„Der Preis von Vertrauen ist potenzieller Verrat“, sagt Diana B. Henriques an einer Stelle der neuen Netflix-Doku „Bernie Madoff: Das Monster der Wall Street“. Der Satz ist nicht nur die ernüchternde Erkenntnis einer Journalistin, die jahrelang über einen Milliarden-Betrüger recherchierte. Er fasst auch wunderbar die Geschichte zusammen, um die es geht. Sie ist randvoll mit Gier, Lügen, dem Versagen von Institutionen und zerstörten Existenzen. Der Bösewicht? Ein hochangesehener Finanzmagnat, der mit fantastischen Versprechungen lockt. Die Opfer? Investoren, kleine wie steinreiche, die bereitwillig Sparkonten leerräumten, nur um am Ende alles zu verlieren.

Der Fall Madoff – Ein Hochstapler-Drama mit Superlativen

Madoff war der Kopf hinter dem bislang größten Ponzi-Systems (einer Art Schneeballsystem) der Geschichte. Der einstige Vorsitzende der US-Technologiebörse NASDAQ, dem ein Ruf als Finanzgenie vorauseilte, sammelte das Geld Tausender Anleger ein. Er stellte konkurrenzlos gute Renditen in Aussicht, investierte in Wahrheit aber keinen Cent. Erst nach Jahrzehnten – mit der Finanzkrise 2008 – flog der Betrug auf. Der verursachte finanzielle Schaden war da auf unfassbare 65 Milliarden US-Dollar angewachsen. Ein Hochstapler-Drama mit Superlativen.
Prellte Anleger mit falschen Versprechen um Milliarden: Bernie Madoff
Prellte Anleger mit falschen Versprechen um Milliarden: Bernie Madoff
© Foto: Netlix
Kein Wunder also, dass Netflix Filmemacher Joel Berlinger („Jeffrey Epstein: Stinkreich“) bat, eine vierteilige Doku-Serie über den Fall Madoff zu drehen. Die Rechnung ging auf: „Bernie Madoff: Das Monster der Wall Street“ landete umgehend in den globalen Top 10 des Streamingdienstes. Der Erfolg dürfte wenig überraschend gewesen sein. Schließlich sorgen Formate über Hochstapler immer wieder für Quote.

Amanda Seyfried erhielt für ihre Darstellung von Elisabeth Holmes einen Golden Globe

Da wäre etwa „Inventing Anna“, ein weiterer Netflix-Hit. Die von Shonda Rhimes („Grey’s Anatomy“) produzierte Serie fiktionalisiert den Fall der deutsch-russischen Hochstaplerin Anna Sorokin. Mit dem erfundenen Namen „Anna Delvey“ gab sich die junge Frau als Erbin deutschen Geldadels aus und erschlich sich Zutritt zur New Yorker High Society. Um ihren VIP-Lebensstil zu finanzieren, prellte sie Hotels, Banken und vermeintliche Freunde.
In "Inventing Anna" spielt Julia Garner die Betrügerin Anna Sorokin alias Anna Delvey.
In „Inventing Anna“ spielt Julia Garner die Betrügerin Anna Sorokin alias Anna Delvey.
© Foto: Nicole Rivelli/Netflix
Oder die Serie „The Dropout“, die den Fall der Tech-Hochstaplerin Elizabeth Holmes aufgreift. Die Unternehmerin gab vor, Bluttests revolutioniert zu haben. Mit ihrem Silicon Valley-Start Up warb sie Millionen bei namhaften Investoren ein und wurde zur ersten weiblichen Self-Made-Milliardärin. Doch der Betrug flog auf. Von der vermeintlichen Medizin-Revolution blieb nichts. Genauso wenig wie vom Geld. Mit der Serie erreichte Hulu nicht nur ein großes Publikum, auch die Kritiker schütteten haufenweise Lob aus. Für ihre Darstellung der betrügerischen Unternehmerin erhielt Amanda Seyfried jüngst einen Golden Globe.
Mit einem Golden Globe ausgezeichet: Amanda Seyfried als Elizabeth Holmes in "The Dropout"
Mit einem Golden Globe ausgezeichet: Amanda Seyfried als Elizabeth Holmes in „The Dropout“
© Foto: Beth Dubber/Hulu/Disney+

Auch in der Literatur wimmelt es von Hochstaplern

„Der Tindler-Schwindler“, „Bad Vegan“, „Catch Me If You Can“ – die Liste von Filmen und Serien über Betrüger ließe sich beliebig fortsetzen. Und auch die Literatur ist voll bekannter Beispiele. Immerhin dürften selbst jene, die wenig bis nichts über das deutsche Kaiserreich wissen, schon einmal vom „Hauptmann von Köpenick“ gehört haben. Und der rumänische Heiratsschwindler Georges Manolescu diente Thomas Mann einst als Inspiration für seine „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“. Doch woher kommt diese Faszination?
Da sind zum einen die Charaktere im Zentrum der Betrugsfälle. So verächtlich ihre Handlungen auch sind – für sie braucht es eine selbstbewusste, oft charismatische, ja regelrecht clevere Persönlichkeit. Begehrte Eigenschaften, die vielen von uns abgehen. Auch verfolgen Hochstapler ihre Ziele mit einer Unverfrorenheit, die zweifellos schockierend ist – aber auch ein wenig beneidenswert. Wie wäre das eigene Leben wohl mit etwas mehr Chuzpe, mag sich manch Zuschauer fragen.
Hinzu kommt, dass Hochstapler meist in Sphären agieren, die kaum jemand erreicht. Ob man sich nun im Jet-Set tummelt, Haute Couture trägt und in exquisiten Restaurants isst – oder Anerkennung genießt und im selben Atemzug mit Tech-Visionären wie Steve Jobs oder Bill Gates genannt wird. Die Welt der Betrüger ist schillernd.

„Fähigkeit, Sehnsüchte und Wünsche anzuzapfen“

Sich Zugang zu ihr zu verschaffen, ist das Eine. Doch wie gelingt es Hochstaplern, oft jahrelang zu blenden? Indem sie Schwachstellen auszunutzen, erklärt Mark Frank auf der Website der Universität Buffalo. „Vieles davon hat mit der Fähigkeit des Betrügers zu tun, Sehnsüchte und Wünsche so anzuzapfen, dass wir Dinge tun, die wir normalerweise nicht tun würden.“ Eine Fähigkeit, die wir alle im Alltag anwenden, nur überträgt sie der Hochstapler auf den Bereich der Kriminalität und treibt sie auf die Spitze, so der Kommunikationswissenschaftler.
Auch diese kriminelle Energie zieht Zuschauer in den Bann. Dass sie nie ohne Opfer auskommt, sollte bei aller Romantisierung vermeintlicher Robin Hoods aber nicht vergessen werden. Spätestens, wenn ihre leidvollen Erfahrungen zur Sprache kommen, dürfte der Gerechtigkeitssinn aber wieder geweckt sein. Auch er wird in den meisten Hochstapler-Filmen und -Serien befriedigt. Immerhin enden sie nicht selten mit Aufnahmen aus einem Gerichtssaal. Dann auch das brauche für die Verfilmung einer Betrugs-Geschichte: das Auffliegen des Hochstaplers.