Würde der Guide Michelin nicht nur Restaurants, sondern auch TV-Serien prämieren, „The Bear“ (streambar auf Disney+) fiele direkt in die Drei Sterne-Kategorie. Die in einer Profiküche angesiedelte Show bringt alle Zutaten mit, die es für ein gelungenes Fernseherlebnis braucht. Ihre acht Folgen lassen einen zufriedenerer zurück als ein ähnlich umfangreiches Gänge-Menü. Und das, obwohl sie einer nervenaufreibende Tour de Force gleichen.

Sandwiches statt Kaviar und peinlich genau arrangierte Dillzweigen

Im Auge des gastronomischen Sturms steht Carmen „Carmy“ Berzatto (Jeremy Allen White). Der vielfach ausgezeichnete Koch lässt das angesagte New Yorker Spitzenrestaurant hinter sich und kehrt nach dem Selbstmord seines Bruders zurück nach Chicago. Dort übernimmt er dessen Deli, in dem anstatt Lachsfilets mit Kaviar und peinlich genau arrangierten Dillzweigen fetttriefende Roast Beef Sandwiches auf den Tellern landen.
Egal ob nur Gebäck oder gleich das ganze Küchenkonzept – Marcus (Lionel Boyce) und Syndey (Ayo Edebiri) haben noch viel vor.
Egal ob nur Gebäck oder gleich das ganze Küchenkonzept – Marcus (Lionel Boyce) und Syndey (Ayo Edebiri) haben noch viel vor.
© Foto: The Walt Disney Company
Seinen soziopathischen Chef de Cuisine mag Carmy zwar losgeworden sein, doch als Herr eines in die Jahre gekommenen Ladens plagen ihn neben der Speisekarte plötzlich defekte Sanitäranlagen, eine lückenhafte Buchführung, knorrige Küchenhilfen und das Gesundheitsamt. Da er auch Schulden erbt, liegt auf dem jungen Spitzenkoch ein Druck wie in einem Dampfgarer, der jeden Moment zu explodieren droht. Hilfe bekommt Carmy von der talentierten, aber noch unerfahrenen Köchin Sydney (Ayo Edebiri). Beide träumen davon, aus „The Original Beef of Chicagoland“ (so der Name des Deli) etwas zu machen, was ihren hohen Ansprüchen entspricht und sich gleichzeitig echt anfühlt.

Legendär toxisches Arbeitsumfeld in Profiküchen

Serienschöpfer Christopher Storer, dem das Diner eines Freundes als Vorbild für „The Beef“ diente, zeichnete zuvor vor allem für Comedy Specials verantwortlich. Dennoch gelang es ihm, das legendär toxische Arbeitsumfeld, von dem viele Profiküchen noch immer geprägt sind, beinahe hyperrealistisch einzufangen. Dass der gnadenlose Stress in der Gastronomie auch vor dem Bildschirm so drastisch spürbar wird, liegt nicht nur daran, dass in „The Bear“ die Messer nur so über das Schneidebrett fliegen, Eimer voll Brühe aus dem Regal kippen und im Hintergrund ständig die Uhr tickt – schließlich will alles rechtzeitig vor dem Ansturm der ersten Gäste fertig sein.
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Die Serie spielt fast ausschließlich auf den engen Fluren zwischen Herdplatte und Kühlraum. Close-Ups von angespannten Gesichtern und Essen anrichtenden Händen verstärken den klaustrophobischen Effekt nur noch. So atemlos die Küchenbrigade, so packend das Zuschauen. Garniert wird dieser kochend heiße Ritt von einem Soundtrack bestehend aus Songs von Radiohead, Pearl Jam, Van Morrisson und anderen Rock-Größen.
Selbst im Kühlraum von "The Beef" kochen die Gemüter immer wieder hoch: Carmy (Jeremy Allen White, von links), Marcus (Lionel Boyce) und Richie (Ebon Moss-Bachrach)
Selbst im Kühlraum von „The Beef“ kochen die Gemüter immer wieder hoch: Carmy (Jeremy Allen White, von links), Marcus (Lionel Boyce) und Richie (Ebon Moss-Bachrach)
© Foto: The Walt Disney Company
The Bear profitiert zudem von einem enorm talentierten Cast, der die vielschichtigen Figuren gekonnt in Szene setzt. Ebon Moss-Bachrach („The Punisher“) etwa brilliert regelrecht in der Rolle des dauerplappernden, testosterongesteuerten und zugleich verletzlichen Restaurant-Managers Richie.

Eine Show über Essen wie keine andere

Dass „The Bear“ sich deutlich von anderen Shows rund um das Thema Küche und Essen unterscheidet, gereicht ihm stark zum Vorteil. Schließlich ist das Genre arm anspruchsvollen Formaten. Die FX-Produktion hingegen besticht mit handwerklicher Qualität, die stets dem gut geschriebenen Inhalt verpflichtet ist. Bunt inszenierten Food Porn muss man anderswo suchen. Lust auf mehr macht „The Bear“ trotzdem – auch weil im heißen Dampf der Küche zutiefst emotionale Geschichten von Familie, Verlust und Träumen verborgen liegen.