PEN Berlin in Brandenburg: Landtagswahl 2024 – wo und wann zensurfrei diskutiert wird

Debattenzirkus auf Ostdeutschland-Tournee: Deniz Yücel (l.) und Aron Boks von der Schriftstellervereinigung PEN Berlin am Rande einer der Diskussionsveranstaltungen aus der Reihe „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“.
Dilek Mayatürk-YücelMiteinander reden, über ideologische Gräben hinweg – geht das überhaupt noch? Mit Menschen, die eine ganz andere Meinung haben als man selbst? Links und rechts, Migrationsbefürworter und Gegner, Anhänger der sogenannten Altparteien und Menschen, die sich vor Bevormundung sorgen, gemeinsam an einem Tisch? Eine Debattenreihe des PEN-Clubs Berlin im Vorfeld der drei ostdeutschen Landtagswahlen in diesem Jahr versucht, geschützte Räume für einen offenen Dialog herzustellen.
„Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ heißt die hochkarätig besetze Reihe, die vor den Wahlen in Sachsen und Thüringen in großen und kleinen Städten gleichermaßen stattgefunden hat und die nun, vor den Landtagswahlen am 22. September nach Brandenburg weitergezogen ist, mit insgesamt zwölf Diskussionsabenden dort.
Landtagswahl Brandenburg 2024: ohne Zensur miteinander reden
Auf dem Podium nehmen meinungsfreudige Journalisten wie zum Beispiel Harald Martenstein („Die Zeit“) und Jan Fleischhauer („Focus“) Platz, aber auch Literaten wie Juli Zeh und Monika Maron oder zum Beispiel die ZDF-Talk-Moderatorin Maybrit Illner. Erklärtes Ziel der Verantwortlichen vom PEN-Club Berlin ist es, auch das Saalpublikum vor Ort in die Debatten einzubeziehen. Ohne Zensur, mit der Möglichkeit, wirklich frei zu reden. Aber natürlich immer unter der Maßgabe, dass der Austausch höflich und respektvoll bleibt.
„Das Publikum ist der vierte Gast auf der Bühne“, sagt der Schriftsteller und Poetry-Slammer Aron Boks (27). Seine Aufgabe ist es bei allen Veranstaltungsabenden, den Kontakt zum Publikum herzustellen und auch kontroverse Äußerungen an das Podium weiterzuvermitteln.
Boks sieht nach Ende der Veranstaltungen in Sachsen und Thüringen „großen Diskussionsbedarf“ in allen Orten, in denen der PEN-Debattenzirkus gastierte. „Mit dem Fortschreiten der Veranstaltungsreihe wurde immer deutlicher, wie wichtig es ist, dass die Teilnehmer auch auf Vorreden eingehen können.“ Zu den wiederkehrenden Themen gehörten unter anderem die Corona-Pandemie, in deren Folge, wie Aron Boks es wahrnimmt, das Vertrauen vieler Bürger in die etablierten Medien dramatisch gesunken sei.
So weit, so bekannt. Es scheint sich aber doch ein Schlüsselpunkt abzuzeichnen: Wie stehen die Menschen überhaupt ganz grundsätzlich zur politischen Berichterstattung, wo beziehen sie ihre Informationen im Alltag noch her? Boks sieht Unterschiede zwischen denen, die vorrangig auf TikTok und vergleichbare Social-Media-Angebote setzen, und denjenigen, die weiter traditionelle Medien wie Zeitungen oder den öffentlich-rechtlichen Rundfunk konsumieren.
Die Abende beginnen mit einem Frage-Antwort-Spiel, das an das Publikum gerichtet ist: „Auf die Frage an das Publikum hin, wie viele der Anwesenden regelmäßig die ‚Tagesschau‘ sehen, gingen immer viele Hände nach oben“, sagt der aus Sachsen-Anhalt stammende Poetry-Slammer.
Aron Boks von PEN Berlin: Wie kommt man ins Gespräch?
