Restaurant in Berlin: Israelisch-palästinensisches Lokal trotzt Krieg und Attacken

Oz Ben David (l.) und Jalil Dabit (r.) kochen seit rund neun Jahren zusammen im Restaurant „Kanaan" in Berlin. Der eine ist Jude, der andere Palästinenser.
Elissavet Patrikiou/Südwest VerlagDas Logo des Restaurants Kanaan in Berlin-Prenzlauer Berg zeigt ein Herz, auf dem sich die palästinensische und die israelische Flagge aneinanderschmiegen. Seit rund neun Jahren kochen der Israeli Oz Ben David und sein palästinensischer Freund und Geschäftspartner Jalil Dabit gemeinsam und zeigen, dass Frieden, Freundschaft und Versöhnung zwischen Palästinensern und Juden möglich ist.
Am Mittwoch (11. September 2024) werden die beiden Restaurant-Gründer mit dem Moses-Mendelssohn-Preis für Toleranz ausgezeichnet. Die Jury-Entscheidung für die „Kanaan“-Betreiber ist laut Kulturverwaltung noch vor einer Attacke auf das Restaurant gefallen. Das Lokal an der Schliemannstraße 15, in dem auch Geflüchtete aus Syrien, dem Libanon, Pakistan, Indien, aus der Ukraine sowie aus Afrika arbeiten, war Mitte Juli dieses Jahres von Unbekannten verwüstet worden. „Ob das eine politisch motivierte Tat war, wissen wir nicht“, sagt Restaurant-Sprecherin Dana Lapid. Die Täter konnten bisher nicht ermittelt werden. „Auffällig war jedenfalls, dass nichts entwendet wurde.“
Restaurant in Berlin – Bürgermeister beim Dragbrunch
Stattdessen zerschlugen die Täter Weinflaschen, zerstörten Möbel und hinterließen Exkremente auf dem Boden. „Einen Tag später wurden die Scheiben von außen bespuckt“, erzählt Lapid.
Die Attacke löste große Empörung und Mitgefühl aus. „Wir bekamen ermutigende Zuschriften von Leuten aus aller Welt“, berichtet die Sprecherin. Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) stattete dem Kanaan einen Solidaritätsbesuch ab. Während der Politiker seine Aufwartung machte, gab es im israelisch-palästinensischen Lokal gerade zufällig einen „Dragbrunch“, eine queere Veranstaltung, die regelmäßig in dem Lokal stattfindet.
„Ich will, dass es in unserer Stadt Berlin genau solche Orte gibt, Orte des Zusammenhalts, Orte des Dialogs, Orte, wo ganz unterschiedliche Menschen zusammenkommen“, sagte Wegner anschließend der dpa.

Für den besonderen Hummus ist das „Kanaan“ in Berlin bekannt.
Oz Ben David„Unsere Mission ist es, Menschen durch die gemeinsame Liebe zum Essen zusammenzubringen und einen Raum der Einheit und des Verständnisses zu schaffen“, schrieben die Restaurantbesitzer schon kurz nach der Tat in einer Mitteilung an ihre Kundschaft. Besonders auch die vielen Reaktionen von Gästen, Unterstützern, besorgten Bürgern und politischen Persönlichkeiten haben ihnen die Kraft gegeben, weiterzumachen.
Über eine GoFundMe-Kampagne wurde zudem Geld gesammelt, um die physischen Schäden im Restaurant zu beheben, die zerstörten Möbel zu ersetzen, die Einnahmeverluste während der Zwangsschließung aufzufangen und die Sicherheitsmaßnahmen zu verbessern.
Doch die beiden Restaurant-Betreiber standen schon vor dem Übergriff im Fokus der Öffentlichkeit. Denn ihr israelisch-palästinensisches Lokal ist selbst im Multi-Kulti-Berlin einmalig. Nur wenige Tage nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 veröffentlichten sie zudem ein gemeinsames Kochbuch.
Der Termin war allerdings Zufall. Die befreundeten Köche hatten schon jahrelang an dem Buch gearbeitet und wollten die Premiere am liebsten verschieben. Doch der Vorverkauf im Internet war bereits angelaufen. Es gab kein Zurück und anfangs auch Kritik von Freunden an dem Zeitpunkt.
Der Zionist und der Friedensaktivist
In dem Kochbuch verraten die Autoren nicht nur ihre Familienrezepte, sondern auch Persönliches. Der jüdische Geschäftsmann Oz Ben David wuchs in einer eher konservativen israelischen Siedlerfamilie auf. Die Eltern sind Zionisten, die Großmutter floh während der Nazi-Zeit aus Rumänien. Während Oz Ben David beim israelischen Militär war, bezeichnete sich sein Kompagnon Jalil Dabit schon seit seiner Jugend als Friedensaktivist.
Der gebürtige Muslim hat vor kurzem auch das Restaurant seines verstorbenen Vaters in der Heimat übernommen. Gemeinsam mit Frau und Sohn lebt Jalil auf israelischem Gebiet in der Nähe des Gazastreifens, pendelt aber weiter regelmäßig ins Kanaan nach Berlin. Zudem telefonieren die Restaurant-Betreiber mehrmals täglich.
So war es auch am 7. Oktober 2023, als beide so geschockt waren, dass sie über eine Schließung nachdachten. Doch dann wurde aus Trauer, Wut und Verzweiflung schnell ein: „Jetzt erst recht.“ „In diesen dunklen Zeiten der Verzweiflung und des Pessimismus wollen wir ein Licht entzünden und den Fokus darauf legen, Menschen zusammenzubringen statt auseinander“, heißt es in der jüngsten Einladung zur „Foodies For Peace“ -Veranstaltung, bei der die beiden erst vor kurzem wieder zu einem speziellen Sommermenü luden.
Erst vor wenigen Tagen hat das Kanaan-Team ein neues Projekt gestartet und im Restaurant Oriental Aroma an der Schliemannstraße in der Nähe des U-Bahnhofs Eberswalder Straße das „Pop-Up-Restaurant Gheiath Von Kanaan“ eröffnet. Im Mittelpunkt steht Gheiath Khowais, Koch aus Syrien. „Nach meiner Flucht nach Deutschland habe ich vor acht Jahren im Kanaan angefangen zu arbeiten. Inzwischen sind Oz und Jalil für mich wie Familie“, sagt der 49-jährige Vater von zwei Kindern.

