Oscars 2023
: „Everything Everywhere All at Once“ – das ist der Film, der den Oscar als bester Film gewonnen hat

Der Film „Everything Everywhere All at Once“ ist alles auf einmal: durchgeknallter Science-Fiction, Hommage an das Weltkino – und der große Gewinner der Oscar-Verleihung 2023.
Von
Christina Tilmann
Frankfurt (Oder)
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Ausgezeichnet als beste Schauspielerin: Michelle Yeoh als Evelyn in einer Szene des Films «Everything Everywhere All At Once». Der Film ist der große Gewinner der Oscarverleihung 2023.

David Bornfriend/Leonine/dpa

Es beginnt so harmlos: Waschsalonbesitzerin Evelyn, gespielt von Michelle Yeoh, hat einen schlechten Tag: Die Steuerprüfung steht an, und sie hat noch keine Ordnung in die unzähligen Belege gebracht, die sich auf ihrem Tisch stapeln, dann soll noch der Geburtstag des Vaters gefeiert werden, der gerade aus China angereist ist, mit der pubertierenden Tochter (Stephanie Hsu) gibt es mal wieder Stress und ihr freundlicher Ehemann Waymond (Ke Huy Quan) steht mit den Scheidungspapieren in der Tür. Kein Wunder, dass Evelyn etwas angepannt ist und der strengen Finanzbeamtin Deirdre (Jamie Lee Curtis) nicht richtig zuhören kann.

Wer jetzt glaubt, „Everything Everywhere All at Once“ sei ein Sozialdrama im US-amerikanischen Migrantenmilieu, liegt falsch. Der Film von Daniel Kwan und Daniel Scheinert, der derzeit beim Streamingdienst Amazon Prime gegen Bezahlung zu sehen ist und am 28. April in die deutschen Kinos kommen soll, ist ein wilder Trip voll überbordender Einfälle: Denn in ihrer Not entdeckt Evelyn plötzlich einen Weg ins Metaversum, in dem alles anderes ist: Sie hat diverse Vorleben, in denen sie u.a. als Martial Arts-Kämpferin, Sängerin, Filmstar oder Spitzenköchin aktiv war, und es braucht nur jeweils einer besonders überraschenden Aktion, um die Welten und die Versionen des eigenen Ichs zu wechseln.

Anspielungen an viele bekannte Filme

Der Film kombiniert in einem anarchischen Mix Elemente aus Science-Fiction, Fantasy, Martial Arts, Slapstick-Komödie und Familien-Drama. Und er ist eine Freude für Filmfans: Zitate aus „Mein wunderbarer Waschsalon“, „Tiger und Dragon“, „Kill Bill“, „Odyssee 2001“, „Ratatouille“ oder „In the Mood for Love“ werden in den verschiedenen Paralleluniversen durchgespielt, während Evelyn versuchen muss, einer mutierten Version ihrer Tochter zu entkommen, die den „schwarzen Bagel“ erfunden hat, um damit die Welt auszulöschen.

Grund zum Feiern: Jamie Lee Curtis (l-r), James Hong, Jenny Slate, Tallie Medel und Stephanie Hsu nehmen den Preis für den besten Film für «Everything Everywhere All at Once» bei der Oscar-Verleihung im Dolby Theatre in Los Angeles entgegen.

Chris Pizzello/Invision/AP/dpa

Die Finanzbehörde verwandelt sich nun in einen wilden Martial-Arts-Kampfplatz. Evelyn reist durch unterschiedliche Universen und versucht, auf die Fähigkeiten all der Versionen ihrer selbst zuzugreifen, um gegen das Böse zu kämpfen. Dabei merkt sie, dass ihre Alternativ-Versionen deutlich spannendere Leben führen als sie - und kommt ins Grübeln, ob sie in ihrem Leben wohl oft falsch abgebogen ist.

