An Logos und ikonischen Textzeilen mangelt es Rammstein wahrlich nicht. Wie reich der Symbol-Katalog aus 30 Jahren Bandgeschichte mittlerweile ist, offenbarten die Menschenmassen, die am Samstag das Berliner Olympiastadion säumten. Beinahe jedes der – bevorzugt schwarzen – T-Shirts zierte ein zum Kreuz geformtes „R“, eines der acht Studioalbum-Cover oder der „Manche führen, manche folgen“-Schriftzug aus „Rammlied“. Doch die omnipräsente Symbolik brauchte es gar nicht. Ein Blick auf die gigantische Bühne hätte selbst für Uneingeweihte nur einen Schluss zugelassen: Hier kann nur Rammstein spielen.

Ein Bühnenbild wie eine Kathedrale

So absurd es ist – doch ausgerechnet dieser monströse, Muschelkalk verkleidete Bau, den wohl nur NS-Architekten konzipieren konnten, schien für die 1994 in Berlin gegründete Band gerade groß genug. Das Haus, ach was, Kathedralen hohe Bühnenbild dominierte selbst in der gähnenden Weitläufigkeit dieses Sporttempels noch alles. Ein schwarzer Sakralbau der neuen deutschen Härte. Die ideale Kulisse für das Flammen und Riff getränkte Spektakel, das folgen sollte.
Dass ein Rammstein-Konzert neben harten Riffs und viel Pyro doch immer auch eine kollektive Erfahrung einer loyalen Fanbasis ist, machte gleich die Eröffnung klar. Die Band startete mit „Armee der Tristen“, einem Song ihres jüngst veröffentlichten Albums „Zeit“. Dem beinah imperativen Refrain, der in den Worten „Reih Dich ein“ kulminiert, schien auch der letzte der 70.000 Anwesenden nichts, aber auch gar nichts, entgegensetzen zu wollen.

Setlist mit Klassikern und neuen Stücken

Ob die Mitglieder von Rammstein Gustave Le Bons gelesen haben? Von einer Psychologie der Massen verstehen sie jedenfalls etwas. Marschartig wird vor der gigantischen Bühne zu Hits wie „Links 2,3,4“ im Takt geklatscht oder voller Inbrunst „Mein Herz brennt“ mitgesungen. Band und Publikum zehrten spürbar voneinander. Gemeinsam feierten sie ein bombastisches Rock-Spektakel.
Fast 70.000 Fans pilgerten für die bombastisch inszenierte Show in das Stadion im Westen Berlins
Fast 70.000 Fans pilgerten für die bombastisch inszenierte Show in das Stadion im Westen Berlins
© Foto: Jens Koch
Neben Klassikern wie „Du hast“, „Sehnsucht“ oder „Rammstein“, packte die Band viel neues Material auf die Setlist. Für die Fans machte das Alter der Songs keinen Unterschied. Der Grad der Euphorie blieb konstant hoch. Selbst beim Titeltrack des neuen Albums konnte Frontmann Till Lindemann seinen brummigen Bariton ruhig mal schonen. Gefühlt hatte er 70.000fachen Ersatz, der so gesangsfreudig wie textsicher den Refrain im Chor gab.
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Sogar als Lead-Gitarrist Richard Kruspe im Elvis-Las Vegas-Look ein kurzes DJ-Set zum Besten gab, wandelte sich das Olympiastadion spielerisch in eine Art Open-Air-Berghain. Die Soundanlage aus der eine verschwenderisch basslastige Techno-Version von „Deutschland“ drängte, konnte es mit jener des sagenumwogenen Berliner Clubs jedenfalls locker aufnehmen.
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Vorband spielte instrumental Versionen von Rammstein

Dem ein oder anderen mochte da längst wieder entfallen sein, dass es noch eine Vorband gab. Die Pianistinnen des Duo Jatekok spielten auf einer kleinen Nebenbühne inmitten des Stadions Instrumental-Variationen von Rammstein-Songs. Auf grandiose Weise zeigten sie, dass sich hinter dem Mix von bretternden Riffs und Industrial-Klängen der Berliner Band durchaus sanft-melancholische, Piano taugliche Melodien verbergen. Doch selbst, dass pünktlich zum Start des Sets die warme Abendsonne durch die westliche Dachschneise schien, schwächte den Eindruck nicht, dass das Duo in der gigantischen Stadion-Kulisse fast unterging.
Feuer und Flamme: Das Rammstein-Konzert im Berliner Olympiastadion strotzte nur so vor Pyro-Technik.
Feuer und Flamme: Das Rammstein-Konzert im Berliner Olympiastadion strotzte nur so vor Pyro-Technik.
© Foto: Christoph Soeder/dpa
Anders bei der ersten Zugabe von Rammstein. Für sie schlichen sich die sechs Band-Mitglieder auf die kleine Bühne und präsentierten begleitet von Jatekok eine fast romantische Interpretation ihres Klassikers „Engel“. Das in Schwarzlicht-artigen Schummer gehüllte Olympiastadion verwandelte sich dabei in ein Meer aus unzähligen LED-Lichtern mitgebrachter Handys.

