Natur
: Hansjörg Küster ist Deutschlands Landschaftserklärer

Hansjörg Küster interessierte sich für Landschaften, seit er als Kind mit den Eltern Zug fuhr und die Strecken im Wohnzimmer nachbaute.
Von
Merle Hilbk
Berlin
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  • Auch das ist Landschaft: der Braunkohletagebau bei Cottbus ist nicht mehr naturbelassene Schönheit, aber ein großes Panorama.

    Auch das ist Landschaft: der Braunkohletagebau bei Cottbus ist nicht mehr naturbelassene Schönheit, aber ein großes Panorama.

    Hansjörg Küster
  • Früh übt sich: Schon als Grundschulkind baute Hansjörg Küster Landschaften, hier im November 1962.

    Früh übt sich: Schon als Grundschulkind baute Hansjörg Küster Landschaften, hier im November 1962.

    privat
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Mit dieser Frage hat sich Hansjörg Küster fast sein ganzes Leben beschäftigt. Schon als Grundschüler baute er im elterlichen Wohnzimmer in Frankfurt (Main) die Landschaften nach, die er bei den Zugfahrten vor dem Abteilfenster gesehen hatte. Denn die Küsters hatten kein Auto. Aber sie besaßen einen alten Conti–Straßenatlas und ein Kursbuch der Bahn. In dem schlug der Sohn die gefahrenen Strecken nach, schaute sich im Atlas die Landschaftsmerkmale an und baute anschließend auf dem Fußboden  Tableaus aus Pappe, Krepppapier und Moos. „Ich habe wohl instinktiv verstanden, dass Landschaft mehr ist als Fluss, Berg und Wald,“ erzählt der heute 64–Jährige. „Im Grunde ist sie der Rahmen, in dem der Mensch seine Ideen umsetzt.“

Heute ist Hansjörg Küster Professor am Institut für Geobotanik der Universität Hannover — und Besitzer eines Hauses im Schwarzwald, in dem er die Bücher schreibt, die ihn zum Landschaftserklärer  Deutschlands machten. Gerade ist sein Buch "Die Alpen. Geschichte einer Landschaft“ im Beck–Verlag erschienen, seine "Geschichte des Waldes“ war ein „Spiegel“-Bestseller. Er schrieb über die Ostsee, die Elbe, die Nordsee. Seine Bücher, sagt er, sollen eine Art Heimatkunde–Unterricht sein, Ersatz für ein Fach, das wegen ideologischen Missbrauchs abgeschafft wurde.

Dass er einmal ein viel gelesener Autor werden würde, hatte er sich zu Beginn seiner Karriere nicht vorstellen können. Er studierte Biologie und wurde wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Pflanzenökologie. Eines Tages bat der Beck–Verlag seinen Chef, ein Buch über Kulturpflanzen zu schreiben. Doch der hatte keine Zeit. Küster bot an, einzuspringen – zunächst, weil er dachte, es sei gut, sich ein zweites Standbein zu verschaffen. "Denn ob ein Wissenschaftler Professor wird, ist höchst unsicher.“

Beim Treffen im Verlag sah er auf dem Schreibtisch ein englisches Buch über Landschaft liegen. "Ach, eigentlich würde ich viel lieber so etwas schreiben,“ entfuhr es ihm. Der Lektor sagte, er könne ja mal mit den Recherchen für  eine „Geschichte der Landschaft in Deutschland“ beginnen. Dann ging die Mauer auf, und der junge West–Wissenschaftler verbrachte die nächsten Jahre damit, den Thüringer Wald und das Erzgebirge, die Lausitz und das Oderbruch zu erkunden.

1995 erschien dann „Die Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa“, ein Wälzer für 78 DM, der zu einem Bestseller wurde. Darin schildert Küster, wie sich Landschaft durch natürliche Veränderungsprozesse und durch den gestalterischen Einfluss des Menschen verändert hat, etwa durch das Anlegen von Gärten, durch Ackerbau, Holzexport in die Niederlande und Kahlschlag für die Hütten und Glasmanufakturen. Dabei begreift er Landschaft als Einheit: „Es gibt nicht die Natur– oder die Kulturlandschaft, sondern nur die Landschaft, in der es Natur und Kultur gibt.“

Dass die meisten Menschen bei dem Wort Landschaft vor allen an Panoramen denken, liege daran, dass Künstler zu Beginn der Industrialisierung begannen, „ideale Landschaften“ auf Leinwand zu bannen — die nun bedroht schienen. Die Bilder von Claude Lorrain beispielsweise zeichneten sich durch eine heitere, arkadisch anmutende Grundstimmung aus. Maler gründeten Künstlergemeinschaften auf dem Land und stellten das vermeintlich unverdorbene Leben dem vermeintlich künstlichen, entfremdeten Leben in den Städten gegenüber. So sei unsere Vorstellung von Landschaften als Idylle entstanden.

Als der Schwarzwälder Maler Hans Thoma die Härten des Bergbauernlebens festhielt, stieß er auf Widerstand. Doch dann wurde ein Bild der Stadt Laufenburg am Hochrhein zur Grundlage des Protests gegen den Bau eines Wasserkraftwerkes, für das eine von Thoma realistisch–wild gemalte Stromschnelle weggesprengt werden sollte. Auch der 1840 in Berlin geborene Naturschutzpionier Ernst Rudorff bezog sich auf Thomas Bilder.

So änderten sich mit den Bildern auch der Blick auf die Landschaft, in der nun der Mensch als "Gestaltungsfaktor“ auftauchte. Aber die Vorstellung einer panoramaartigen Naturkulisse blieb in den Köpfen. „Wir haben jetzt diesen grauenhaften Streit zwischen Naturschützern und Landwirten,“ sagt Hansjörg Küster – der sich nur besänftigen ließe, wenn beide Seiten anerkennen, dass es komplexe gesellschaftliche Faktoren waren, die zur Veränderung des Landschaftsbildes geführt haben. Beispielsweise die technische Entwicklung der Landmaschinen, die dazu geführt habe, dass immer weniger Bauern immer größere Flächen bewirtschaften können. Für diese Maschinen – und die wachsende Anzahl an Tieren – werden größere Gebäude benötigt. So zieht es die verbliebenen Vollerwerbslandwirte an den Rand der Dörfer, in den Dörfern selbst wohnen immer mehr Menschen, die nichts mit Landwirtschaft zu tun haben und eine Landschaft vor allem nach ihrem Freizeitwert beurteilen. Um die mit hohen Krediten angeschafften Maschinen möglichst effizient zu nutzen, werden Landschaften maschinengerecht gestaltet, Wallhecken gerodet, Felder flurbereinigt. Wiesen, auf denen Kühe weiden, werden zur Seltenheit, die auf hohe Milchleistung gezüchteten Tiere bleiben in den Ställen. So wurden Landschaften großräumiger und leerer.

Aber auch die Freizeitindustrie hat ihren Anteil an der Veränderung des Landschaftsbildes. Autobahnähnliche Radwege durchschneiden Wälder, Marinas locken Yachten auf stille Brandenburger Seen.  „Ich bin nicht für Verbote,“ sagt Hansjörg Küster. „Aber ich hoffe, dass die Leute, die meine Bücher lesen, sich mehr Gedanken darüber machen, wie sie mit ihrem eigenen Tun auf die Landschaft einwirken.“

Ja, und dann sei da noch diese Sache, über die selten diskutiert werde: Schönheit. Der Ausgangspunkt des Landschaftsbewusstseins, zu dem wir „unbedingt zurückkehren sollten.“