Pink in Berlin
: So war das „Summer Carnival“-Konzert im Olympiastadion

Pink bringt den „Summer Carnival“ nach Berlin. Im Olympiastadion präsentiert die Popsängerin eine unvergleichliche Bühnenshow, die selbst Beyoncé und Helene Fischer Konkurrenz macht.
Von
Michael Heider
Berlin
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Setzt mit ihrem „Summer Carnival“ neue Standards in Sachen Bühnenshow: Sängerin Pink gab am 28. Juni ein fulminantes Konzert im Berliner Olympiastadion.

Christophe Gateau/dpa

Rot gilt als die Farbe der Liebe, keine Frage. Doch wie steht es um die Farbe einer spektakulären Bühnenshow? Für all jene, die am Mittwochabend im Berliner Olympiastadion waren, dürfte die Antwort klar sein: Es ist Pink.

Dort schlug die Popsängerin gleichen Namens die Zelte ihres „Summer Carnivals“ auf. Und brachte damit einen Pop-Zirkus an die Spree, der selbst die Schaulust der Show-verwöhnten Hauptstädter mit luftiger Artistik, spektakulären Choreos und Unmengen an Hits mehr als befriedigte.

Mit „Get the Party Started“ setzt Pink den Ton des Abends

Und das vom ersten Moment an: Kopfüber stürzt sich Pink von der Bühnendecke, unterstützt von Bungee-Seilen und dem so krachenden wie passenden Opener „Get the Party Started“. Der Ton für die kommenden zwei Stunden ist gesetzt. Genau wie das Level an Körpereinsatz, mit dem die Sängerin durch ihr Konzert tanzt, turnt und am Trapez fliegt.

Wer war noch gleich P.T. Barnum? Egal. Den Titel als „Greatest Showwoman“ darf sich Alicia Moore alias Pink bei ihren Salto geladenen Gesangseinlagen in luftiger Höhe getrost ans Revers heften. Dem dürfte wohl auch Hugh Jackman zustimmen. Er gab nicht nur den Zirkusdirektor Barnum im Film „Greatest Showman“, sondern zeigte sich auch von der „Summer Carnival“-Show in London vergangenen Sonntag begeistert.

Und auch in Berlin quillt nicht nur die gute Laune, sondern auch die Setlist vor Hits förmlich über. Sie gleicht einer musikalischen Zeitreise durch die jüngere Chartgeschichte. Mit dem zweiten Song des Abends „Raise Your Glass“ aus dem Jahr 2010 knüpft die Sängerin direkt an die Kracherstimmung des Auftakts an. Aber es dröhnen auch ältere Stücke durch die Stadion-Lautsprecher. „Just Lika a Pill“ etwa, bei dem Pink im glitzernden und Nieten übersäten Outfit über die weit ins Publikum reichende Bühne sprintet. Anders als im Songtext fühlt sich dort aber scheinbar niemand schlecht.

Das Lied war Teil ihres 2001 erschienenen Albums „Missundaztood“. Ein Megaerfolg, für den die Sängerin viele Songs zusammen mit der einstigen 4 Non Blond-Frontfrau Linda Perry schrieb. Die Kollaboration brachte Pink den endgültigen Durchbruch. Später erklingt mit „Don’t Let Me Get Me“ noch eine weitere „Missundaztood“-Auskopplung als Piano-Interlude.

Bei ihrem einem Konzert im Berliner Olympiastadion setzte Pink auf eine bunte Kulisse und viel Akrobatik.

Christophe Gateau/dpa

Den größten Applaus bekommt die Pinks Tochter Willow Sage

Für Verschnaufpausen zwischen den zahlreichen Party-Krachern sorgten Balladen wie das Bob Dylan-Cover „Make You Feel My Love“, das Pink am Piano singt, oder ihr 2021 veröffentlichter Song „Cover Me in Sunshine“, den das Publikum besonders lautstark feiert. Mehr als an Pink liegt dies jedoch an ihrer zwölfjährigen Tochter Willow Sage, die zum Duett auf die Berliner Bühne tritt. „Sie kriegt immer den größten Applaus“, sagt die sichtlich stolze Mutter im Anschluss.

Mit „When I Get There“ und „Trustfall“ war auch ihr im Februar erschienenes Album „Trustfall“ stark vertreten. Das daraus stammende „Never Gonna Not Dance Again“ diente gar als letzter Song vor der Zugabe.

Doch das Spektakel lebte nicht allein von der Musik. Auch das Bühnenbild liefert die passende Kulisse - und schreit förmlich aus jeder Pore: Sommer! Egal ob es die riesigen Palmen sind, die im Chrom-Look über den Zehntausenden Fans thronen, die haushohe Punk-Eiswaffel mit Stacheln oder die als Flamingos gestylten E-Scooter, mit denen die Background-Tänzer herumdüsen - das „Summer“ wird auf dieser Welttournee genauso großgeschrieben wie der „Carnival“. Flankiert wird das Ganze von viel Pyrotechnik. So schießen nicht nur die kraftvollen Rock-Riffs von „Just Like Fire“ die Flammesäulen und Feuerwerke in die Höhe.

