten – es hat sie so nie gegeben. Der Free Jazz in Europa aber war dank Ernst-Ludwig Petrowsky, Peter Brötzmann und einiger anderer bald wesentlich eine deutsch-deutsche Angelegenheit.

Zum anderen ist das seine Arbeit mit der Gruppe Synopsis, die sich später in ironischer Anspielung an die Führungsriege der SED in Zentralquartett umbenannte. Mit seinen Weggefährten Ulrich Gumpert (Klavier), Günter Sommer (Schlagzeug), Conny Bauer (Posaune) und, in den Anfangstagen, Klaus Koch (Bass) bildete Petrowsky damals die Speerspitze des Free Jazz im Osten, die diese Musik durch beharrliches Spielen in den Staaten des Warschauer Paktes durchsetzen konnten. Gegen den anfänglichen Widerstabnd der Kulturbürokratie, für die der Free Jazz im Gefolge von Ornette Coleman (1930–2015) eine Ausgeburt der profitorientierten, zynischen US-Unterhaltungsindustrie gewesen ist.

Eine Subvertierung ideologisch kontaminierter Musik

Synopsis/Zentralquartett sind dabei weit über den Punkt der bloßen Adaption dieses Stiles hinausgelangt. Ihr größter Coup: Die „Verjazzung“ deutscher Volkslieder. Auf Alben wie „Auf der Elbe schwimmt ein rosa Krokodil“ haben Synopsis Stücke wie „Saß ein schneeweiß Vögelein“ zerspielt und neu wieder zusammengesetzt. Das war musikhistorisch klug und noch dazu pure Provokation in dem deutschen Staat, der sich nach dem Dritten Reich als der moralisch überlegene gerierte. Denn natürlich ist die deutsche Volksmusik in Wirklichkeit die logische Entsprechung zu Blues, Ragtime, Gospel und Appalachen-Folklore in den USA: Es ist die Wurzel der modernen Popularmusik hierzulande, trotz der Diskreditierung alles irgendwie Tümelnden durch die Nationalsozialisten. Warum also nicht wieder ein positives, entspanntes Verhältnis zur Folklore aufbauen? Es ist ein folgerichtiger Schritt, aber doch eine Provokation in der DDR. Synopsis spielten denn auch augenzwinkernd mit geraden (Marsch-)Rhythmen und teutonisch anmutenden Melodien, sie karikierten das Naive in diesem Liedgut und legten doch liebevoll das Zarte, Romantische frei.

In dieser lustvollen Subvertierung der ideologisch kontaminierten Musik liegt eine interessante Analogie zum Blechtrommler Oskar Matzrath, den Günter Grass (1927–2015) in seinem Roman einen Nazi-Aufmarsch im Danzig der 1930er-Jahre sprengen lässt, durch raffiniertes Verschieben und Verziehen der Takt-Zählzeiten aus einem Versteck unter der Tribüne des Aufmarsch-Platzes. Günter Grass selbst hat das wohl erkannt – Petrowskys Bandkollegen Günter Sommer heuerte er später für Lesungen und Einspielungen seines Romans als Begleitmusiker an.

Ernst-Ludwig Petrowsky selbst lehnte solche Engagements als Begleitmusiker eher ab. Zu einer bemerkenswerten Kooperation mit Wolf Biermann ist es aber dennoch gekommen. 2016 veröffentlichte das Zentralquartett mit Biermann das Album „... paar eckige Runden drehn!“. Des Liedermachers Texte vertonen die Altmeister darauf in gewohnter Spiellaune.

Der erste Gig in Peitz

Wäre die Jazzmusik im Osten ohne Ernst-Ludwig Petrowsky überhaupt denkbar gewesen? Sicher nicht so, wie sie sich dann tatsächlich unter seinem Zutun entwickelt hat. Für das Buchprojekt „Woodstock am Karpfenteich. Die Jazzwerkstatt Peitz“ schrieb er ein Vorwort unter dem Titel „Nachmittags in Peitz“: „Aber nicht einmal Blobel wusste, dass ich in Peitz meinen ersten Gig als Profimusiker hatte, und zwar im Fokus des Orchesters Eberhard Weise aus Görlitz, das ebenfalls am selben Tag, am selben Ort seine Premiere feierte. Das war am 31. Juli 1957.“ … „Von da an bis zum Konzert des Petrowsky-Quartetts im September 1971 im Peitzer Kino und zehn Jahre später des Petrowsky-Qunitetts an einem Nachmittag anlässlich der Jazzwerkstatt Peitz am 18. April 1981 war es ein langer Weg …“

Ernst-Ludwig Petrowsky stammte aus dem mecklenburgischen Güstrow. Den Spitznamen „Luten“, eine norddeutsche Verballhornung von „Ludwig“, ist er Zeit seines Lebens nicht mehr losgeworden; sogar seine Frau Uschi Brüning nannte ihn so. Mit der Sängerin lebte Petrowsky seit Anfang der 1980er-Jahre zusammen, aber die Verbindung war mehr als nur eine Ehe zweier vielbeschäftigter Kunstschaffender – es war eine lebenslange Kreativpartnerschaft, die bereits Jahre zuvor begonnen hatte.

Wie Uschi Brüning in Interviews stets betonte, ist ihr späterer Ehemann für sie ein großer Ermutiger gewesen – ein Lehrmeister darin, sich musikalisch weiter aus dem Fenster zu lehnen, den Schritt ins Freie zu wagen. Mit Scat-Gesang, freier Melodieführung und überhaupt kreativem Umgang mit allen zur Verfügung stehenden Ausdrucksmitteln. Gemeinsam würdigten die beiden mit dem Album „Ornette Coleman et cetera“ auch den Freejazz-Ermöglicher. Der Weg ins Freie, ins musikalische Abenteuer – das ist die Marschroute, die Ernst-Ludwig Petrowsky bis ans Ende seines Schaffens beibehalten sollte.

Wo aufhören und abblenden bei diesem Großkünstler der europäischen Musik? Wo einen Strich setzen, wie eine Auswahl treffen? 2022 hat Petrowsky für sein Lebenswerk noch den Deutschen Jazzpreis bekommen.

Wie seine Frau Uschi Brüning am Dienstag mitteilte, ist Ernst-Ludwig Petrowsky am Montag gestorben. Er wurde 89 Jahre alt.