Philipp Blom
: Essay „Das große Welttheater“ - Warum die Spannungen in der Welt wachsen

Der Historiker und Philosoph Philipp Blom untersucht in seinem Essay „Das große Welttheater“, warum die Spannungen in der Gesellschaft wachsen. Eine kluge Analyse aus einer ungewöhnlichen Perspektive.
Von
Merle Hilbk
Frankfurt (Oder)
Jetzt in der App anhören
  • Luft zufächern in einer aufgeheizten Zeit: Hand einer Besucherin bei den Salzburger Festspielen

    Luft zufächern in einer aufgeheizten Zeit: Hand einer Besucherin bei den Salzburger Festspielen

    Britta Pedersen/dpa
  • Cover Zsolnay

    Cover Zsolnay

    Cover Zsolnay
1 / 2

Zum 100. Jubiläum seines „Friedensprojektes“ steht die Welt wieder vor einem großen Umbruch. Deswegen hat Blom sich entschlossen, „den Salzburger Festspielen Überlegungen zu widmen, die über die unmittelbaren Fragen der Bühnenkunst hinausgehen“. Und da der Umbruch nicht so einfach auf einen Begriff zu bringen ist wie bei Hofmannsthal, widmet sich Blom zunächst einmal der Beschreibung der Veränderungen.

Dabei beschränkt er sich nicht auf die äußeren, die sicht- und benennbaren Geschehnisse: den Klimawandel, Globalisierung und Expansion des Finanzkapitalismus, Digitalisierung, Massenmigration und das Erstarken einer neuen Rechten. Er beschäftigt sich vor allem mit den damit verbundenen Gefühlen. Ein psychohistorischer Blick auf die Großkonflikte der Gegenwart, der mehr zu deren Verständnis beiträgt als die meisten soziologischen Gesellschaftsanalysen. Veränderung heißt für ihn, das viele Leute ihren Platz in einer festen Ordnung verlieren und oft orientierungslos durchs Leben irren, bis sie einen neuen Platz in einer neuen Ordnung gefunden haben.

Ein Verlust, der, psychologisch betrachtet, eine narzisstische Kränkung darstelle, auf die Menschen je nach Persönlichkeit reagierten: Die einen mit Wut, andere mit Verleugnung  – Reaktionsmuster, mit denen das Unterbewusste einen ähnlichen Zweck verfolgt: Angst nicht zu spüren, um handlungsfähig zu bleiben. Eine Angst vor Orientierungsverlust, die so überwältigend sein kann, dass sie rationale Menschen dazu bringt, „alternativen Fakten“ zu vertrauen, Meinungen als Wahrheiten zu verteidigen und andere Meinungen als systemgefährdend zu bekämpfen. Mit der Folge, dass es immer schwerer wird, sich als Gruppe, als Nation darüber zu verständigen, was uns verbindet. Das Aushandeln von gemeinsamen Narrativen wird ersetzt durch eine Identitätspolitik, in der Gruppen, die ein einzelnes persönliches Merkmal zur Identität erklären, um politischen Einfluss kämpfen.

Die Schuldfrage, also wer oder was das System gefährdet, verhindert das Nachdenken über das System als solches  – über die Frage, ob die gegenwärtige Art des Zusammenlebens, des Wirtschaftens, des Regierens noch zukunftsfähig sind. Denn es gibt für Alternativen keine Vorstellung, weil der Verstand für diese Vorstellung Worte braucht und für die Worte innere Bilder.

Wie aber lässt sich diese Vorstellung entwickeln? Dafür bringt Blom den amerikanischen Sprachphilosophen Richard Rorty ins Spiel. Der erklärte 1989, dass unsere Beschreibungen der Welt eben nicht die Welt sind – und man eine sich verändernde Welt nur mit neuem Vokabular und neuen Bildern beschreiben könne.

Neue Beschreibungen aber, so meint Blom, würden weniger durch die Politik kreiert, sondern durch „strong poets“, Künstlern, die „uns dazu verhelfen, dass unser Ohr eine Melodie vernimmt, die wir noch nie zuvor gehört haben, aber ahnten, dass  sie da ist.“

Bloms Essay könnte so ein Text sein. Eine literarische tour de raison durch Technik- und Kulturgeschichte, die inmitten der aufgeheizten Debatten die Gretchenfrage stellt: „Was ist, wenn die Geschichte, die wir uns gegenwärtig über uns erzählen, gar nicht stimmt – dass wir heute in der besten aller Welten leben?“

Philipp Blom, „Das große Welttheater“, Zsolnay Verlag 2020, 18 Euro