60.000 Fans kamen ins Olympiastadion Berlin

Anders als es das Karneval-Thema ihrer Tour vielleicht nahelegen könnte, sind Pinks Songs aber selten reine Zuckerwatte. In vielen ihrer Texte verarbeitet die Sängerin Beziehungsprobleme, Unsicherheiten und Selbstzweifel. In manchen bezieht sie sogar politisch Stellung. In „Dear Mr. President“ kritisierte sie 2007 etwa den damaligen US-Präsidenten George W. Bush für den Irakkrieg und dessen Ablehnung zur gleichgeschlechtlichen Ehe. Zwar fehlte der Protestsong in Berlin, dafür tönte das vergangenes Jahr veröffentlichte „Irrelevant“ durch das Stadion. Begleitet von Videoaufnahmen des Sturms auf das US-Kapitol und Black Live Matter-Demonstrationen schmettert Pink mit tatkräftiger Unterstützung der gut 60.000 Fans den Refrain „Girls just wanna have rights, so why do we have to fight?“ in Richtung von Politikern rund um die Welt.

Es sind Songs wie diese, die deutlich machen, wie sehr sich Alicia Moore von vielen ihrer Pop-Kolleginnen unterscheidet. Anders als eine Britney Spears oder Christina Aguilera behielt Pink stets ein enormes Maß an Authentizität. Die Person Alicia Moore scheint mit der Kunstfigur Pink weitgehend identisch. Dabei blieb sie sich auch im wandelnden Sound ihrer mittlerweile sechs Studioalben stets treu. In der milliardenschweren Pop-Maschinerie, in der vom Song über das Outfit bis hin zu vermeintlich spontanen Tik Tok-Reels nichts dem Zufall überlassen wird, keine geringe Leistung. Zumal die Mutter zweier Kinder offenkundig nie die Bodenhaftung verlor (von Trapeznummern mal abgesehen).

„Pink ist unheimlich authentisch“, finden Fans

Das wissen auch die Fans zu schätzen. Die beiden Freundinnen Yvonne und Mandy etwa, stilecht mit pinkfarbenen Hut und Krawatte ausgestattet, sind extra aus dem Erzgebirge für das Konzert angereist. Sie lieben nicht nur die Musik von Pink, sondern auch ihre Message. „Pink ist unheimlich authentisch“, findet Yvonne. „Die hat immer schon ihr Ding gemacht“, fügt ihre Freundin Mandy hinzu. Obwohl die beiden 45-Jährigen Fans der ersten Stunde sind, schon die frühen Musikvideos großartig fanden, ist die Show in Berlin ihre erste Gelegenheit, die Sängerin live zu erleben. Und die Erwartungen sind entsprechend hoch: „Es wird uns umhauen. Ihre Stimme hat einfach Power“, sagt Mandy. Und tatsächlich hält die 43-jährige auch im Spagat, über der Bühne hängend, sich drehend noch diese Stimme überwältigend stabil. Da dürfte selbst Helene Fischer ins Staunen geraten.

Ganz Rockröhre: Auch Pinks Outfits beim „Summer Carnival 2023“ lassen an Extravaganz nichts zu wünschen übrig.

Christophe Gateau/dpa

Pink-Alben waren zwar nie kulturelle Großereignisse, wie Neuerscheinungen von Beyoncé oder Taylor Swift. Dennoch bewies Alicia Moore in den über 25 Jahren seit ihrem Debüt ein erstaunliches Talent darin, sich zu behaupten. Sie veröffentlichte konstant Musik, verkaufte konstant Platten. Und selbst wenn sie nie das unangefochtene Poster-Girl des Pop war, das Label einer Nischenkünstlerin lassen allein 75 Millionen verkaufte Singles und drei Nummer 1-Alben in Deutschland wie den USA jedenfalls kaum zu.

Dass Pink auch konstant ihre Fanbase erweiterte, ist in Berlin deutlich spürbar. Der „Summer Carnival“ lockt dort gleich mehrere Generationen an Fans. Viele davon kamen als Familie nach Berlin. Das gute Gefühl, das die Musik von Pink transportiert, ist eben nicht an ein bestimmtes Alter gebunden. Genauso wenig, wie der Spaß, der dabei mitschwingt. Und den hatten in Berlin Sängerin wie Fans gleichermaßen.

„P!nk – Summer Carnival 2023“ (Termine)

● 1. + 2. Juli: Wien (AT), Ernst-Happel-Stadion

● 5. + 6. Juli: München, Olympiastadion

● 8. + 9. Juli: Köln, RheinEnergieStadion

● 12. * 13. Juli: Hannover, HDI-Arena