Als der Maler Picasso vor rund einhundert Jahren auf Grund des vielen Elends um sich herum in eine Sinnkrise geriet, ließ er diese Unlust am Leben in seine Bilder einfließen. Sein Schaffen aus dieser Zeit wurde berühmt als seine „Blaue Periode“.
Auch der Engländer Robert Smith bläst gern Trübsal. Vor allem aber ist er seit frühen Tagen mit dem Talent gesegnet, das Elend der Welt in minimalistische Drei-Minuten-Popsongs zu packen.
Der 63-Jährige hat die 45 Jahre mit seiner Band The Cure ausgiebig genutzt, um seine diversen Gefühlsaufwallungen, inklusive Neurosen künstlerisch zu interpretieren. The Cure könnte man deshalb vielleicht auch als sein Medium bezeichnen, statt nur als seine Band. Smith’ Umgang mit seinen Musikern hat jedenfalls nichts zu tun mit der oft beschworenen Legende „Jugendfreunde gründen eine Band, um Spaß zu haben und reich zu werden“.
Der Engländer ist der unbestrittene Kopf der Band, die er bereits 1976 unter dem Namen The Easy Cure gegründet hatte - zu einer Zeit, als Punk-Anarchy im britischen Königreich herrschte. Doch zur großen Dilettanten-Schar gehörte Smith nie, schließlich konnte er sogar Klavier spielen. Seine Schwester allerdings ungleich besser, was für den jungen Robert Anlass genug war, sich lieber der Gitarre zu widmen.

Ausverkaufte Mercedes-Benz-Arena

Reich geworden ist er dank millionenfach verkaufter Platten dann relativ schnell und den Spaß (wenn auch in einer leicht betrübten Form) haben auf jeden Fall seine Fans. Davon legte das Konzert von The Cure am Dienstag in Berlin erneut Zeugnis ab. Der Auftritt in der Großraumarena Mercedes Benz war komplett ausverkauft, weil die Band erstens viele treue Fans hat und zweitens die Zeiten nie besser waren für depressiv anmutende Rockmusik als jetzt. Wegen des gesellschaftlichen Großklimas und auch wegen des wettermäßigen Kleinklimas am Dienstag.
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Dass es an diesem Abend besonders düster und lang werden würde, war insofern klar, als The Cure-Konzerte immer düster und lang sind. Schon das soundige Grummeln vor dem Opener „Alone‘“ sowie das folgende „Pictures of You“ lassen erahnen, dass dieser Konzertabend unter einem guten Stern stehen würde – nicht gleich einem hellen, aber immerhin einem strahlenden. Begutachtet man die unzähligen Songs von Robert Smith genauer - was ein Fan für eine Seminararbeit wissenschaftlich exakt getan hat - muss man sich tatsächlich wundern, dass der im Selbstmitleid versinkende Künstler noch unter den Lebenden weilt. Immerhin hat er in seinen Texten, laut besagtem Hobbyforscher, viele Dutzende Male den Tod gefunden.
In gewisser Hinsicht ist die lange Ära von The Cure ja eine immerwährende schwarzen Periode, um es mit Picasso zu sagen. Im Unterschied zu dem Maler ist das Schaffen von Mastermind Robert Smith jedoch ohne große Farbwechsel geprägt. Heller als Grau wurde es bei ihm nie. Dass es beim Berliner Konzert stellenweise doch noch bunt wurde, war allein der Lichtshow geschuldet. Ansonsten wanderten die Musiker in abgrundtiefen Schluchten von Depression und Melancholie. Das allerdings im besten Soundgewand. Nie klang Düsternis besser als bei „Fascination Street” oder „Lullaby“. Nichts war bei der Show an diesem Dienstag mit „Friday I’m In Love”.
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Wobei Show ohnehin eigentlich eine Übertreibung ist, denn Gitarrist und Sänger Robert Smith macht keinerlei Mätzchen hinterm Mikrofon. Er ist der ruhende Pol in einer noch ruhigeren Umgebung, was natürlich nicht den Sound betrifft. Der schiebt sich wie ein Gewitter aus der Ferne langsam heran, wie angewurzelt pumpen die Bässe und halten den Übermut, der durch die flirrenden Gitarren provoziert werden könnte, immer in Grenzen. Stets passt Frontmann Robert Smith mit seinen Musikern auf, dass die Party zwar gute Laune, aber keineswegs Fröhlichkeit verbreitet. Schließlich gelten The Cure als die Pop-Könige der Finsternis - ohne Frust keine Lust. Für die waren einige Fans offenbar von sehr weit gekommen, wie das Stimmengewirr in den Hallengängen wie vereinzelte Flaggen im Innenraum-Fanpulk zeigten.
Insgesamt wirkte das Publikum wie in einem eigenartigen Schwebezustand – einerseits beseelt, andererseits leicht gebremst in seiner Euphorie, weil die Frische des ja doch alten Sacks Robert Smith kaum zu fassen war.
Gegen Ende der fast dreistündigen Show entlud sich jedoch alles Fantum in grenzenlose Begeisterung über ein überragendes Konzert, das viel weniger mit der Vergangenheit flirtete, als mit der Gegenwart. Die ist ja auf eine spezielle Art auch sehr trübsinnig. Nur leider nicht auf die Weise, die The Cure-Fans prickelnd finden.