The Who in Berlin
: Band liefert in der Waldbühne phänomenalen Ritt durch ihre Karriere

Es könnte ihr allerletztes Deutschland-Konzert gewesen sein: Die Band „The Who“ spielte sich mit Wumms und in Begleitung des Filmorchesters Babelsberg durch Höhepunkte aus ihrem umfangreichen Repertoire.
Von
Boris Kruse
Berlin
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20.06.2023, Berlin: Sänger Roger Daltrey, Schlagzeuger Zak Starkey, und Gitarrist Pete Townshend spielen beim Konzert von The Who unter dem Motto „Hits Back!“ in der Berliner Waldbühne.

Carsten Koall/dpa

Es gibt zwei Dinge, ohne die wäre ein Konzert der britischen Rocklegende The Who nicht komplett: Sänger Roger Daltrey muss auf jeden Fall sein Mikrofon am Kabel herumschleudern wie ein Derwisch. Und Gitarrist Pete Townsend muss mehrfach im Laufe des Abends seine legendäre „Windmühlenflügel“-Pose ausführen. Sprich: Mit seinem weit ausholenden, wild rudernden rechten Arm die Saiten seiner Gitarre punktgenau so treffen, dass ein satt angezerrter Sound durch die gesamte Arena hallt. Ohne gerissene Saiten bitteschön.

Und was das angeht, kann nach ihrem Auftritt in der Berliner Waldbühne am Dienstagabend (20. Juni) vorbehaltlos Entwarnung gegeben werden: Die beiden, stramm auf die 80 zugehenden Rocklegenden haben es immer noch drauf. Wie eine gut geölte Maschine agieren Daltrey und Townsend auf der Bühne miteinander, ergänzt von langjährigen Mitstreitern wie Townsends jüngerem Bruder Simon an der zweiten Gitarre, Schlagzeuger Zak Starkey und Bassist Jon Button. The Who haben den Verlust ihres ersten Schlagzeugers (Keith Moon, 1978) wie auch den ihres Bassisten (John Entwistle, 2002) verkraftet. Ohne die beiden hochvirtuosen Instrumentalisten ist die legendäre Mod-Rock-Band nicht mehr ganz die alte, aber immer noch eine Pracht. Doch The Who ohne Windmühlenflügel und ohne Mikrofon-Schleuder-Einlage, das wäre einfach undenkbar. Zum Glück gilt das auch im Jahr 2023 noch.

Satte Streichersätze vom Filmorchester Babelsberg

Auf ihrer „Hits Back!“-Tour paaren sich solche klassischen Zutaten mit dem Willen, am Ende ihrer Karriere noch einmal die sinfonischen Seiten der Abend in den Fokus zu rücken. The Who startet samt Babelsberger Filmorchester zunächst mit einigen Höhepunkten aus der 1969er-Rockoper „Tommy“. „Amazing Journey“, „Pinball Wizard“ und „We`re Not Gonna Take It“ – alles dabei, was echte Fans begehren.

20.06.2023, Berlin: Sänger Roger Daltrey und Schlagzeuger Zak Starkey in der Waldbühne. Daltrey beherrscht zur großen Freude der Fans immer noch sein Markenzeichen als Frontmann, mit dem der 79-Jährige in den 1960er-Jahren berühmt geworden ist: Das Schleudern des Mikrofones.

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Und bei „Amazing Journey“ zückt Roger Daltrey ihn auch schon, seinen Pflichtprogramm-Joker: Das Mikrofon fliegt ihm zwar nicht mehr ganz so schnell um die Ohren wie noch vor einem halben Jahrhundert, aber wen mag das angesichts seiner 79 Lebensjahre auch verwundern? Daltrey in seinem weiten weißen Hemd macht das sehr kunstvoll, er wirft seinen handlichen Gesangsverstärkungsapparat in immer neue Richtungen, er wickelt sich auch mal darin ein, ohne sich zu verheddern, und schafft es tatsächlich, sich gleich darauf wieder unfallfrei zu enttüdeln. Ob er das wohl tagtäglich vor dem Spiegel übt? Egal. Es ist auf jeden Fall unterhaltsam. Großer Jubel.