Es zeichnet sich also ab, dass die Anhänger der etablierten Parteien bei Veranstaltungen wie „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ unter sich bleiben. Aron Boks: „Es kommen nicht automatisch Menschen aus allen Spektren.“ Eine unbeantwortete Frage nach den ersten Diskussionsabenden ist deshalb, wie man auch mit denen ins Gespräch kommt, die in grundlegenden Fragen der demokratischen Mitgestaltung ganz und gar anderer Meinung sind – die sich also längst von den etablierten Kommunikationsräumen und –Kanälen verabschiedet haben.

Der Poetry-Slammer Aron Boks (27) aus Sachsen-Anhalt ist der Side-Kick und Stichwortgeber bei den laufenden Debattenveranstaltungen des Vereins PEN Berlin rund um Meinungsfreiheit. Hier schildert er seine Eindrücke von den ersten Abenden.
Ken YamamotoJetzt sind die Landtagswahlen in Sachsen und Thüringen vorüber. Die Ergebnisse dort mit starken Erfolgen der AfD und des BSW scheinen die These zu bestätigen, dass die Art des Medienkonsums einen großen Einfluss auf die politische Verortung hat – wird doch gerade diesen beiden Parteien enormes Mobilisierungspotenzial in den sozialen Medien zugesprochen.
PEN Berlin: Aron Boks beobachtet Wandel im Medienkonsum
Die Ansprüche des PEN-Clubs an das Format sind angesichts all dessen eher bescheiden: „Das Ziel ist nicht, dass die Menschen von etwas überzeugt werden, sondern dass sie miteinander ins Gespräch kommen und einander zuhören.“ Ein Plädoyer für das sorgsame Einrichten geschützter Räume in den Zeiten von Hatespeech und Shitstorms.
Das Konzept der Reihe scheint unter dem Strich aufzugehen, wie Aron Boks beobachtet: „Wir hatten mehrfach das Erlebnis, dass Besucher sich auf Ansichten Andersdenkender eingelassen haben.“
Die Schriftstellervereinigung PEN Berlin hat sich erst im Jahr 2022 nach einer heftigen internen Debatte als Abspaltung vom PEN-Zentrum Deutschland mit Sitz in Darmstadt gegründet. Die Sprecher von PEN Berlin sind die Schriftstellerin Eva Menasse und der Journalist Deniz Yücel.
Weitere Informationen unter www.penberlin.de/ost
Termine der Diskussionsreihe „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“
Beginn ist stets, soweit nicht anders angekündigt, um 19 Uhr.
- Freitag, 6. September: Friedrich-Wolf-Theater Eisenhüttenstadt, mit Svenja Flaßpöhler und Ahmad Mansour, Extra-Gast: Masha Qrella
- Sonnabend, 7. September: Ring-Café Finsterwalde, mit Heinz Bude und Harald Martenstein
- Sonntag, 8. September: Staatstheater Cottbus, mit Jan Fleischhauer und Jana Hensel
- Dienstag, 10. September: Stadtbibliothek Frankfurt (Oder), mit Ijoma Mangold und Daniel Schulz
- Mittwoch, 11. September: Neue Bühne Senftenberg, mit Melanie Möller und Manja Präkels
- Donnerstag, 12. September: Uckermärkische Bühnen Schwedt, mit Christian Bangel und Susanne Gaschke
- Freitag, 13. September: Museum Neuruppin, mit Christof Meueler und Cornelius Pollmer (Beginn 18 Uhr)
- Sonnabend, 14. September: Kulturkombinat Perleberg, mit Nora Bossong und Katharina Warda
- Montag, 16. September: Stadtbibliothek Eberswalde, mit Maybritt Illner und Bernd Stegemann
- Dienstag, 17. September: Brandenburg an der Havel, Brandenburger Theater, mit Pinar Atalay und Michel Friedman (Beginn 19.30 Uhr)
- Mittwoch, 18. September: Klubhaus Ludwigsfelde, mit Constantin Schreiber und Juli Zeh
- Donnerstag, 19. September: Waschhaus Potsdam, mit Monika Maron und Eva Menasse