Wechsel in das bessere Leben

Die Zuschauer finden sich in Welten wieder, in der Menschen Hotdogs als Finger haben oder keine Menschen mehr sind, sondern Steine. Zu solch absurden Gags kommt noch hinzu, dass die Regisseure Daniel Kwan und Daniel Scheinert Referenzen auf alle möglichen Filme der Vergangenheit einbauen. Man verliert schonmal den Faden in diesem Chaos. Sicher ist jedenfalls: So etwas hat man im Kino noch nie gesehen. ´

Bei allen Schrulligkeiten hat der Film auch einen soziologischen und emotionalen Kern. Da ist zum einen eine anrührende Familiengeschichte. Und eine Idee, die auch viel über unsere Gegenwart erzählt. So leben wir in einer Welt, in der uns andere Möglichkeiten und Entscheidungen immer wieder vor Augen geführt werden. Wo wir uns ständig entscheiden müssen, was auch mal überfordernd sein kann. Die Frage, ob wir das für uns selbst beste Leben führen, wurde wohl selten witziger durchgespielt als in diesem Film.

Der Film funktioniert also gleichermaßen für Action-Fans, Cineasten und Menschen, die einfach einmal zwei Stunden wegwollen aus ihrem eigenen stressigen Leben. Kein Wunder, dass er am Ende im Vergleich mit einem finsteren Weltkriegsdrama und dem Porträt einerehrgeizigen Dirigentin die Herzen der Oscar-Abstimmenden ebenso gewann wie die des Publikums. Der von Kritikern gefeierte wilde Genre-Mix gewann auch die Oscars für die beste Regie, für die beste Hauptdarstellerin (Michelle Yeoh), die beste Nebendarstellerin (Jamie Lee Curtis), den besten Nebendarsteller (Ke Huy Quan), das beste Originaldrehbuch und den besten Schnitt.

Malaysia feiert Michelle Yeoh

Und: Nach dem Oscar-Gewinn von Michelle Yeoh als beste Hauptdarstellerin feiert ihr Heimatland Malaysia die Schauspielerin. Die 60-Jährige sei nicht nur die erste Malaysierin, sondern die erste Asiatin überhaupt, die in der wichtigen Kategorie geehrt worden sei, jubelte die Zeitung „Malay Mail“ am Montag wenige Minuten nach der Preisvergabe. Yeoh hatte sich in ihrer Dankesrede direkt an Mädchen und Jungen in Asien gewandt und betont, ihr Oscar-Gewinn sei „ein Leuchtfeuer der Hoffnung und Möglichkeiten“ für sie. „Das ist der Beweis, dass Träume wahr werden. Und meine Damen, lassen Sie sich von niemandem sagen, dass Sie Ihre Blütezeit überschritten haben“, betonte der Filmstar.

Das sind die Oscars 2023

- Bester Film: „Everything Everywhere All at Once“

- Bester internationaler Film: „Im Westen nichts Neues“ (Deutschland)

- Regie: Daniel Kwan und Daniel Scheinert („Everything Everywhere All at Once“)

- Hauptdarstellerin: Michelle Yeoh („Everything Everywhere All at Once“)

- Hauptdarsteller: Brendan Fraser („The Whale“)

- Nebendarstellerin: Jamie Lee Curtis („Everything Everywhere All at Once“)

- Nebendarsteller: Ke Huy Quan („Everything Everywhere All at Once“)

- Kamera: James Friend („Im Westens nichts Neues“)

- Original-Drehbuch: Daniel Kwan und Daniel Scheinert („Everything Everywhere All at Once“)

- Adaptiertes Drehbuch: Sarah Polley („Die Aussprache“)

- Schnitt: Paul Rogers („Everything Everywhere All at Once“)

- Filmmusik: Volker Bertelmann alias Hauschka („Im Westen nichts Neues“)

- Filmsong: „Naatu Naatu“ („RRR“)

- Produktionsdesign: Christian M. Goldbeck und Ernestine Hipper („Im Westen nichts Neues“)

- Ton/Sound: Mark Weingarten, James H. Mather, Al Nelson, Chris Burdon und Mark Taylor („Top Gun: Maverick“)

- Visuelle Effekte: Joe Letteri, Richard Baneham, Eric Saindon und Daniel Barrett („Avatar: The Way of Water“)

- Animationsfilm: „Guillermo del Toro's Pinocchio“

- Animations-Kurzfilm: „The Boy, The Mole, The Fox and the Horse“

- Dokumentarfilm: „Nawalny“

- Dokumentar-Kurzfilm: „Die Elefantenflüsterer“ (The Elephant Whisperers)

- Make-up/Frisur: Adrien Morot, Judy Chin und Annemarie Bradley („The Whale“)

- Kostümdesign: Ruth Carter („Black Panther: Wakanda Forever“)

- Kurzfilm: „An Irish Goodbye“