Ostdeutschland vor der Wahl
: Moderatorin Jessy Wellmer zur Lage der Demokratie

„Machen wir unsere Demokratie kaputt?“, fragt Moderatorin Jessy Wellmer in ihrer neuen Recherche zur Lage im Land. Die Antworten, die sie erhält, überraschen.
Von
Christina Tilmann
Frankfurt (Oder)
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Jessy Wellmer mit Serdar Kaya, Geschäftsführer bei einem sächsischen Fallschirmhersteller, auf dem Marktplatz in Zittau.

Jessy Wellmer mit Serdar Kaya, Geschäftsführer bei einem sächsischen Fallschirmhersteller, auf dem Marktplatz in Zittau.

NDR/Felix Korfmann/beckground tv

In Thomas Schurig, dem Bürgermeister von Dorfchemnitz in Sachsen, hat Jessy Wellmer ihren Meister gefunden. Die 1500-Seelen-Gemeinde im Erzgebirge hat bei der letzten Bundestagswahl mit einem Wahlergebnis von 48 Prozent AfD-Wählern Rekord geschrieben. Doch der Bürgermeister sieht die Sache entspannt: Der Zusammenhalt in seiner Gemeinde sei gut, er rede mit allen, auch mit den Vertretern der AfD. „Man kann nicht 25 Prozent der Bürger zu Buh-Männern erklären“, fordert der parteilose Kommunalpolitiker. „Wenn wir aufhören, miteinander zu reden, ist die Demokratie am Ende.“

Genau das hat auch die Tagesthemen-Moderatorin Jessy Wellmer vor: mit den Menschen reden. Vor allen den Menschen in Ostdeutschland, die aktuell vor den Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg stehen – und nach Umfragen zu großen Anteilen vorhaben, die AfD oder das Bündnis Sahra Wagenknecht zu wählen.

Fragen an Deutschland – eine Reise durchs Land

Zum dritten Mal, nach „Russland, Putin und wir Ostdeutsche“ (2022) und „Hört uns zu! Wir Ostdeutsche und der Westen“ (2023), hat die Journalistin mit „Machen wir unsere Demokratie kaputt?“ eine ARD-Dokumentation gedreht. Sie hat das Thema auch in dem in diesem Jahr bei Kiepenheuer & Witsch erschienenen Buch „Die neue Entfremdung – Warum Ost- und Westdeutschland auseinanderdriften und was wir dagegen tun können“ behandelt.

Wellmer, 1979 in Güstrow geboren und inzwischen in Berlin-Charlottenburg lebend, macht sich Sorgen um ihr Land. Und um die Demokratie, die sie als Zehnjährige nach der Wende bekam und nun nicht wieder hergeben will, wie sie sagt.

Das wollen allerdings die Menschen im Land auch nicht. Bei Umfragen, mit denen die ARD die Reportage von Jessy Wellmer begleitet, erklärten 87 Prozent der Befragten, dass sie die Demokratie eine gute Staatsform fänden, nur neun Prozent sahen das anders. Schlüsselt man das weiter auf, waren allerdings besonders viele AfD- und BSW-Sympathisanten unter diesen neun Prozent.

Wie umgehen mit dem Hass?

Bei den Gesprächen, die sie in Dresden und Köln, in Zittau und Berlin führt, wird das Bild dann doch differenzierter. Sie spricht mit Dirk Neubauer, der unlängst seinen Posten als Landrat in Mittelsachsen aufgab, weil er den Hass nicht mehr ausgehalten hat. Mit Tränen in den Augen erzählt er von den persönlichen Bedrohungen und prophezeit: „Wir werden in Schutt und Asche landen. Es ist nicht fünf vor, sondern zehn nach zwölf.“

Aber sie spricht auch mit Henriette Reker, der Oberbürgermeisterin von Köln, die 2015 ein Attentat überlebte und heute Politikerkollegen und -kolleginnen berät, wie man umgeht mit Angriffen und Angst. Und sie spricht mit dem Soziologen Steffen Mau, der sich selbst als glühenden Demokratie-Enthusiasten bezeichnet und trotzdem einen ostdeutschen Sonderweg propagiert. Auch er sagt allerdings: „Zur Politik gehört, dass wir die Spielregeln akzeptieren. Sonst bricht Chaos aus.“

In ihrer neuen Reportage geht Jessy Wellmer den Fragen nach, warum so viele Menschen im Land an der Demokratie zweifeln und ob die Demokratie in Gefahr ist.

In ihrer neuen Reportage geht Jessy Wellmer den Fragen nach, warum so viele Menschen im Land an der Demokratie zweifeln und ob die Demokratie in Gefahr ist.

rbb/NDR/Felix Korfmann/beckgroun

Es sind immer wieder die gleichen Themen, die ihr begegnen: Sorge vor einem Krieg mit Russland, Ärger über restriktive Maßnahmen während der Corona-Pandemie, Hass auf Geflüchtete und Politiker, Kritik an fehlender Meinungsfreiheit. Die größte Gefahr für die Demokratie, sagt eine Frau am Rande eines heftig angefeindeten Olaf-Scholz-Auftritts in Dresden, sei, dass sie keine mehr ist. Ein junger Ehrenamtlicher, der bei der Veranstaltung mithilft, sagt hingegen, er habe regelrecht Angst vor der Aggression, die er um sich herum spüre.

Am spannendsten jedoch sind nicht die Politiker, sondern die Menschen vor Ort. Wie Serdar Kaya, Geschäftsführer einer sächsischen Fallschirmfirma, der in Zittau lebt und mit mulmigem Gefühl am Rande einer Montagsdemo steht. Wenn dort gegen eine „bunte Gesellschaft“ polemisiert wird, fühlt er sich als Deutschtürke der zweiten Generation durchaus angesprochen und beobachtet eine neue Qualität des Rassismus, der salonfähiger geworden sei. Doch seine Näherinnen im Werk, die ansonsten auf die Politik schimpfen, lassen nichts auf ihn kommen, er sei ein guter Chef.

Der Thüringer Erik Lesser ist für seine Erfolge im Biathlon bekannt - und für klare politische Statements.

Der Thüringer Erik Lesser ist für seine Erfolge im Biathlon bekannt – und für klare politische Statements.

rbb/NDR/Felix Korfmann/beckground tv

Oder der Ex-Biathlet Erik Lesser, mit dem sich Wellmer als ehemalige Sportreporterin bestens versteht – bis das Thema auf Migranten kommt und Lesser sehr deutlich macht, dass er Geflüchtete, die sich nicht integrieren, sofort wieder zurückschicken würde.

Da wechselt die Moderatorin genauso die Rolle wie im Gespräch mit Dieter Nuhr, der von einseitiger Berichterstattung in den Medien spricht – und wird zur Verteidigerin ihrer Zunft. Dass das Thema, das sie behandelt, sie persönlich sehr umtreibt, macht Jessy Wellmer in jedem ihrer Filme deutlich. Eine Antwort auf ihre Frage hat sie am Ende nicht gefunden. Aber mit vielen verschiedenen Menschen gesprochen.

Die Dokumentation „Machen wir unsere Demokratie kaputt?“ läuft am 26. August um 20.15 Uhr in der ARD. In der ARD-Mediathek ist der Film ab 23. August, 18 Uhr, zu sehen.