Komische Oper Berlin
: Wie Dagmar Manzel „Hänsel und Gretel“ inszeniert

Keineswegs nur ein Stück für Kinder ist Humperdincks Märchenoper „Hänsel und Gretel“. Warum Regisseurin Dagmar Manzel ein echter Glücksfall ist.
Von
Irene Bazinger
Berlin
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Susan Zarrabi und Alma Sadé als Hänsel und Gretel in Dagmar Manzels Inzenierung an der  Komischen Oper Berlin

Susan Zarrabi und Alma Sadé als Hänsel und Gretel in Dagmar Manzels Inzenierung an der Komischen Oper Berlin

Jan Windszus
  • Dagmar Manzel inszeniert „Hänsel und Gretel“ an der Komischen Oper Berlin.
  • Die Oper, für Kinder und Erwachsene, verzichtet auf moderne Aktualisierungen.
  • Ein beweglicher Wald und Engel als Akrobaten prägen das Bühnenbild.
  • Dirigentin Yi-Chen Lin und Tenor Daniel Kirch sorgen für musikalische Höhepunkte.
  • Nächste Vorstellungen: 21.2., 9.3., 18.3., 20.3., 24.3.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Dass Märchen ein Lesestoff für Kinder sein sollen, verwundert immer wieder angesichts all der Nöte und Brutalitäten, die darin vorkommen. Wenn heute selbst Dramen der Klassik oder die Softkrimireihe „Rosenheim-Cops“ mit Triggerwarnungen versehen werden – „Alkohol, Gewalt“ -, was müsste man erst zu Grimms Märchen sagen? In „Hänsel und Gretel“ etwa leiden Menschen schrecklichen Hunger, Kinder werden gefangen genommen, getötet, gegessen, am Schluss wird die kannibalische Hexe kurzerhand verbrannt.

Ein Glücksfall jedenfalls ist es, dass die Komische Oper das Märchenspiel „Hänsel und Gretel“ von Engelbert Humperdinck in die Hände von Dagmar Manzel gelegt hat. Die Schauspielerin hat hier schon 2022 mit dem Kinder-Musical „Pippi Langstrumpf“ von Franz Wittenbrink einen großen Erfolg gefeiert und gezeigt, wie inspiriert sie Regie führen kann.

Ein Wald, der sich bewegt

Das ist diesmal nicht anders – und dabei ganz märchenhaft. Denn es gibt keine aufgesetzten Aktualisierungen, die Hexe ist nicht pädophil, Hänsel und Gretel erleben ein Abenteuer, keinen sexuellen Missbrauch. Mit all ihrer Berufserfahrung wie der Freude am Spielen vertraut Dagmar Manzel der Phantastik der Geschichte und der Poesie der Musik. Souverän spricht sie auf diese Weise Kinder und Erwachsene an, kann den Kosmos des Werks so vielschichtig wie humorvoll, so geistreich wie pittoresk ausdeuten.

Das Bühnenbild von Korbinian Schmidt mit dem jämmerlichen Häuschen der mittellosen Eltern von Hänsel und Gretel weicht bald einem gespenstischen Wald, der sich bewegt. Das liegt daran, dass die Bäume von Tänzerinnen und Tänzern dargestellt werden, die in den hinreißenden Kostümen von Victoria Behr riesige transparente Blätter am Rücken tragen. Zur Nacht ringeln sich diese ein, am Morgen, wenn Julia Schaffenrath als Taumännchen auftaucht, falten sie sich wieder auseinander.

Ein Engel turnt an einem Trapez

Die Natur ist hier nicht der Feind der Kinder, sondern eher ihr kecker Gefährte. Selbst wenn sich die zwei im Wald verirren und ein wenig gruseln, tut ihnen niemand etwas, im Gegenteil: Auch die dunklen Bäume wollen nur spielen. Und wenn Hänsel und Gretel bei Vollmond ihren „Abendsegen“ gesungen haben und einschlafen, erscheinen zu ihrem Schutz tatsächlich vierzehn Engel als Mischung zwischen Ballettgruppe und Figuren aus dem Voynich-Manuskript, einem rätselhaften mittelalterlichen Schriftstück. Ein Engel turnt überdies am Trapez und schwingt sich schwerelos in die Träume der Kinder (Choreografie: Christoph Jonas).

Überhaupt ist immer alles in Bewegung, sogar das Hexenhaus läuft auf Hühnerbeinen herum. Die Dirigentin Yi-Chen Lin ist dafür die wunderbare Taktgeberin, die Humperdincks aufgekratzte Rhythmen präzise zelebriert, die orchestralen Klangwogen feiert und das Ensemble wie auf Samtpfoten trägt. Als heimtückische Knusperhexe verbreitet der Tenor Daniel Kirch negative Energien und sorgt für mörderische Bösartigkeit trotz geblümtem Oma-Kleid unter dem harmlosen Strickjäckchen.

Wenn die Hexe schließlich im Ofen brät, werden auch ihre bisherigen Opfer befreit. Da tritt ein vielköpfiger Kinderchor auf und steht wie ein wetterfester Lattenzaun an der Rampe. Irgendwann gesellen sich noch die Eltern von Hänsel und Gretel dazu, die ihre Sprösslinge lange vergeblich gesucht haben. Dann sind alle in herzlicher Ausgelassenheit und hüpfdohlenhaftem Glück beisammen und loben Gott, der in der größten Not Hilfe schickt.

Magische Traumwelten im Bühnenbild von Korbinian Schmidt an der Komischen Oper Berlin

Magische Traumwelten im Bühnenbild von Korbinian Schmidt an der Komischen Oper Berlin

Jan Windszus

Mit dem „Dessauer Marsch“, den Humperdinck 1894 extra für die dortige Aufführung komponiert hatte, endet Dagmar Manzels prächtige Inszenierung so undogmatisch wie famos: Die bunten Naturfabelwesen trippeln entspannt wie auf dem Weg zur Kantine von der Bühne – alles Theater, alles Märchen, alles gut!

Nächste Vorstellungen Fr 21.2., So 9.3., Di 18.3., Do 20.3., Mo 24.3. Komische Oper im Schillertheater, Bismarckstraße 110, Berlin-Charlottenburg, Tel. 030 47997400, www.komische-oper-berlin.de