Konzert in der Waldbühne Berlin
: The Who und der „Maximum R ’n’ B“ – eine Einführung in ihre Musik

Seit fast 60 Jahren ist die britische Band The Who aktiv, mit einigen Unterbrechungen. Auf ihrer laufenden Tournee, die sie samt Filmorchester Babelsberg auch in die Berliner Waldbühne führt, spielen die verbleibenden Gründungsmitglieder Roger Daltrey und Pete Townsend viele alte Klassiker. Was hat diese Band ab Mitte der 1960er-Jahre so einflussreich gemacht? Eine kurze Einführung anhand einiger ausgewählter Songs.
Von
Boris Kruse
Berlin
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  • Die beiden Überlebenden: Pete Townsend (l.) und Roger Daltrey sind die letzten verbleibenden Gründungsmitglieder von The Who.

    Die beiden Überlebenden: Pete Townsend (l.) und Roger Daltrey sind die letzten verbleibenden Gründungsmitglieder von The Who.

    Rick Guest/Trinifold
  • Immer noch energiegeladen: Roger Daltrey (l.) und Pete Townshend von The Who auf der Bühne

    Immer noch energiegeladen: Roger Daltrey (l.) und Pete Townshend von The Who auf der Bühne

    Suzan Moore
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Mit ihren regelmäßigen Stadion-Tourneen sind The Who längst ein erfolgreicher Oldies-Act. Gerade einmal zwei Studioalben mit neuen Songs haben die Briten in den vergangenen 40 Jahren veröffentlicht. In den zwei Jahrzehnten davor aber revolutionierten sie die Rockmusik. „Maximum R ’n’ B“ nennen The Who selbst seit den Anfangstagen Mitte der 1960er-Jahre ihren speziellen Stil, mit dem sie einst die lauteste Band der Welt waren.

Aber was genau ist das eigentlich? Kurz vor ihrem Berliner Gastspiel in der Waldbühne am Dienstag, 20. Juni, wo sie in Begleitung des Filmorchesters Babelsberg spielen werden, erinnern wir daran, was die Band einst so besonders gemacht hat. Wir tun dies mit einer Auswahl an Songs, die beispielhaft für ihre wesentlichen Stilelemente stehen. Nicht immer sind es die bekanntesten Stücke – auch einige Kuriositäten finden sich darunter.

The High Numbers: „I’m The Face“, 1964

Streng genommen ist dies gar kein The-Who-Song, denn die vier jungen Männer im Alter zwischen 18 und 20 Jahren aus dem Nordwesten Londons nahmen im Sommer 1964 ihre erste Single unter dem Namen The High Numbers auf. Ein Plattenfirmen-Manager hatte ihnen vorübergehend diesen Namen verpasst, damit die Band noch deutlicher vom damals grassierenden britischen Mod-Hype profitieren könnte – „high numbers“ war ein jugendsprachlicher Ausdruck für etwas sehr Hippes, Trendiges. Und die Mods als eigenwillige Jugendbewegung aus der englischen Arbeiterklasse bezogen ihr Selbstverständnis wesentlich daraus, dass sie sich mit eleganten Klamotten von den ungepflegten Rockern in ihrem Umfeld abgrenzten.

Doch der wohlkalkulierte Marketing-Schachzug verfing nicht`, die Single ging unter. Der Grund dafür ist nicht zuletzt im Musikalischen zu suchen. „I’m The Face“, eine Fremdkomposition, bietet nur damals marktüblichen Rhythm ’n’ Blues mit einem konventionell tönenden Gitarrenriff und einer im Mix stark vorne platzierten Blues-Harp. Die junge Band war damals einfach noch nicht am Ziel. Warum dieses Lied dann trotzdem Eingang in diese Liste findet? Weil „I’m The Face“ dokumentiert, wie sich eine ambitionierte Band an den großen Stars ihrer Zeit orientiert, die damals auf ihrer Karriereleiter schon einen Schritt weiter waren: Die Beatles natürlich, die Rolling Stones, und gerade eben erst mit „You Really Got Me“ zu diesem Klub dazugestoßen, den Kinks. Wenig später sollten The Who, wie sie sich bald wieder nannten, sich noch entschiedener von dem braven Beat-Strickmuster und Blues-Schema lösen – und ihre Verstärker heftiger übersteuern als alle anderen zuvor.

