Müsste man ein Wort für die Stimmung auf Sarah Connors Konzert in Müllrose finden, die Wahl fiele wohl auf: Endlich. Das dürften sich viele der über 6000 Fans gedacht haben, von denen manche seit zwei Jahren auf den Tickets für das zweimal verschobene Konzert im Betriebshof der Oderland-Mühlenwerke saßen. Und auch die stimmgewaltige Sängerin aus Delmenhorst ließ keinen Zweifel, dass sie das Ende der pandemiebedingten Wartezeit kaum abwarten konnte: „Entschuldigt bitte, dass ich mich zwei Jahre verspätet habe“, rief sie dem Müllroser Publikum entgegen.

Von Beginn an gab Sarah Connor alles

Das Publikum hat es ihrem lange herbeigesehnten Star schnell verziehen. Zusammen feierten sie ein musikalisches Spektakel, das vieles wieder wettgemacht haben dürfte. Das lag auch daran, dass die „Soulröhre aus Delmenhorst“ nichts zurückhielt. Rockiger Belt, hauchige Popstimme und ihr unvergleichliches Rattle – bereits mit dem ersten Song „Hör auf deinen Bauch“ schöpfte Connor gesanglich aus dem Vollen. Über zwei Stunden wechselte sie gefühlvoll gehauchte Balladen mit kraftvollen Popnummern und überraschenden Soul- und R’n’B-Medleys ab.
Schon bevor Sarah Connor die Bühne in Müllrose betrat, entlud sich ein gehöriges Maß an Live-Begeisterung. In zwei Jahren Pandemie schien sich doch einiges angestaut zu haben. Dem Eröffnungsact Alexander Knappe war es jedenfalls ein Leichtes, die über 6000 Paar Hände im ausverkauften Betriebshof zum kollektiven Klatschen zu bewegen.
Mit dem Enthusiasmus und der Energie eines Strandhotel-Animateurs brachte der gebürtige Gubener, der seine Karriere als Kandidat der Castingshow „X-Factor“ begann, mit einem Mix aus eingängigen Refrains und gefühlsgeladenen Balladen das Publikum auf Betriebstemperatur. Dabei hielt es den „Lausitzer Jung“, wie der Sänger sich selbst vorstellte, oft selbst nicht auf der Bühne. Für etliche seiner Songs ging er auf Tuchfühlung mit der Menge – sehr zur Freude junger Fans mit Hang zu Selfies.
Der Gubener Alexander Knappe brachte das Publikum in Müllrose auf Betriebstemperatur.
Der Gubener Alexander Knappe brachte das Publikum in Müllrose auf Betriebstemperatur.
© Foto: Michael Heider

Jung und Alt kamen zum Konzert nach Müllrose

Dass sich Pop aus dem Hause Connor zweifelsfrei von Populär ableitet, zeigte auch ein Blick durch die dicht gedrängten Reihen zwischen den Wellenbrechern. Im Schatten des Klinkerbaus der Oderlandmühle versammelte sich Jung wie Alt. Eingefleischte Fans waren darunter, die Wort für Wort jede vorgetragene Textzeile aus einer 20 Jahre umspannenden Karriere mitsingen konnten. Paare schunkelten Arm in Arm zu eingängigen Balladen wie „Ich wünsche dir“. Und auffallend viele Familien tanzten bis in die Dämmerung – vererbte Begeisterung.

„Herz Kraft Werke“-Sommertour 2022

Weitere Termine in der Region:
● 24. Juli: Berlin, Waldbühne
● 3. September: Finsterwalde, Marktplatz
Selbst Müllroser ohne Ticket machten aus dem Ausnahmezustand in ihrer 5000-Einwohnergemeinde das Beste. Zahlreich säumten sie die angrenzenden Straßen und positionierten sich entlang der Seepromenade. Ein paar Wenigen diente die eigene Fensterbank als Loge mit Panoramablick auf das Geschehen. Umso besser, dass sich die schweren, grauen Wolken, die kurz vor Beginn über die Bühne hinwegzogen, rechtzeitig verflüchtigten. So ging die frühsommerliche Open-Air-Wette doch noch auf.

Eine Setlist voll mit Songs aus späteren Jahren

Im Jahr 2001, gerade mal 19–jährig, feierte Sarah Connor mit „Let's Get Back To Bed – Boy!" ihr Blitzdebüt. Ihr damaliger Sound war ein für die Nullerjahre so typischer wie austauschbarer Mix aus poppigen Hip Hop-Beats und souligem Gesang. Seitdem hat die Delmenhorsterin einen weiten Karriere-Weg zurückgelegt. Erst spät, mit dem 2015 erschienen Album „Muttersprache“ entdeckte sie das Singen auf Deutsch für sich. Man darf dies durchaus als Emanzipation von einer in Schablonen pressenden Musikindustrie verstehen. Es dauerte, doch Sarah Connor hat musikalisch zu sich selbst gefunden. Dies dürfte auch der Grund sein, weshalb die Setlist neben vielen Songs vom aktuellen Album „Herz Kraft Werk“ generell aus vergleichsweise jüngerem Material bestand.
Das Publikum schien die Abwesenheit vieler früher Hits nicht zu stören, sie übertönten Sarah Connor auch beim Refrain zu „Wie schön du bist“ ohne große Probleme. Da hatte sich der vom Nachthimmel bedeckte Betriebshof der Oderland-Mühlenwerke längst in ein Lichtermeer aus Feuerzeugen und Handyblitzen verwandelt. Die 6000 Fans sangen wie im Chor. Für viele dürfte die kollektive Gesangseinlage ein Stück Rückkehr zur vor-pandemischen Normalität bedeutet haben. Ein gelungener Auftakt der diesjährigen Konzertsaison war es allemal. Endlich!