DDR-Geschichte in Berlin: Restaurant für Ost-Fans – Essen in der „Volkskammer“

Die Inneneinrichtung des DDR-Restaurants „Volkskammer" in Berlin erinnert an die 70er- und 80er-Jahre.
Maria NeuendorffAm bunt gestrichenen Plattenbau in Berlin-Friedrichshain prangen schwarzrotgoldene Fahnen mit Ährenkranz „Willkommen zurück in der DDR“, hat jemand mit Kreide an die Tafel vor dem Restaurant „Volkskammer“ geschrieben. Wer eintritt, macht eine kleine Zeitreise zurück in die 1970er- und 80er-Jahre. Auf den von roten Polsterstühlen umrahmten Tischen stehen die typischen bunten Plaste-Salz-Streuer.
Eine Puppe über dem Bücheregel mit alter Ost-Literatur trägt Pioniertuch. Man kann sich die Wartezeit aber auch mit dem Blättern in alten DDR-Magazinen vertreiben. Einige der Retro-Stücke haben Gäste gespendet. Auch ein alter DDR-Automat steht im Gastraum. „Den habe ich vom Trödel. Daraus konnte man früher Riegel, Bambina-Schokolade und Mondos-Kondome ziehen“, sagt Restaurantbetreiber Aurick Marschall.
Am beliebtesten ist in der „Volkskammer“ das „Steak au Four“
„Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt“, heißt das Konzept des 55-Jährigen, der in dem Restaurant in der Nähe des Ostbahnhofs 2014 als Koch anheuerte und den Laden dann übernahm. Der hieß zwar schon seit 2010 „Volkskammer“ und bot unter anderem Soljanka an, war aber auf seiner Speisekarte längst nicht so linientreu wie das heutige DDR-Design-Restaurant. „Ich habe alles noch weiter ausgearbeitet und verfeinert“, erzählt Marschall.
Er will seine Gäste mit Speisen eines Staates begeistern, den es zwar nicht mehr gibt, dessen typische Gerichte aber immer noch erstaunlich begehrt sind. „Am beliebtesten ist dabei das Steak au Four, aber eigentlich bestellen die Leute alles.“
Bei dem französisch bezeichneten Ostklassiker handelt es sich um Schweinesteak, das mit Würzfleisch bedeckt und mit Käse überbacken ist, und in der Volkskammer für 17,80 Euro zu haben ist.
Aber auch sonst gibt es mit der „Karlsbader Schnitte“ mit gekochtem Schinken (4,70 Euro) bis zum Goldbroiler mit Sättigungsbeilage (15,90 Euro) alles, was das alte Ostalgiker-Herz begehrt oder was der Wessi mal kosten will.

Das Restraurant „Volkskammer" in Berlin-Friedrichshain entführt seine Gäste mit Speisen und Gestaltung zurück in die DDR-Zeit.
Maria NeuendorffSo kam es auch schon vor, dass die „Volkskammer“ eine negative Google-Rezension bekam, weil sich ein Gast über das vermeintlich misslungene „Jägerschnitzel“ beschwerte, weil er auf seinem Teller paniertes Fleisch mit Champignon-Soße erwartet hatte. Die Kenner wissen aber: Der Ost-Klassiker besteht aus panierter Jagdwurst mit Spirelli und Tomatensoße (11,90 Euro).
Dafür sind die Einträge im roten „Brigade-Buch“ durchweg positiv. Im Gästebuch wird neben dem authentischen DDR-Essen vor allem der gute Service gelobt, für den die Ost-Gastronomie allerdings weniger bekannt war. „Man muss ja nicht alles übernehmen“, sagt einer der netten Kellner lachend. Er selbst ist 1976 am Hackeschen Markt geboren und fühlt sich beim Genuss des Jägerschnitzels so wie viele der Gäste an seine Kindheit erinnert.
Die Eltern des Wirtes waren HO-Hotel-Köche
Sein Chef selbst dagegen ist in Thüringen aufgewachsen. Seine Eltern waren ebenfalls Köche und wurden von der Handelsorganisation (HO) in verschiedene Hotels gesandt. Aber auch die alten Rezepte seiner Oma kocht Aurick Marschall gerne nach.
Um den ursprünglichen Geschmack zu bewahren, müssen allerdings gewisse Regeln eingehalten werden, betont er. Beim mit Käse überbackenen Würzfleisch (5,90 Euro) müssen die Champignons aus der Dose kommen und die originale Worcestersauce darf auf keinen Fall fehlen.

Zum Würzfleisch mit Käse dürfen im Restaurant „Volkskammer" weder Zitrone noch die original Worchestersauce fehlen.
Maria NeuendorffZu trinken gibt es neben Vita-Cola, Weine aus der Saale-Unstrut-Region und Apolda-Pils aus Thüringen. Als Nachtisch empfiehlt der Küchenchef „Ossigrütze“ (rote oder grüne Grütze mit Vanillesoße und Sahne für 3,50 Euro) oder ein Stück „Kalten Hund“ (3,80 Euro). Die Kekstorte war in der DDR unter anderem auf Kindergeburtstagen und zu Weihnachten der Renner. „Die Masse aus Kokosfett und Kakao war damals auch ein guter Ersatz für Schokolade“, erklärt Marschall.
Das Eis wird in den typischen silbernen Eisbechern von damals serviert. Wer will, kann aber auch einfach nur im Biergarten ein Softeis in der Waffel zum Mitnehmen ordern.
Als Gäste konnte Marschall schon Ost-Promis wie den 2019 verstorbenen Kosmonauten Sigmund Jähn, die TV-Moderatorin Inga Bause und Sänger Frank Schöbel begrüßen. Als Erichs Honeckers Bodyguard aus seinem Buch mit Erinnerungen gelesen habe, sei der Biergarten bis auf den letzten Platz besetzt gewesen, berichtet der Wirt.
Ab und zu lädt er sein Publikum auch zum „DDR-Sommerfest“ oder zu Tanz-Abenden ein. „Dann wird Ost-Musik gespielt und an der Tür gibt es Grenzkontrollen“, erzählt Marschall. Bei diesen wird der Euro in DDR-Mark umgetauscht, mit der hinterher bezahlt wird.

Auch die Speisekarte im Biergarten der „Volkskammer“ in Berlin-Friedrichshain trägt das Staatswappen der untergegangenen DDR.
Maria NeuendorffDass unter anderem auch ein Bild von Erich Honecker zu den Devotionalien der fast schon musealen Einrichtung gehört, solle kein politisches Statement sein. „Als Staatschef gehörte der einfach auch zu unserer Geschichte, warum soll man den verstecken“, fragt Marschall. Er selbst sei froh, dass 1989 die Grenzen aufgingen. „So konnten auch wir uns endlich den Planeten anschauen.“
So ist sein Lieblings-Sammlerstück eine Kopie des Notizzettels von Günter Schabowski, von dem der Sprecher des Politbüros der SED am Abend des Mauerfalls die neue Reiseregelung verkündete. „Den haben mir die Mitglieder eines DDR-Vereins vermacht. Da war ich schon echt gerührt“, sagt Marschall. „Aber den konnte ich kaum lesen. Schabowski bestimmt auch nicht. Deswegen hat der bestimmt so gestottert.“
Restaurant Volkskammer, Straße der Pariser Kommune 18b in Berlin-Friedrichshain. Geöffnet ist dienstags bis samstags von 11 Uhr bis 22 Uhr, sonntags von 11 bis 17 Uhr. Mehr Infos unter www.volkskammer.de.

