Bunt, bunter, Coldplay – es ist eine Show der Superlative, mit der das Quartett aus London ihre Berliner Fans umgarnt. Und das gleich dreimal innerhalb von vier Abenden, mit jeweils gut 70.000 Besuchern. Beim ersten der drei Konzerte am Sonntagabend spielt die Band alle wichtigen Hits aus ihrer seit dem Millennium andauernden Bilderbuchkarriere – „Viva la Vida“, „Clocks“, „Paradise“, „Byutiful“ und viele mehr. Sänger Chris Martin versucht sich in seinen Ansagen in sympathisch gebrochenem Deutsch, lobt gleich mehrfach das Publikum und findet die üblichen anerkennenden Worte für die Stadt: „So gut, die Berliner Luft.“
Das gefällt, das kommt ganz ungemein sympathisch daher, auch wenn man es so oder ähnlich schon häufig gehört hat. Eher unauffällig sind Coldplay in den zurückliegenden 22 Jahren zu einem der größten Phänomene der Pop-Industrie geworden. Sie haben nie so große Euphorie ausgelöst wie manche andere, ihre Alben bekommen hin und wieder auch durchwachsene Kritiken, und ihnen haften mehrere Plagiatsvorwürfe an. Aber Coldplay waren irgendwie doch immer da. Dreimal hintereinander das Berliner Olympiastadion zu füllen, dieses Kunststück vollbringen nicht einmal Rammstein. Und die wenigen anderen, die das könnten – die Rolling Stones zum Beispiel – haben vermutlich einfach keine Lust mehr darauf.

Auf den Spuren von Bono Vox und Co.

Coldplay sind ein bisschen wie einst U2: Auf sie können sich (fast) alle einigen. Sie tun niemandem weh, sie überfordern ihre Zuhörer musikalisch nicht, und sie stehen auch noch für gute Werte: Frieden, Liebe, Optimismus, Gerechtigkeit – und Umweltschutz.
Die Band arbeitet daran, ihre Konzerte so umweltfreundlich wie möglich durchzuführen – dazu haben Coldplay im Vorfeld ihrer laufenden „Music oft he Spheres“-Tour Erklärungen veröffentlicht“, in denen sie beteuern, auf eine CO2-Reduktion hinzuarbeiten. Konzertbesucher können in abgegrenzten Arealen auf kinetischen Fußböden durch Auf- und Abhüpfen elektrische Energie erzeugen. Ebenso durch einige „Power-Bikes“ im hinteren Bereich des Stadion-Ovals, auf denen die Fans sich als Mini-Kraftwerke abstrampeln dürfen. Auf den Lautsprechermasten thronen kleine Windrotoren. Von einem Teil der Eintrittskarten werden Wiederaufforstungsprojekte und die Reinigung der Ozeane finanziert. Vor Beginn des Konzertes laufen Videospots von Umwelt-NGOs auf den kreisrunden Videobildschirmen links und rechts von der riesigen Bühne.

Auftakt mit „Higher Power“ und Feuerwerk

Und dann geht es los mit „Higher Power“ vom aktuellen Album „Music of the Spheres“, umrahmt von einem opulentem Feuerwerk. Nach wenigen Minuten riecht das Stadion schwer nach Silvesternacht. Wie das nun zur Bemühung um eine gute Umweltbilanz passt, sollte man wohl lieber nicht hinterfragen. Klar, das gesamte Öko-Konzept ist nicht zuletzt eine geschickte Image-Kampagne. Gemeinsam mit mehr als 70.000 anderen Zuschauern in diesem Riesen-Stadion zu sitzen und Coldplay bei ihrer Überwältigungsshow zuzuschauen, fühlt sich ein bisschen so an, wie mit dem SUV zum Bio-Supermarkt zu fahren und das gekaufte Lachsfilet im Jutebeutel bis zum Kofferraum zu tragen.
Der Stimmung tut das aber keinen Abbruch. Das Publikum auf den Rängen springt schon nach den ersten Takten von den Sitzen auf, und stehend geht es für die meisten Anwesenden fast ausnahmslos durch die nächsten zwei Stunden weiter. Die Bühnenshow ist schon beeindruckend, als das noch vorhandene Tageslicht es verbietet, das ganz große Besteck auszupacken: Überdimensionale bunte Bälle schweben durch das Stadion-Oval.

