118 Mal haben die Rolling Stones im Laufe ihrer Karriere in Deutschland gespielt. 118 Mal seit dem 11. September 1965, als sie hierzulande erstmalig im westfälischen Münster aufgetreten waren. Mick Jagger (79) nennt diese stolze Zahl beim Auftritt der Band am Mittwochabend in der Berliner Waldbühne mit einer Gelassenheit, die nur jemand an den Tag legen kann, der wehmütige Rückblicke auf vergangene Glanztage überhaupt nicht nötig hat. Nein, ganz im Gegenteil: Die Stones präsentieren sich hier sehr lebendig. Sie haben ihr Publikum vom stürmischen Opener „Street Fighting Man“ an fest im Griff. In den folgenden gut zwei Stunden wird sich daran nichts ändern.
Der ausgeruht und frisch wirkende Jagger trägt zu Beginn ein blau-rotes Blouson über dem blauen Hemd und schreitet die Bühne unternehmungslustig ab, er federt in seinen Sneakers quasi über die Bühne. Gitarrist Keith Richards (78) kommt im Hawaii-Hemd, wie immer mit auf Halbmast hängender Gitarre und schwankendem Gang. Band-Baby Ronnie Wood (75) trägt ein schwarzes Jackett samt rotem Glitzer-Besatz.
Mit „All Down The Line“ geht es gleich nahtlos und furios weiter. Blues, Rock und Soul sind hier angesagt, ganz lässig rumpelt der Song sich in die Herzen der Fans. „Tach, Berliner“, ruft Sänger Mick Jagger (79) dem Publikum zur Begrüßung zu und lässt keinen Zweifel daran, dass Auftritte in der deutschen Hauptstadt für die Stones einen besonderen Status haben. Wohl nicht ohne Grund beenden die Briten ihre Europatour anlässlich des 60. Bandjubiläums an diesem 3. August 2022 in Berlin – und haben die Waldbühne im Berliner Westend dafür extra noch kurzfristig nachgebucht, als der Rest der Tour längst durchgeplant war. Ausverkauft war die Waldbühne daraufhin binnen kürzester Zeit, aber das ist für die Rolling Stones ohnehin eher Formsache.

Launige Liebeserklärungen an Berlin

Einige Anmoderationen mit schräg-komischen Anspielungen hat Jagger für dieses Konzert vorbereitet. So scherzt er – wie auch schon beim Stones-Auftritt 2018, gleich nebenan im Olympiastadion – routiniert über die lange Bauzeit des Berliner Flughafens BER: „We arrived here yesterday, and I`m glad to see the airport is finally finished“ (dt. „Ich bin froh zu sehen, dass der Flughafen endlich fertiggestellt wurde“). Mit sieben Milliarden Euro Baukosten sei der Bau doch ein wahres Schnäppchen. Für nur neun Euro sei die Band anschließend vom Flughafen in die Stadt gekommen, so Jagger weiter, einen Seitenhieb auf die Krisen-Verkehrspolitik der Bundesregierung austeilend. Die Berliner Currywurst findet noch Erwähnung, und ja, auch mit dem Pfefferminzschnaps „Berliner Luft“ sei die Band schon in Berührung gekommen: „Nach fünf Schnäpsen war mein Deutsch perfekt.“
Aber zurück zur Musik. Keine großen Experimente in der Setlist. Die Stones bringen viele viele Klassiker-Nummern aus ihren goldenen Jahren, sie spielen im Laufe des Abends „You Can't Always Get What You Want“ und „Honkey Tonk Women“, „Jumpin` Jack Flash“ und „Paint It Black“. Die 1976er-Ballade „Fool To Cry“ immerhin spielen sie zum ersten Mal auf dieser Tour.