Gheiath Khowais heuerte vor acht Jahren im „Kanaan" an. Nun führt er das neu eröffnete Pop-Up-Restaurant „Gheiath Von Kanaan” in der Schliemannstraße 15.
Maria NeuendorffNun ist er selbst Chef des neuen Kanaan-Bistros und legt seinen Schwerpunkt auf gegrillte Gerichte wie Shishlik und Kebabs. Das Highlight ist hausgemachtes Shawarma aus hochwertigem Kalbfleisch, Lammfett, Hähnchen und Pute. Wer es als Sandwich ordert, bekommt es im fluffigen Fladenbrot israelischer Art serviert. Der Geschmack hebt sich durch den mittlerweile berühmten Kanaan-Hummus von anderen Sharwarma-Snacks in Berlin ab.
Die Kichererbsen-Paste werde fast überall im Nahen Osten gegessen und kann zu unterschiedlichen Gerichten serviert und auch als Brotaufstrich oder Dip zu Gemüsesticks verwendet werden, erklärt der syrische Koch. „Essen hat die unglaubliche Kraft, Menschen zusammenzubringen. In diesem Pop-Up geht es nicht nur darum, köstliche Mahlzeiten zu servieren; es geht darum, unsere Geschichten und Kulturen zu teilen.“

Kai Wegner (l, CDU), Regierender Bürgermeister von Berlin, besuchte im Juli 2024 das israelisch-palästinensische Restaurant „Kanaan“ und unterhielt sich dort mit dem Besitzer, Oz Ben David. Bei einem Einbruch war das Lokal von Unbekannten verwüstet worden.
Bernd von Jutrczenka/dpaWährend man die Paste in Jerusalem häufig mit Aromen von Zitronensaft und Knoblauch abschmecke, würde in Gaza eher mit Zaatar, Thymian sowie Sesam gewürzt, sagt Khowais. Das „Kanaan“, das sein eigenes israelisch-palästinensisches Rezept entwickelt habe, gelte inzwischen als Institution für besten Hummus in Berlin, betont er. Auch der Name „Kanaan“ soll an die gemeinsamen Wurzeln erinnern. Er steht für das biblische Land, das Abraham, der Stammvater der Juden, Christen und Muslime, einst bewohnte.
Die Verleihung des Moses Mendelssohn-Preises wird am Mittwochabend (11. September) im Roten Rathaus in Berlin stattfinden. Joe Chialo (CDU), Senator für Gesellschaftlichen Zusammenhalt und Kultur, begrüßte die „ausgezeichnete Wahl der Jury, die in diesem Jahr zwei Personen hervorhebt, die in unseren herausfordernden Zeiten das Verbindende statt des Trennenden an der Basis des Berufsalltags suchen und verwirklichen.“ Die Gründer des Berliner Restaurants „Kanaan“ ehre man als Beispiel der Verständigung, des Zusammenarbeitens und des Durchhaltens trotz widriger Umstände.
Der Preis
Der Moses Mendelssohn-Preis für Toleranz gegenüber Andersdenkenden und zwischen den Völkern und Religionen wurde 1979 zum 250. Geburtstag des jüdischen Aufklärers Moses Mendelssohn auf Initiative der Mendelssohn-Gesellschaft durch den Senat begründet. Er wird alle zwei Jahre verliehen. Preisträger des Jahres 2022 war der Literatur- und Sozialwissenschaftler Jan Philipp Reemtsma.