Rund 70.000 leuchtende Arme

Die Fans konnten sich am Eingang vor Beginn des Konzertes blinkende LED-Armbänder abholen – natürlich aus kompostierbarem Kunststoff – die zentral gesteuert und farblich verändert werden können. Bei der frühen Hit-Single „Yellow“ leuchtet daher das gesamte Stadion in Gelb. Bei dem Song „Clocks“ mit seinem unermüdlichen Klavier-Arpeggio ist Grün die Leitfarbe.
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Später folgen noch, von Lied zu Lied wechselnd: Blau, Violett, Weiß, wieder Gelb – und alles bunt durcheinander. Sogar überdimensionale Herzen können die Lichtshow-Experten der Tour-Produktion derart in die Ränge zaubern.
Und damit setzen Coldplay in der Tat Maßstäbe in Sachen Immersion. Auch für Zuschauer auf den hintersten Rängen, viele Meter von der Bühne entfernt, wird das Konzert zu einem unmittelbaren, sinnlichen Erlebnis. Farben, Laserstrahlen, Flammenwerfer, quietschbunte Videoprojektionen, bunte Konfettibomben, ein mächtiges Breitwand-Soundgewitter – die vierköpfige Band ist einfach überall an diesem Abend. Dazu tragen auch die beiden kleinen Ergänzungsbühnen in der Stadionmitte bei, zu denen das Quartett sich hin und wieder für einige Stücke über einen langen Steg von der Hauptbühne aus begibt. Für die Klavierballade „Let Somebody Go“ kommt Sängerin Hannah von der Vorband London Grammar zum Duett auf eine dieser Mini-Bühnen.

Lärmender Klangbrei, wiederkehrende Akkordfolgen

Die Klangqualität freilich lässt zu wünschen übrig. Die Gitarren kommen bei den besonders bombastischen Songs matschig und grell übersteuert daher, es ist bisweilen alles ein wenig zu laut und undifferenziert. Aber Coldplay sind bei Weitem nicht die ersten, die mit der hallenden Akustik im Berliner Olympiastadion kämpfen. Und die Musik ist bei Coldplay-Stadionkonzerten bisweilen auch eher Nebensache; in ihrem Songwriting hat die Band trotz stetig veränderter, modernisierter Produktion zuletzt nicht mehr die ganz großen Fortschritte gemacht. Es sind die immer gleichen Akkordfolgen, die hier mit viel Wumms rausgehauen werden. Ohnehin teilt sich musikalischer Maximalismus ja häufig mit seinem Gegenpol, dem Minimalismus, die Eigenart, dass er sich in ganz einfachen Mustern und Strukturen abspielt.
Der 45-Jährige Chris Martin rennt dafür umso energiegeladener über die Bühne, gewandet in eine Art Trainings-Dress mit neonfarbenen Applikationen. Er bedankt sich artig bei den Anwesenden, dass sie gekommen sind – trotz des Krieges, trotz der Wirtschaftskrise, trotz der Pandemie und – ernsthaft – trotz des Stadtverkehrs, und obwohl ja wohl manche am darauffolgenden Montagmorgen früh aufstehen müssten. Mit Chris Martin ein Konzert feiern, das ist ein bisschen wie die Teilnahme an einem Achtsamkeitsseminar.

Ein Kumpeltyp und drei unauffällige Begleiter

Es ist bemerkenswert und irgendwie symptomatisch für den astronomischen Erfolg dieser Band: Chris Martins Auftreten ist überhaupt nicht besonders charismatisch. Er wirkt weder rätselhaft noch mysteriös, er schlüpft nicht in Rollen. Er gibt sich einfach sensibel und aufmerksam. Die Botschaft: Man kann auch ganz normal sein und doch ein großer Performer. Typ Kumpel von nebenan oder älterer Bruder, der auch schon einmal darüber witzelt, dass einige der Anwesenden noch gar nicht geboren sein dürften, als Coldplay einen älteren Song zum ersten Mal in Berlin gespielt haben.
Die Band lässt in gewohnter Weise ihrem Frontmann Chris Martin den Vortritt und liefert solide Begleitmusik ab. Gitarrist Jonny Buckland versagt sich jegliche Soloparts, die die Aufmerksamkeit des Publikums herausfordern könnten. Schlagzeuger Will Champion setzt allenfalls durch einige prononcierte Groove-Zitate Akzente, so etwa durch seinen wuchtigen Einstieg bei „In My Place“ – ein Schlagzeugrhythmus, der sehr an den Led-Zeppelin-Schlagzeuger John Bonham erinnert. Und Guy Berryman zupft seinen Bass absolut unauffällig.