Schwere Zeiten für Geringverdiener

„Was für ein toller Abend“, sagt Jagger, wieder auf Deutsch, und weiter: „Was für ein Sommernachtstraum“. Von einem Konzert, für das die Besucher schon auf den mittleren Rängen locker 300 Euro und mehr berappen müssen, darf aber auch professionelles Entertainment erwartet werden. Das sind nunmal Preise, die bestimmte Zielgruppen von vornherein ausschließen – welcher Studierende oder welcher Niedriglohnsektor-Beschäftigte kann überhaupt noch davon träumen, sich das auch einmal zu gönnen? Dennoch fällt auf, dass sich nicht nur eine gereifte Klientel in der Arena drängt, sondern dass es durchaus auch jüngere Leute zu den Stones zieht.
Die Anwesenden – junge wie alte – lassen sich gerne anstecken von der guten Laune auf der Bühne; sie sind erkennbar gewillt, hier einen wirklich schönen, unvergesslichen Abend zu verbringen. Die Anzahl der Rolling-Stones-T-Shirt-Träger ist hoch. Die Textsicherheit auch. Gesessen wird hier kaum, es hält auch weiter hinten nur wenige auf den Sitzen.
Mit Begeisterung singen die Stones-Fans etwa die verführerische Sixties-Pop-Melodie „Out Of Time“ mit, und Mick Jagger wird später noch sagen, wiederum auf gebrochenem Deutsch: „Ich habe gehört, dass Ihr tolle Singer seid!“
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Überhaupt scheint in diesem Open-Air-Sommer, in dem nach zwei Pandemie-Jahren wieder fast alles möglich ist, das Bedürfnis nach ausgelassener Konzertstimmung besonders groß zu sein. Während Theater und Kinos vielerorts mit halbleeren Rängen zu kämpfen haben, werden die Konzertarenen umso entschiedener gestürmt. Das, obwohl die Preise für Tickets, Getränke und Merchandising stolz sind. Im Falle der Rolling Stones trifft dieser unersättliche Hunger nach Partystimmung nun ausgerechnet auf das wohl professionellste Entertainment-Großunternehmen der Pop-Industrie. Jagger und Co. geben ihren Anhängern, wonach die gieren: Nähe, Unmittelbarkeit, Wiedererkennungseffekte und das Gefühl, an etwas Großem teilzuhaben.

Zurück zu Blues und Soul

An diesem Abend fällt einmal mehr auf, wie sehr die Stones sich in den vergangenen Jahren auf ihre musikalischen Wurzeln zurückbesonnen haben, auf Blues, Soul und Südstaaten-Klänge. Das fabelhafte 1972er-Doppelalbum „Exile On Main St.“, das für viele Hardcore-Fans ganz weit oben in der persönlichen Rangliste steht, spielt hier mit Songs wie „Tumbling Dice“ eine Schlüsselrolle. Es geht musikalisch in die Südstaaten der USA; schon die hochkarätige Vorband „Ghost Hounds“ gab mit ihrem Auftritt einen Fingerzeig in diese Richtung.
Aber auch der Live-Klassiker „Midnight Rambler“ aus den frühen Tagen der Rolling Stones ist inzwischen wieder ein fast schon unverzichtbares Herzstück vieler Stones-Konzertabende, ausgewälzt zu einem langen eruptiven Blues-Jam. Diese 60 Jahre alte Band kann musikalisch immer wieder in ihre Komfortzone zurückkehren, und es wird doch nie langweilig. Wie schön, wenn Musiker solch ein verlässlich wärmendes Feuer haben.

Mick Jagger – immer noch ein Wirbelwind

Der einzige neuere Song im Set, das Pandemie-Stück „Living In A Ghost Town“ über eine komplett menschenleere Stadt, fügt sich gut in das Programm ein. Erstaunlich: Das Publikum singt hier über das Ende des Songs hinaus mit. Die Fans gieren also nach neuem Material! Mick Jagger präsentiert hier eine coole Tanz-Choreographie mit kantigen Moves und glänzt nebenbei auf der Blues-Harp.
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Und an dieser Stelle ist es natürlich an der Zeit, ein Wort zur wahrlich erstaunlichen körperlichen Fitness der Band, aber insbesondere des 79-jährigen Mick Jagger zu verlieren. Denn er wirbelt tatsächlich immer noch unermüdlich über die Bühne wie manch deutlich jüngerer Performer schon längst nicht mehr. Er geht in die Knie wie ein leidender, flehentlich um Zuneigung bettelnder Lüstling („Midnight Rambler“), er flirtet und tanzt mit der Background-Sängerin („Gimme Shelter“), und er rennt immer wieder entfesselt über den Bühnen-Steg, bis in die Mitte der Amphitheater-Arena.

Keith Richards gibt den Pausenfüller

Zwischendurch gönnt er sich dann doch einmal eine kurze Pause – und der andere „Glimmer Twin“ Keith Richards übernimmt für die Stücke „You Got The Silver“ und „Happy“ das Mikrofon. Ein Opernsänger wird aus „Keeef“ wohl nicht mehr werden. Für viele Konzertbesucher ist sein Einsatz traditionell das Signal, zum Getränkeholen zu gehen. Aber natürlich gehört dieses Zwischenspiel zwingend zum Ritual eines jeden Stones-Konzertes dazu. Richards zaubert im Nu eine intimere Stimmung in die große Arena, fast schon wie in einem verrauchten Clubkonzert; damals, als es das noch gab.
„Es ist gut, zurück in Berlin zu sein“, sagt Richards auf Englisch, „weil man nie weiß, was passiert.“ Vielleicht spielt er dabei auf den desaströsen Auftritt der Rolling Stones in der Waldbühne 1965 an.
Als die Band damals ein nur wenige Songs langes Konzert gab, endete dies damit, dass Fans Bänke zertrümmerten, Laternen umstürzten und S-Bahn-Züge demolierten. Die Waldbühne musste hinterher umfassend saniert werden.