Nach dem ersten Drittel endlich die straffen Rocker

Rein musikalisch läuft das Konzert zunächst eher zäh an. Das Zusammenspiel aus Band und Orchester tönt während der ersten Songs noch etwas matschig und undefiniert. Vielleicht liegt das daran, dass The Who auf ihrer „Hits Back!“-Tournee immer wieder mit anderen lokalen Orchestern zusammenarbeiten? Vielleicht ist die epische Rockoper „Tommy“ mit ihren vielen harmonischen Schlenkern und Seitensträngen aber auch arg komplex für den Auftakt. Den Potsdamer Orchestermitgliedern ist hier jedenfalls nichts vorzuwerfen, sie spielen ihre Parts einwandfrei. Eine straffe Rock-Nummer hätte das Publikum womöglich gleich zu Beginn buchstäblich von den Sitzen gerissen.

Der kreative Kopf: Pete Townshend (78), Gitarrist der Band The Who, am 20. Juni 2023 in der Berliner Waldbühne

Carsten Koall/dpa

Stattdessen gibt es aber nach den „Tommy“-Songs das unterschätzte „Eminence Front“ vom 1982er-Album „It`s Hard“. Ein unaufdringlicher, geradezu unscheinbarer Wave-Pop-Groove, mit dem The Who damals versuchten, Anschluss an eine neue Generation von Musikern zu finden. Was bei eingefleischten Fans nicht immer wohlgelitten ist, kann doch mit atmosphärischen Sounds überzeugen. Die Streichersätze des Babelsberger Orchesters erzeugen eine zusätzliche Dimension, und Pete Townsend spielt hier ausnahmsweise mal ein richtiges Gitarrenhelden-Solo – er macht also genau das, wovor er sonst meist zurückschreckt. Seiner Fender Stratocaster entlockt er jetzt einen warmtönenden, singenden Lead-Gitarrenton.

Die straffen Rock-Songs sollten außerdem noch kommen. Im zweiten Drittel des Abends machen die Babelsberger Pause, und es werden jede Menge Klassiker hervorgekramt. „The Kids Are Alright“ zum Beispiel. Und „You Better You Bet“ vom 1981er-Album „Face Dances“, das von den Fans wiederum nicht ganz so heiß und innig geliebt wird, zumal es das erste ohne den 1978 verstorbenen Schlagzeuger Keith Moon war. Diese eingängige Single aber zählt mit Fug und Recht inzwischen auch schon zu den Dauerbrennern im Repertoire.

Dieser wirklich ungetrübt schöne zweite Teil des Konzertes endet mit einer großartigen Fassung von „Won`t Get Fooled Again“. Roger Daltrey beherrscht den herzzerreißenden Urschrei, der die Climax des Songs bildet, immer noch wie vor Jahrzehnten. Ein Wahnsinns-Moment. In solchen Songs wird deutlich, wie wichtig The Who für die Entwicklung der Rockmusik insgesamt gewesen sind. Dies war immerhin einmal die lauteste Band der Welt.

In der Waldbühne sind sie immer noch sehr laut, der Band-Sound tönt aber durchaus gesittet aus der PA-Anlage.

Episches Finale mit „Quadrophenia“

Das letzte Drittel des Abends konzentriert sich auf das „Quadrophenia“-Konzeptalbum von 1973, den kreativen Höhepunkt im Schaffen von Haupt-Songschreiber Pete Townsend. Und jetzt macht das Zusammenspiel aus Band und Orchester wirklich Sinn, jetzt stimmt das Nebeneinander aus Straffheit und Breitwand-Klanglandschaft. Keyboarder Loren Gold hat seinen großen Moment beim Klavier-Intro zu „Love, Reign O`er Me“, dem grandiosen sinfonischen Finale von „Quadrophenia“ – einem Stück, das verdeutlicht, wie sehr Pete Townsend in den frühen 1970er-Jahren den Begrenzungen konventioneller Rockmusik entwachsen war.

Roger Daltrey moduliert seine voluminöse Stimme hier höchst kunstvoll, er erreicht immer noch die höchsten Frequenzen und wirft damit die Frage auf, ob er unter all den ikonischen Sängern der Dinosaurier-Bands aus den goldenen Jahrzehnten der Rockmusik nicht der am meisten unterschätzte ist.