„My Generation“, 1965

Der Über-Hit, der die Who schlagartig zur Kultband ihrer Generation machte und ihren Sound für die Welt definierte. „Hope I die before I get ol“ („Ich hoffe, dass ich sterbe, bevor ich alt werde“) – diese vielzitierte Songzeile ist zum Synonym für selbstzerstörerische, eskapistische Jugendkultur geworden. Der Titeltrack des gleichnamigen Debüt-Albums war mehr ein lauter Aufschrei denn ein gesungenes Lied. Das charakteristische, brutal primitive Gitarre-Bass-Unisono-Riff und Roger Daltreys Stotter-Gesang sind genial einfache Zutaten zu einem Song, der eine brilliante Metapher für Sprachlosigkeit und für das Nicht-Verstanden-Werden der Jugendlichen im Nachkriegs-England ist. Passenderweise reiht der stotternde Sänger nurmehr wütende Phrasen zusammenhanglos aneinander, als dass sich aus seiner Zustandsbeschreibung über seine G-g-g-ge-neration ein zusammenhängender Text ergeben würde. Wenn irgendwo in der Geschichte der Popularkultur die (begrenzten) Ausdrucksmittel und die vermittelte Botschaft eine perfekte Einheit ergeben, dann hier.

„Substitute“, 1965

An dieser Single lässt sich so gut wie an kaum einem anderen Song der Who erklären, was die besondere musikalische Formel der englischen Band ausmacht – ihren „unique selling point“ sozusagen. Gitarrist Pete Townsend spielt zunächst ein simples, rhythmisches Gitarrenriff auf der Western-Gitarre (in der Studioversion), erst später stimmt er mit der gesamten Band auf der elektrischen ein. Aber auch dann bleibt er bei einem vergleichsweise unaufgeregten, einfachen Rhythmusgitarrenpart. Er zeigt überhaupt keine Ambitionen, Lead-Gitarre zu spielen und harmonische Glanzpunkte zu setzen. Die Lücke, die Townsend damit lässt, füllt hingegen Bassist John Entwistle. Der umkreist den jeweiligen Grundton mit einer Vielzahl an schnell gespielten Noten. In anderen Worten: Bass und Gitarre vertauschen im Grunde genommen ihre Rollen. Das alles wird in abenteuerlicher Weise zusammengeknotet von einem Schlagzeug, das über die volle, knapp drei Minuten lange Songdauer so klingt, als würde es gleich explodieren. Keith Moon, der damals schon hart für seinen Spitznamen „Moon the loon“ (Moon der Irre) arbeitete, spielt einfach die ganze Zeit so, wie andere nur während eines Solos. Wo andere Schlagzeuger versucht hätten, das fragile Zusammenspiel von Gitarre und Bass mit stoischen Rhythmen zu stabilisieren, platziert Moon immer noch ein zusätzliches Drum-Fill oder einen Crecendo-artigen Beckeneinsatz, sodass sich die Band immer weiter hochschaukelt. Maximum R `n` B!

„The Kids Are Alright“, 1965

Neben wütend-aggressiven Rock-Nummern wie „My Generation“, „I Can`t Explain“ oder „Substitute“ beherrschten The Who auch schon in ihren frühen Jahren die Disziplin der einschmeichelnden, radiofreundlichen Melodien. „Mit „The Kids Are Alright“ näherte Chef-Songschreiber Pete Townsend sich ganz entschieden der softeren Seite des damals vorherrschenden Beat-Trends an. Buchstäblich nach den Beatles klingt dieses Stück, bis hin zum charmierenden Harmoniegesang. Der Text hingegen – eine Eifersuchts-Geschichte über enttäuschte Liebe – ist keineswegs so harmlos und fröhlich, wie die glatte Produktion mit dem eleganten Gesang es vermuten lässt.