Die Fans bekamen eine gigantische Bühnenshow geliefert

Die Fans kamen für Rammstein – und sie kriegten Rammstein. Der für die Band typische Mix aus Rockshow, Horror-Oper und Pyro-Extravaganzen – alles war da. Die phänomenale eingesetzte Lichttechnik lieferte mal düster rote Stranger Things-Stimmung, mal Stroboskop-Orgien, um die Double Bass-Einlagen von Drummer Christoph Schneider zu flankieren. Und aus den Nebelmaschinen drängte genug Dunst, um das ganze Stadion zu füllen. Doch Rammstein wäre nicht Rammstein, würden nicht auch theatralische Einlagen zur Schau gestellt. So rollte ein überdimensionierter, in Flammen stehender Kinderwagen beim Song „Puppe“ über die Bühne.
Der für die Berlin Band typische Mix aus Rockshow, Horror-Oper und Pyro-Extravaganzen – alles war da.
Der für die Berlin Band typische Mix aus Rockshow, Horror-Oper und Pyro-Extravaganzen – alles war da.
© Foto: Jens Koch
Und Sänger Till Lindemann wetzte wieder das zum Messer umfunktioniere Mikrofon bei „Mein Teil“ – einem Song, der die Geschichte des Kannibalen von Rotenburg aufgreift. Selbstverständlich wurde auch Keyboarder Christian „Flake“ Lorenz im Kochkessel sitzend erneut mit Salven aus einem Flammenwerfer beschossen – die Einlage ist seit Jahren fester Bestandteil der Live-Shows. Überhaupt Flammen: Die sprühten nicht nur von der Bühne, aus Gitarren und den Kostümen der sechs Metaller. Auch die entlang des Stadions platzierten Lautsprecher-Türme entpuppten sich als Feuerspucker. Zum vollen Einsatz kamen sie bei „Sonne“. So bekamen selbst die hintersten Tribünen-Reihen noch sengende Hitze ab.

Frankfurt (Oder)

Doch ein Konzert, das derart vor aufwendiger Technik strotzt, ist zwangsläufig eine sekundengenau durchgetaktete Inszenierung. Dass eine solche wenig bis keinen Raum für Spontanität lässt, mag man bedauern. Leere Ränge muss Rammstein indes nicht fürchten. Mit ihrem international beachteten Show-Spektakel ist die Berliner Formation ohnehin längst „Too Big to Fail“.

Kündigt hier eine Band subtil ihren Abschied an?

Ein Ende des Rock-Zirkus müsste die Band also schon selbst setzen. Ob sie darüber nachdenkt? Das Konzert in Berlin jedenfalls endete mit „Adieu“, dem letzten Song des aktuellen Albums. Wer genau aufpasste, konnte hören, wie Sänger Lindemann die Textzeile „Die Zeit mit dir war schön“ zu „Die Zeit mit euch war schön“ abwandelte. Man muss sich an dieser Stelle keinen unnötigen Spekulationen hingeben. Sicher ist aber, dass es das Publikum im Berliner Olympiastadion wohl viel lieber mit dem Song „Zeit“ hält. Darin heißt es: „Zeit, bitte bleib stehen ... Zeit, das soll immer so weitergehen.“

Rammstein Stadium Tour - wo gibt es noch Tickets?

Die Rammstein Europe Stadium Tour geht weiter. Die meisten Konzerte sind längst ausverkauft. Es gibt aber durchaus noch Tickets für Rammstein - in Europa. Die Anfahrtswege sind allerdings etwas länger. Für welche Konzerte von Rammstein ihr noch Karten kaufen könnt, das erfahrt ihr hier.
Laut Ticket-Dienstleister eventim.de sind Rammstein-Tickets verfügbar für (Stand 7. Juni):
  • Coventry (Großbritannien), 26. Juni, 17 Uhr
  • Cardiff (Großbritannien), 30. Juni, 17 Uhr
  • Décines (Frankreich bei Lyon), 9. Juli, 19.30 Uhr
  • Turin (Italien), 12. Juli, 19.30 Uhr
  • Oslo (Norwegen), 24. Juli, 19 Uhr

Rammstein Stadium Tour – Konzerttermine DE

● 5. Juni: Berlin, Olympiastadion
● 10./11. Juni: Stuttgart, Cannstatter Wasen
● 14./15. Juni: Hamburg, Volksparkstadion
● 18./19. Juni: Düsseldorf, Merkur Spiel-Arena.