Oper in Rheinsberg
: Eine Gala mit Hindernissen – das ist passiert

Mit bekannten Opernarien startet traditionell die Saison bei der Kammeroper Rheinsberg. Diesmal war alles etwas anders.
Von
Christina Tilmann
Rheinsberg
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Alles geschafft: Das junge Ensemble bedankt sich am Ende der Operngala

Alles geschafft: Das junge Ensemble bedankt sich am Ende der Operngala auch bei einem geduldigen Publikum. Es musste einiges aushalten an diesem Abend.

Christina Tilmann

Oper ist großes Drama, das ist immer so. Doch beim Auftaktkonzert der Kammeroper Rheinsberg galt das mehr als sonst. Nicht nur, dass ein heftiger Regenguss am Nachmittag das traditionelle Open Air Konzert im Schlosshof zu Rheinsberg gefährdete. So hoch die Luftfeuchtigkeit, die effektvoll den Nebel über den Grienericksee aufsteigen ließ, so ungewiss die Wettervorhersage, dass das Brandenburgische Staatsorchester aus Frankfurt (Oder) aus Sorge um die kostbaren Instrumente lieber nicht im Freien antrat. Es spielte stattdessen live im benachbarten Schlosstheater, die Klänge wurden per Lautsprecher in den Schlosshof übertragen und die jungen Sänger mussten die Einsätze von Dirigent Azis Sadikovic vom Monitor ablesen.

So weit, so geübt beim Rheinsberger Sommerfestival, das schon häufiger unter ungünstigen Witterungsverhältnissen leiden musste - so wurde 2022 die Premiere von Mozarts „Entführung aus dem Serail“ in der Pause wegen Extremkälte abgebrochen. Doch am Donnerstag Abend kommt es noch heftiger.

Ein medizinischer Notfall unterbricht das kaum begonnene Konzert, bringt Moderator Frederik Hanssen vom Berliner „Tagesspiegel“ zum souverän überbrückenden Improvisieren - und kaum haben die jungen Sängerinnen Valérie Fleur Ryser, Caroline Ottocan und Dominika Markova ihr Terzett aus Domenico Cimarosas „Il matrimonio segreto“ aufgenommen, fliegt knatternd der aus Neuruppin herbeigerufene Rettungshubschrauber über den Schlosshof ein, unterbricht ohrenbetäubend jeden Gesang. „So etwas haben wir in 31 Jahren Kammeroper nicht erlebt“, sagen selbst Festivaldauergäste.

Neustart nach Hubschraubereinsatz: Valérie Fleur Ryser, Caroline Ottocan und Dominika Markova bei Cimarosas Zickenterzett aus Il matrimonio segreto

Neustart nach Hubschraubereinsatz: Valérie Fleur Ryser, Dominika Markova und Caroline Ottocan bei Cimarosas Zickenterzett aus "Il matrimonio segreto"

Jürgen Rammelt

Bewährungsprobe bravourös gemeistert

Doch auch das wird bewältigt, die Piloten warten mit dem Rückflug freundlicherweise bis zur Pause und das (nicht minder dramatische) Opergeschehen nimmt seinen (nur von etwas Regen nach der Pause noch behinderten) Lauf. Für die jungen Sängerinnen und Sänger, die als Preisträger des Internationalen Gesangswettbewerbs hier ihren großen Auftritt mit bekannten und beliebten Evergreens der Opernliteratur haben, eine besondere Bewährungsprobe - die sie bravourös und gut gelaunt meistern, einschließlich Seitenapplaus und Unterstützungsjubel aus den eigenen Reihen. Am Ende locken Rollen in den Eigenproduktionen der nächsten Jahre - so wird Marianna Herzig 2025 in der Produktion von Mozarts „Il re pastore“ zu erleben sein.

Die Arien von Händel bis Bizet, von Mozart bis Puccini sind tatsächlich ein Wunschkonzert, bei dem das Publikum jedes Stück mitsummen könnte (und gelegentlich auch tut). Und sie lassen den elf Sängerinnen und Sängern genug Raum für den großen Auftritt, für die eigene Persönlichkeit, für eine lustvoll ausagierte Charakterrolle. Da flirtet Marianna Herzig als Morgana aus Händels Oper „Alcina“ hemmungslos mit dem Publikum, während sie ihren hellen, federleichten Sopran mühelos in die höchsten Höhen schickt, legt Fanny Utiger als Violetta aus „La Traviata“ vor der Pause den ganz großen Auftritt mit höchstem Drama hin, kann Domenika Markova mit der berühmten Carmen-Habanera schillernde Verführung und Johanna Hauptstock mit der Arie der Azucena aus Verdis „Trovatore“ großes Drama, oder es treten Valérie Fleur Ryser und Caroline Ottocan erfolgreich zum Zickenkrieg der beiden Schwestern in Cimarosas „Heimlicher Hochzeit“ an. Moderator Frederik Hanssen würzt die Darbietungen mit humorvollen Kurzzusammenfassungen der immer sehr verwickelten, aber immer um die Liebe kreisenden Opernplots und führt damit flott und konzentriert durch den immerhin dreistündigen Abend.

Exzellent diesmal auch die Herrenriege, mit Seungwoo Sun und Chen Li, die in dem Duett aus George Bizets „Perlentauchern“ zu ergreifenden Freundschaftsaustausch kommen, oder mit Maksim Andreenkov, der seine leichte stimmliche Indisposition mit großer Bühnenpräsenz, Eleganz und herrlich finsteren Blicken wettmacht. Aaron Eunhyuk Lee, der schon sonor und sehr großzügig die berühmte Sarastro-Arie „In diesen heilgen Hallen“ zum Besten gab, hat mit Richard Strauss' Monolog des Sir Morosus aus der „Schweigsamen Frau“ quasi das Schlusswort, mit den Zeilen: „Wie schön ist doch die Musik, aber wie schön erst, wenn sie wieder vorbei ist. “

Stimmgewaltig: Bariton Seungwoo Sun aus Südkorea bei der Operngala in Rheinsberg

Stimmgewaltig: Bariton Seungwoo Sun aus Südkorea bei der Operngala in Rheinsberg

Jürgen Rammelt

Das würde an diesem Abend niemand unterschreiben, weder das dankbare, animinierte Publikum noch das junge Ensemble, das sich mit einem schwungvollen Zugabe bedankt. Nur Dirigent Azis Sadikovic und sein Frankfurter Staatsorchester können den Applaus nur per Schalte genießen. Für die nächsten Abende ist trockene Witterung angesagt, bevor es dann mit der Wiederaufnahme von Glucks „Iphigenie in Aulis“ im Heckentheater weitergeht.

Nächste Aufführungen: 28. und 29. Juni, 19.30 Uhr, Schlosshof Rheinsberg, Karten unter kammeroper-schloss-rheinsberg.de. An allen Abenden ist eine Rückfahrt mit dem Sonderzug der NEB nach Berlin möglich. Abfahrtszeiten jeweils gegen 23:10 Uhr Weitere Infos unter www.NEB.de/kammeroper