Etwas erratisch kommen allerdings die Versuche daher, das „Quadrophenia“-Material – in dem Konzeptalbum geht es um die britische Mod-Jugendkultur aus den 1960er-Jahren – mit Aktualität aufzuladen. Auf den Videobildschirmen läuft historisches Bildmaterial aus der Ära des US-Präsidenten Nixon und von Protesten gegen den Vietnam-Krieg ebenso wie Szenen mit den letzten US-Präsidenten Trump und Biden; Zeitungen, die den Tod John Lennons ankündigen ebenso wie eine Großaufnahme des ukrainischen Präsidenten Selenskyj und Aufnahmen von Solidaritätsbekundungen mit dem angegriffenen Land. In diesem wahllosen Nebeneinander ist das die bloße Behauptungen von politischer Haltung. Aber, wie Pete Townsend zuvor in einer Ansage deutlich gemacht hat (da ging es darum, dass er zum Ausdruck bringen wollte, wie sehr er Deutschland bewundere): Innerhalb der Band sei man sich politisch keineswegs einig. Sänger Daltrey hatte sich in den Jahren zuvor in Interviews wiederholt als Brexit-Befürworter zu erkennen gegeben.

Als integrierte Zugabe gibt es ohne Pause gleich noch den Kultsong „Baba O`Riley“ draufzu, und nun hält es wirklich niemanden mehr auf der Sitzbank. Das genial einfache Riff aus drei Noten, das auf Klavier und Gitarre unisono gespielt wird, ist immer noch ein eindrucksvolles Statement – ein Inbegriff für lauten, überbordenden Rock, für den musikalischen Kontrollverlust. Den beiden alten Herren da oben auf der Bühne geht es erkennbar gut. Ein schöner nostalgischer Abend geht zu Ende.

Das wirklich allerletzte Mal?

Viele Jahre hatten sich The Who zuvor nicht in Deutschland blicken lassen. Die Besucherzahlen am Dienstagabend deuten darauf hin, woran das (auch) gelegen haben mag: 14.000 Besucher waren nach Angaben des Konzertveranstalters Zahlmann gekommen, 22.000 hätten hineingepasst. Etliche Bänke im Oberrang blieben leer, und ganz unten vor der Bühne wurden Stühle aufgestellt, was die Arena nicht ganz so leer wirken lässt. Und ganz nebenbei wohl auch den Bedürfnissen der überwiegend reifen Fans entgegenkommt. Um ein jüngeres Publikum anzuziehen, haben The Who seit ihrer ersten Auflösung im Jahr 1982 wohl einfach zu wenig neue Musik veröffentlicht. Irgendwann nutzt sich die Nummer mit dem Comeback als Arenen-füllender Oldies-Act eben doch ab.

Dieses Mal könnte es wirklich die allerletzte Gelegenheit gewesen sein, sie hierzulande lebendig auf der Bühne zu sehen. Roger Daltrey und Pete Townsend haben vor der Konzertreise deutlich gemacht, dass angesichts ihres Alters jedes Konzert das letzte sein könnte. Die laufende „The Who Hits Back!“-Sommertour führt sie außer ins französische Paris (23. Juni) nur noch zu Hallen und Freiluftbühnen im heimischen Vereinigten Königreich.

Was noch nachzutragen bleibt: Bei derart vielen gut abgehangenen Krachern fällt es kaum ins Gewicht, dass die Who in Berlin ausgerechnet einige ihrer allergrößten Hits unangetastet gelassen haben. Ein Konzert ohne die Riesen-Hits „I Can`t Explain“, „I Can See for Miles“ und, besonders auffällig, „My Generation“ – wer hätte das gedacht? Auch fällt auf, dass die Band einen Bogen um ihre jüngsten Alben „Endless Wire“ (2006) und „WHO“ (2019) macht. Aber dafür reichte die Energie der bald 80-Jährigen dann vielleicht doch nicht mehr. Gegen 21.40 Uhr ist Schluss, die Fans kommen zeitig nach Hause.