Er galt als großer Stoiker im Auge des Hurrikans. Als ruhender Pol der Rolling Stones, der unbeirrbar den Takt vorgab, während die anderen weiter vorne auf der Bühne eine wilde Show abgezogen haben. Und der sich danach lieber mit einem Buch und Jazz-Platten auf sein Hotelzimmer verzog, während die anderen noch bis in den frühen Morgen alle Klischees des Rock ’n’ Roll-Lifestyles wahr werden ließen.
Charlie Watts, der am 24. August 2021 im Alter von 80 Jahren gestorben ist, ist eine große Ausnahmegestalt im Showgeschäft. Ein Star, dem nichts ferner lag, als sich in den Mittelpunkt und ins Rampenlicht zu rücken. Ein Rockmusiker, der eigentlich viel lieber Jazz mochte und elegante Maßanzüge trug statt Jeans und Leder. Ein Instrumentalist, der auch dann lieber weiter betont reduzierte Beats aus seinem kompakten Drumkit herauskitzelte, als alles immer bombastischer wurde und andere Schlagzeuger mit virtuosen Fills um Aufmerksamkeit buhlten.

Abgesegnet von Mick Jagger, Keith Richards und Co.

Jetzt ist eine Biografie erschienen und ins Deutsche übersetzt worden, in der dieser Ausnahmecharakter gewürdigt wird. Der Autor Paul Sexton hat die Stones über einen Zeitraum von drei Jahrzehnten journalistisch begleitet, er hatte immer wieder die Gelegenheit zu Interviews und exklusiven Geschichten abseits der Bühne. Für sein Buch „Charlie’s Good Tonight“, das seinen Titel einer Konzert-Ansage Mick Jaggers verdankt, bekam er Zugang zur Familie des Schlagzeugers und durfte andere Bandmitglieder befragen. Mick Jagger und Keith Richards steuerten jeweils ein Vorwort bei.
Die letzte gemeinsame Tour: Gitarrist Ron Wood (v. l.), Sänger Mick Jagger, Schlagzeuger Charlie Watts und Gitarrist Keith Richards spielen während dem Konzert der Rolling Stones im Rahmen ihrer Europatournee "no filter". Charlie Watts feiert am 02.06.2021 seinen 80. Geburtstag, am 24. August desselben Jahres ist er gestorben.
Die letzte gemeinsame Tour: Gitarrist Ron Wood (v. l.), Sänger Mick Jagger, Schlagzeuger Charlie Watts und Gitarrist Keith Richards spielen während dem Konzert der Rolling Stones im Rahmen ihrer Europatournee „no filter“. Charlie Watts feiert am 02.06.2021 seinen 80. Geburtstag, am 24. August desselben Jahres ist er gestorben.
© Foto: Sebastian Gollnow/dpa
Zugegeben – dies ist eine offizielle Biografie. Eine, die von den wichtigsten Beteiligten autorisiert worden ist. Die ganz großen Enthüllungen sind also nicht zu erwarten. Weder über drogen- und alkoholinduzierte Abstürze noch über musikalische Richtungsstreits oder Hahnenkämpfe von Rockstars mit aufgeblähten Egos. All diese Themen werden zwar keineswegs ausgespart – das wäre in einer Biografie über die Formation, die ihren Ruf als gefährlichste und wildeste und überhaupt größte Rock ’n’ Roll-Band der Welt zu verteidigen hat, auch gar nicht denkbar. Aber an pikanten Details gibt es hier allerhöchstens das, was ohnehin längst bekannt ist. Und auch dies nur in einer milden Form, die die Beteiligten am Ende gut dastehen lässt.

Die Mutter hat ihm lange noch die Hemden gebügelt

Dieses Buch ist eben von vornherein als Hommage an den großen Minimalisten unter den Rock-Schlagzeugern gedacht. Und eine solche war längst überfällig. Interessant sind vor allem die Schilderungen der frühen Jahre, als Charlie Watts sich durch Auftritte mit wechselnden Bands einen Namen in der Londoner Musikerszene machte. Als er noch bei seinen Eltern wohnte und die Mutter ihm verlässlich die gebügelten Hemden aufstapelte: Eindrücke einer kleinbürgerlichen englischen Herkunft, die es keineswegs nahegelegt hat, ganz groß zu träumen.
Ein Bild aus den frühen Jahren: Die Stones in der Besetzung, in der sie ab 1964 weltberühmt geworden sind. Mick Jagger (v. l.), Bill Wyman, Brian Jones, Keith Richards und Charlie Watts.
Ein Bild aus den frühen Jahren: Die Stones in der Besetzung, in der sie ab 1964 weltberühmt geworden sind. Mick Jagger (v. l.), Bill Wyman, Brian Jones, Keith Richards und Charlie Watts.
© Foto: Pa/dpa
Seinem Wertekorsett ist dieser schweigsame Charakter verbunden geblieben. Während die anderen Stones ihre Partnerschaften häufiger wechselten als die Gitarren und zum Teil von vielen Frauen Kindern und Enkel haben, während sie von Alkoholexzess zu Groupie-Gelage wankten, blieb Schlagzeuger Charlie Watts von Oktober 1964 bis zu seinem Lebensende mit seiner Jugendliebe Shirley verheiratet.