Comic-Pop und der Rausch der Unmittelbarkeit

Als der Abend gut halb herum ist, taucht das Quartett in futuristischen Robotor-Insekten-Masken auf der Bühne auf. Die quietschbunte Comic-Pop-Show geht jetzt mit neueren, von Synthesizerklängen dominierten Songs weiter. Dazu wird dem Publikum per Videoleinwand die Botschaft „If you want love, be love“ („Wenn Du Liebe willst, sei Liebe“) eingehämmert. Es ist alles die pure Überwältigung, es ergibt alles überhaupt keinen tieferen Sinn, und es ist in dieser knalligen, rauschhaften Unmittelbarkeit einfach wunderbar.
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Der britische Künstler Damien Hirst hat im Jahr 2006 ein Buch mit einem wunderbar ironischen Titel veröffentlicht: „I Want to Spend the Rest of My Life Everywhere, with Everyone, One to One, Always, Forever, Now“ („Ich möchte den Rest meines Lebens überall verbringen, mit Jedem, von Angesicht zu Angesicht, immer, auf ewig, jetzt“. Es scheint fast, als hätten Coldplay sich vorgenommen, diesen Titel in ein Konzert zu verwandeln. Hier gibt es alle Farben, alle Klänge, alle Gefühle, alle alles, alles für alle, und alles auf einmal.

Ein Lied ganz ohne Mobiltelefone

Und einen ganzen Himmel voller Sterne. Darunter machen Coldplay es einfach nicht. Bei „A Sky Full Of Stars“ fährt ein Notarztwagen ins Stadion ein, die Sanitäter schwirren ins Publikum aus. Chris Martin unterbricht die Show. Er berät sich kurz mit den anderen drei Bandmitgliedern und erkundigt sich so einfühlsam nach dem Befinden der Anwesenden, als wäre dieser Zwischenfall geplant gewesen. Und tatsächlich: Die Internet-Recherche ergibt, dass Coldplay einige Abende zuvor in Warschau einen ganz ähnlichen Showstopper eingebaut hatten.
Wenig später kommt in Berlin also die „Entwarnung“ von den Sanitätern: alles in Ordnung. Coldplay beginnen „A Sky Full Of Stars“ noch einmal von vorne und Martin bittet die Fans, für diesen einen Song auf ihre Mobiltelefone zu verzichten. Es zählt nur dieser Moment mit all den anderen Anwesenden, die, wie der Bühnen-Philosoph Chris Martin erklärt, in dieser Konstellation nie wieder in einem Raum zusammenkommen werden. Das muss man erst einmal schaffen: In diesem blitzenden, blinkenden, riechenden, ohrenbetäubend lauten Hightech-Ambiente eine Illusion des Verzichts und der persönlichen Nähe herzustellen. Wer dieses paradoxe Kunststück vollbringt, ist vermutlich in der perfekten Inszenierung angekommen – oder eben einfach ein Magier.
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Ihren Song „Magic“ vom 2014er-Album „Ghost Stories“ allerdings haben Coldplay an diesem Abend leider weggelassen. Dafür gibt es gegen Ende des Abends noch eine andere politische Botschaft, mit der Chris Martin wiederum auf den Pfaden von U2-Sänger Bono Vox wandelt. Den Song „Something Just Like This“ singt Martin gemeinsam mit einem Chor aus ukrainischen Kindern. Frieden: klar, auch wichtig für eine solche Show.
Pünktlich um 23 Uhr ist diese flirrende Farb-Phantasmagorie zu Ende. Wer mit Stadionkonzerten überzeugen will, muss heute perfekt choreographierte Multimedia-Spektakel abliefern. Vorbei sind die Zeiten, mit denen sich das Publikum auf den hinteren Rängen mit einfachen Videoleinwänden zufrieden stellen lässt. Das ist auch bei anderen Interpreten längst angekommen. Wer aber nach Coldplay im Jahr 2022 noch auf Stadiontour gehen will, muss sich wirklich etwas einfallen lassen.
Ausstehende Coldplay-Konzerte am 12. und 13. Juli, Olympiastadion Berlin, ggf. Restkarten verfügbar