Gedenken an Charlie Watts

Eine heikle Frage vor der laufenden „Sixty“-Tournee war freilich, wie die Fans das Fehlen der verstorbenen Schlagzeug-Ikone Charlie Watts (1941–2021) aufnehmen würden. Die Band widmet ihm sympathischerweise gleich zu Beginn eine Gedenkminute, während der Fotografien aus den langen Jahrzehnten mit Watts auf den Videoleinwänden laufen.
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Ersatzmann Steve Jordan am Schlagzeug kopiert den minimalistischen Stil von Charlie Watts perfekt: Stoisch und verlässlich wie ein Uhrwerk, dabei gerne mal ein kleines bisschen Laid-Back, also hinter dem Beat, lässt er dem Rest der Band viel Luft zum Atmen. Jordans Charlie-Watts-Mimikry geht sogar so weit, dass er manche Marotten von dessen Stil kopiert: Das ungewöhnliche Auslassen von Hi-Hat-Schlägen an besonderen Stellen im Takt etwa, um der Snare-Drum noch mehr Emphase zu verleihen. Oder die altmodische, dem Jazz entlehnte Haltung der Drum-Sticks.
03.08.2022, Berlin: Die Zuschauer applaudieren, als vor Beginn des Konzerts der britischen Band The Rolling Stones einige Videoaufnahmen des im Jahr 2021 verstorbenen Schlagzeugers Charlie Watts eingespielt wurden. Die Rolling Stones spielten auf der Berliner Waldbühne während der Jubiläumstour "Sixty".
03.08.2022, Berlin: Die Zuschauer applaudieren, als vor Beginn des Konzerts der britischen Band The Rolling Stones einige Videoaufnahmen des im Jahr 2021 verstorbenen Schlagzeugers Charlie Watts eingespielt wurden. Die Rolling Stones spielten auf der Berliner Waldbühne während der Jubiläumstour „Sixty“.
© Foto: Soeren Stache/dpa
Für die Band kann das nur gut sein, denn dieser überbordende Rock ‘n‘ Roll-Sound mit Backgroundchor, Bläsern und zwei Gitarristen, die nicht immer ganz punktgenau zusammenspielen, sondern gernemal Fünfe gerade sein lassen, braucht ein strammes Rückgrat, damit da nichts auseinanderfällt und matschig klingt.

Verlässliche Begleitmusiker

Die altgedienten Herren Jagger, Richards und Wood wissen aber auch, was sie an ihren langjährigen Begleitern in der zweiten Reihe haben. Bassist Darryl Jones, immer hin schon seit 1994 dabei, darf mit einem virtuosen Bass-Solo in „Miss You“ zeigen, was er drauf hat. Keyboarder Chuck Leavell, auch schon seit Jahrzehnten an Bord, ist eine Klasse für sich und beherrscht den Südstaaten-Bluessound perfekt.
Zum Lied „Gimme Shelter“ wurden wie schon auf vorherigen Konzerten der Tournee auf Leinwänden Ruinen und die ukrainische Flagge gezeigt.
Im Zugabenblock gibt es dann noch die unumgänglichen Klassiker „Sympathy For The Devil“ (mit glühend-roter Funken-Visualisierung auf den Leinwänden) und „Satisfaction“ mit seinem kratzbürstigen Jahrhundert-Gitarrenriff.
Ziemlich genau um 22 Uhr ist Schluss und die größte Rockband in der Welt hat einmal mehr gezeigt, dass mit ihr immer noch zu rechnen ist. „Danke“ steht auf den Videoleinwänden, und „danke“ möchten erkennbar auch viele Zuschauer sagen, die nur zögerlich ihre Bänke verlassen und zu den Ausgängen strömen. Der leise aufkommende Verdacht, dass es sich bei dieser Videobotschaft um ein zynisches „Danke“ für das Zahlen der hohen Eintrittspreise gehandelt haben könnte, verfliegt angesichts der wunderbaren Stimmung sofort wieder. „It‘s Only Rock ‘n‘ Roll, But I Like It“ – es ist nur Rock ‘n‘ Roll, aber ich mag es; der Song von 1974 hat in diesem Konzert gefehlt, aber er gilt einmal mehr ohne Einschränkungen.