Nele Pollatschek Silvester 2023
: „Kleine Probleme“ – über gute Vorsätze und was daraus wird

Nele Pollatschek lässt ihren Protagonisten Lars in „Kleine Probleme“ mit viel Humor in die Katastrophe rauschen. 13 Dinge müssen in diesem Jahr noch erledigt werden – doch es ist schon der 31. Dezember.
Von
Christina Tilmann
Frankfurt (Oder)
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Nele Pollatschek schreibt als Journalistin für die „Süddeutsche Zeitung“ - und trifft in ihren Romanen den Ton unserer Zeit

Urban Zintel

Momente, an denen es kein „Später“ gibt: Weihnachten, und die Geschenke sind noch nicht eingepackt. Der 49. Geburtstag, und es ist noch kein Schritt fürs Lebenswerk getan. Und natürlich, der Klassiker: der 31. Dezember, und alle guten Vorsätze sind noch nicht eingelöst.

Diesem Thema hat Nele Pollatschek ihren Roman „Kleine Probleme“ gewidmet. Die Autorin, die als Journalistin für die „Süddeutsche Zeitung“ arbeitet und mit „Dear Oxbridge“ ein hochamüsantes, hellsichtiges Buch über Großbritannien geschrieben hat, hat sich dafür ein besonderes extremes Protagonistenexemplar ausgesucht: Lars, 49, Familienvater, hoffnungsvoller Autor und geborener Prokrastinierer.

Der sitzt jetzt am 31. Dezember in seinem mehr als nur ein bisschen verwahrlosten Haus, die Ehefrau ist in den Urlaub geflohen, die Kinder warten mit der Silvesterparty, und Lars schreibt eine Liste von 13 Punkten auf, die ganz unbedingt noch in diesem Jahr erledigt werden müssen.

Interview mit Nele Pollatschek bei YouTube:

Pech nur, dass schon fast Mittag ist, weil Lars irgendwie den Wecker überhört hat, und jetzt muss erst mal dringend ein Kaffee in möglichst sauberer Tasse her (Punkt 3 von der Liste: Putzen) und eine Zigarette (Punkt 12: Mit dem Rauchen aufhören), und man ahnt schon, bis zum finalen Punkt 13: „Es gut machen“ wird dieser Kandidat nicht gelangen. Aber, und das ist der Clou dieses so klugen wie unterhaltsamen Buches, er wird es auf dem Weg dahin schaffen, die Sympathien aller Leserinnen und Leser zu erlangen – auch wenn man ihm zwischendrin oft entnervt den Putzlappen oder Schraubenzieher aus der Hand nehmen möchte. Und im Hintergrund orakelt eine SMS von Ehefrau Johanna: „Mach’s gut, Lars.“

Natürlich denkt man beim Lesen, gibt es keine größeren Probleme als die, die dieser mittelalte Mittelschichtsmann hat? Der daran scheitert, ein Ikea-Bett zusammenzuschrauben oder einen Nudelsalat zu fabrizieren, während rund um uns die Welt aus den Fugen gerät. Genauso würde Lars‘ Sohn Yannis das sehen, der finet, dass Ukraine, Geldpolitik, Kohleaussieg und Seenotrettung sehr wohl „unser aller Aufgabe“ sind. Aber dass man an den „Kleinen Problemen“ des Alltags scheitert und daher überhaupt nicht dazu kommt, die größeren Weltprobleme anzugehen, ist vielleicht ein Grund, warum in der gegenwärtigen Misere alle so unendlich entnervt, aggressiv und unproduktiv sind. Und dagegen ist Nele Pollatscheks Buch das ideale Gegengift.

In einem fiebrigen, unaufhaltsamen inneren Monolog lässt sie Lars über den kleinen Problemen die großen philosophischen Fragen angehen, und egal, ob es um die unendlichen Zahlenfolgen geht, mit denen Ikea seine Schrauben benannt hat, oder darum, dass für den anvisierten Nudelsalat keine einzige Zutat im Vorratsschrank zu finden ist – am Ende kann er zumindest einige Haken auf der Liste setzen, und für den Rest findet sich eine Notlösung. Okay, das „beste Buch der Welt“ ist das jetzt vielleicht noch nicht. Aber ein guter Begleiter in schwierigen Zeiten, sei es am 24. oder 31. Dezember.

Nele Pollatschek: „Kleine Probleme“, Galiani, 200 S., 23 Euro