Patti Smith in Berlin
: Wie das Konzert in der Zitadelle Spandau war

Sie kommt mit Sohn und ihrem Patti Smith Quartett - und hat viele Klassiker im Gepäck. Beim Konzert in der Zitadelle Spandau trotzt Patti Smith dem Regen.
Von
Christina Tilmann
Berlin
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Patti Smith spielt mit dem Patti Smith Quartett in der Zitadelle Spandau

Seite an Seite mit ihrem Sohn Jackson: Patti Smith spielt mit dem Patti Smith Quartett in der Zitadelle Spandau

Christina TIlmann
  • Patti Smith trat mit ihrem Quartett in der Zitadelle Spandau auf – trotz Regen und Texthängern.
  • Klassiker wie „Because the Night“ und „Peacable Freedom“ sorgten für Begeisterung.
  • Publikum unterstützte Smith mit Herz und Zuneigung bei Pannen und neuen Songs.
  • Botschaft: Einsatz für Natur und Freiheit – „Kämpft für euren Boden, eure Stimme zählt.“
  • Abschluss: „Power to the People“ und Ratschläge für den Heimweg im Regen.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Sie habe einen wunderbaren Day Off In Berlin gehabt, erzählt Patti Smith vergnügt. Nicht nur, weil es der Geburtstag von Marcel Proust war, den sie schätzt und verehrt. Der doppelte Regenbogen gestern – „haben Sie den gesehen“, fragt sie ins Publikum. Und dann abends der golden leuchtende Vollmond. „Natur tut alles für uns, was sie kann.“

Das Publikum steht währenddessen im leicht nieselnden Regen im Innenhof der Zitadelle Spandau – und wird von der Sängerin, die selbst ziemlich hustet, besorgt gefragt: „Seid ihr okay da draußen?“ Zum Schluss gibt es freundliche Ratschläge: Schnell nach Hause gehen, trockene Sachen anziehen, ein warmes Bad nehmen – und dann schöne Träume. Gute Nacht.

Die freundlichste Großmutter der Rockgeschichte

Nach Sympathiewerten ist Patti Smith die freundlichste Großmutter, die je ein Rockkonzert gegeben hat. Die grauen Haare zunächst zu Zöpfen geflochten, graue Strickmütze auf dem Kopf, entledigt sie sich schnell des schwarzen Mantels und der Mütze, wirft alles auf die Bühne, löst dann irgendwann auch die Zöpfe und steht zur Zugabe schließlich in T-Shirt und Weste da. Tanzt selbstvergessen zu „Dancing Barefoot“ vor sich hin, winkt fröhlich ins Publikum, in einer Mischung aus mädchenhafter Scheu und schamanenhafter Entrücktheit. Und wer nicht gerade zu weit hinten steht, wo der Ton schlecht ist, ist bezaubert von ihrem Auftritt.

Charmant überspielt die 78-Jährige manche Texthänger, muss mehrfach ansetzen, bis das Intro zu „Beneath the Southern Cross“ stimmt.  Zwischen den Songs gibt es Beratungen mit den Bandmitgliedern, welcher Song als nächstes gespielt werden soll – ohnehin tragen Tony Shanahan,  Seb Rochford und Jackson Smith sie souverän durch den Abend, und liefern mit langen Gitarrenbattles die nötige Energie, die das Rockkonzert braucht.

Auch der Versuch, mit „Bullet with Butterfly Wings“ von den Smashing Pumpkins einen neuen Song zu präsentieren, geht nach den ersten zwei Zeilen erst mal schief. Früher, vor fünfzig Jahren, waren da 75 oder 100 Leute, wenn sie ein neues Lied ausprobiert hat, erzählt sie etwas verlegen. Nun sind es 10.000, und sie tragen ihren Star mit Herzchen, ermutigenden Rufen und einer großen Welle der Zuneigung. Neun Konzerte spielt Patti Smith im Juli in Deutschland. Das in der Zitadelle Spandau ist das bei weitem Größte.

Solidarität zwischen Star und Publikum

Konzerte von Patti Smith sind Solidaritätsakte, in alle Richtungen. Aufrichtig dankbar scheint die Sängerin ihrem Publikum, das sie so unbeirrt und unverändert schätzt - „ihr gebt mir den Mut, weiterzumachen“. Und die Dankbarkeit kommt verdoppelt aus der Menge zurück: Das Risiko, dass Dinge auch schiefgehen können, ist bei Patti Smith eingepreist, gehört mit zu den Elementen, die ihre Konzerte live so lebendig wie gegenwärtig machen - es ist immer ein Seiltanz. Aber sie hat eine Botschaft, die unerschrockene Aktivistin, sorgt sich um die Natur, die von der Administration ihres Landes, der USA, immer mehr ausgebeutet werden, auf der Suche nach Öl, Gold und Edelmetallen und beschwört ihre Fans: „Kämpft für euren Boden, kämpft für euer Grün, für die Natur“.

Dass da immer noch genug Power ist, beweist die Punk-Lady nicht nur bei „Peacable Freedom“, das in einen einzigen großen Schrei nach Freiheit mündet und bei dem sie die zu erwartenden „Free Palestine“-Rufe aus der Menge entschieden mit „Free Everybody“ kontert. Auch „Redondo Beach“, mit dem das Konzert beginnt, „1959“ - als Hommage an den Dalai Lama, den sie bewundert, seit sie 12 war - oder „Upright Come“ sind echte Klassiker.

Singin' in the Rain: Jubel zum Abschluss des Konzerts am 11. Juli in der Zitadelle Spandau

Singin' in the Rain: Jubel zum Abschluss des Konzerts am 11. Juli in der Zitadelle Spandau

Christina TIlmann

Aber erst in der Schlussrunde bringt „Because the Night“, geschrieben damals für ihren Freund Fred „Sonic“ Smith – Sohn Jackson aus dieser Beziehung steht inzwischen als Gitarrist mit auf der Bühne und wird von seiner Mutter genauso stolz wie etwas verlegen kichernd anmoderiert – die Menge so richtig zum Tanzen, Regen hin oder her. Mit dem Selbstermächtigungslied „Power to the People“ von 1988 endet der Abend. „Vergesst niemals: Ihr habt eine Stimme - benutzt sie“, gibt es noch einen guten Rat mit auf den Rückweg. Das haben heute Abend alle hörbar getan.