Beharrungskraft, Schweigsamkeit und ein Schuss Exzentrik

Wer zwischen den Zeilen liest in diesem Buch, mag schlussfolgern, dass sich hinter der rätselhaft-schweigsamen und elegant gewandeten Fassade des vermeintlichen Rock- und Jazz-Intellektuellen Charlie Watts oft auch einfach nur ein gemütlicher, etwas knurriger Normalo verbirgt, der eben zufällig Mitglied der größten Rockband aller Zeiten geworden ist und als Reaktion darauf seinen Spleen kultiviert hat. Der Jazz-Schlagzeuger Jo Jones, der Watts in jungen Jahren von gemeinsamen Engagements kannte, schildert ihn so: „Er war ein eleganter junger Mann, sah immer sehr smart und stilvoll aus. Und er war gut darin, den Takt zu halten – und das ist die Hauptsache –, aber mehr war er in diesem frühen Stadium noch nicht. Er war kein Wunderkind.“
Es ging im Falle von Charlie Watts auch ohne genialische Züge. Wie in einer Nahaufnahme begegnet die Leserschaft dem großen Minimalisten unter den Schlagzeugern, der seine musikalische Prägung durch Jazz-Aufnahmen aus der Zeit des Bebop erfahren hat und Anfang der 60er-Jahre durch die Londoner Clubszene eher widerwillig auf Blues, Rhythm ’n’ Blues und Rock ’n’ Roll einschwenkte. Die oft erzählten Mythen rund um das Anwerben durch die frühen Stones und seinen ersten Gig mit der Band im Januar 1963 werden hier noch einmal mit vielen Zitaten der Beteiligten aufbereitet.
Es geht um die Stilikone Charlie Watts, um seine häufigen Besuche bei exklusiven Herrenausstattern an der Londoner Savile Row. Darum, dass er schon einmal ein Jahr und mehr auf maßangefertigten Schuhe wartete. Um seine Landsitze in Südengland und Südfrankreich, auf denen er wie ein Gutsherr lebte. Um seine Sammelleidenschaft für alte Waffen, Reisekoffer und vieles mehr. Um seine Leidenschaft für Pferde, die sich von seiner Gattin Shirley auf ihn übertragen hat. Für ausgewählte Zuchtpferde zahlten die beiden auf Auktionen schon einmal mehrere hunderttausende Pfund, und das, obwohl Watts selbst überhaupt nicht ritt.
Begüterter Sammler: Charlie Watts mit seiner Gattin Shirley im August 2011 auf einer Pferde-Auktion im polnischen Janow Podlaski. Das kleine Dorf nahe der Grenze zu Belarus ist die Zucht von arabischen Pferden bekannt.
Begüterter Sammler: Charlie Watts mit seiner Gattin Shirley im August 2011 auf einer Pferde-Auktion im polnischen Janow Podlaski. Das kleine Dorf nahe der Grenze zu Belarus ist die Zucht von arabischen Pferden bekannt.
© Foto: Wojciech Pacewicz

Und immer wieder Jazz

Die Leserschaft lernt hier auch den Grafikdesigner Charlie Watts kennen, der vor seinem Durchbruch mit den Stones in Werbeagenturen gearbeitet und eine kurze Graphic Novel über den Jazz-Saxofonisten Charlie Parker – eines seiner ganz großen musikalischen Vorbilder – veröffentlicht hat. Und der sich immer wieder mit ausgefallenen Ideen in die Gestaltung der Stones-Plattencover sowie der immer opulenter werdenden Bühnen-Dekorationen eingebracht hat.
Zu Wort kommen auch Produzenten, Jugendfreunde, weitere Musikerkollegen. Die wohl größte Würdigung seines musikalischen Talents kommt von dem langjährigen Stones-Produzenten und Studio-Assistenten Chris Kimsey. Der erklärt am Beispiel des Songs „Some Girls“ von 1978, dass er im Studio einfach beliebige Versatzstücke eines länglichen Studio-Jams nehmen und aneinanderkleben konnte, um daraus einen kürzeren, Album-tauglichen Songs zu schneiden, weil Charlie Watts so verlässlich mit gleichbleibendem Tempo gespielt hat: „Und das war nur dadurch möglich, dass Charlie den Rhythmus beibehielt wie ein Uhrwerk.“
Rhythmus-Maschine mit besonderem Groove: Charlie Watts (1941-2021), Schlagzeuger der Rolling Stones
Rhythmus-Maschine mit besonderem Groove: Charlie Watts (1941-2021), Schlagzeuger der Rolling Stones
© Foto: Ursula Düren
Für Fans der Stones ist dieses Buch ohnehin ein Muss. Alle anderen finden hier nicht nur das kurzweilige Porträt eines wahrhaft exzentrischen Briten mit vielen Schrullen, sondern auch einen Einblick in das manchmal glamouröse, manchmal abgründige und manchmal offenkundig einfach nur anstrengend gleichförmige Rock-Business mit seinem ermüdenden Zyklus aus Studio-Sessions, Interview-Marathon und nicht enden wollenden Konzertreisen.