„A Quick One, While He`s Away“, 1966

Für ihre epischen Rockopern „Tommy“ und „Quadrophenia“ sowie das auf mehrere Alben verteilte, gescheiterte „Lifehouse“-Projekt sind The Who bekannt geworden. Dass es sie aber schon viel früher in diese Richtung zog, verdeutlicht die skurrile neunminütige Mini-Oper von 1966, die auch als Titelgeber für das Album „A Quick One“ diente. Es ist die aberwitzige Geschichte des Seitensprungs einer jungen Frau mit einem Lastwagenfahrer während der langen Abwesenheit ihres Freundes, umgesetzt in sechs aneinandergereihten Sätzen. Am Ende geht alles gut aus und ihr wird vergeben. Ursprünglich wollte die Band auch diese Mini-Oper schon orchestral arrangieren, im Jahr 1966 hatten sie dafür aber noch nicht das Budget. Am Ende lief es darauf hinaus, dass sie an den Stellen des geplanten Streicher-Einsatzes einfach im Chor „Cello, Cello …“ in die Aufnahme hineinsangen. „A Quick One, While He’s Away“ ist ein herrlich alberner Blödsinn, mit starken Melodien umgesetzt, von denen einige für sich das Zeug zum Hit hätten.

„I Can See For Miles“, 1967

Sie konnten schon einen richtig zotigen pubertären Humor an den Tag legen. Das dritte Album „The Who Sell Out“ ist aufgemacht wie eine Radio-Show samt eingefadeter Werbe-Jingles für diverse Produkte wie ein miefendes Deodorant oder Baked Beans, und es beinhaltet ein Lied über sexuelle Befriedigung im Handbetrieb („Mary Anne With The Shaky Hand“). Ein, wenn nicht der musikalische Höhepunkt indessen ist das gewaltige „I Can See For Miles“ – ein einziges Crescendo, bei dem alle Instrumente sich nach einem synkopierten Strophen-Teil gegen ende in eine Climax steigern. Mit seiner eigenwilligen, die Spannung steigernden Struktur bildet „I Can See For Miles“ auch die Blaupause für spätere Bombastrock-Glanztaten wie den Live-Klassiker „Won`t Get Fooled Again“ (1971) samt Roger Daltreys kathartischem Urschrei-artigen Ausbruch.

„Pinball Wizard“, 1969

Eine der bekanntesten Melodien von The Who und das zentrale Stück aus dem Konzeptalbum „Tommy“ über einen blinden und taubstummen Jungen im Nachkriegsengland, der wundersamer Weise ein Genie im Flipperspielen ist. Neben der starken Melodie, die niemand mehr vergisst, der sie einmal gehört hat, ist dies ein gutes Beispiel dafür, weshalb Pete Townsend von vielen als einer der besten Rhythmus-Gitarristen der Rockmusik gehandelt wird: Wie er das Motiv im Intro mit schnell gespielten Akkorden auf der Western-Gitarre aufbaut, ist schlicht meisterlich und sehr eigenwillig.

Vor der Pandemie-Pause: The Who bei einem Konzert im Wembley Stadium in England am 4. Juli 2019

William Snyder

„Behind Blue Eyes“, 1971

Sie können auch Balladen, sie können auch leise. Mit Akustikgitarre, mit einem ausnahmsweise mal nicht laut bellenden oder schreiendem, sondern einschmeichelnd weich singendem Roger Daltrey, und mit einem atmosphärisch dichtenden Arrangement, das Raum für eine Steigerung am Ende lässt. Die Coverversion von Limp Bizkit aus dem Jahr 2003 brachte der Band noch einmal die Aufmerksamkeit einer neuen Generation von Hörern ein.

„The Real Me“, 1973

Ein gutes Beispiel dafür, wie The Who ihren eigentlich recht simpel gestrickten „Maximum R ’n’ B“ für ihre großen Konzept-Projekte zu einem orchestralen Stil weiteten. Die Bläsersektion wirkt keineswegs aufgepflanzt, sondern wie ein integraler Bestandteil der Musik. Die Basslinie von John Entwistle, der immer wieder unerwartete harmonische Haken schlägt, ist ein kleines Kunstwerk für sich. Keith Moon antizipiert mit seinem ohnehin orchestralen, farbenreichen Spiel und insbesondere einem gekonnten Beckeneinsatz die strahlenden Höhepunkte der Bläsersektion.

„Who Are You“, 1978

Das Titelstück des letzten Albums mit dem schwer alkoholkranken, wenig später verstorbenen Keith Moon übersetzt den bombastischen Who-Sound der frühen 70er-Jahre in die damalige Gegenwart. Mit dem Einsatz damals modern klingender Synthesizer versuchten sie, sich in einem musikalischen Umfeld zu behaupten, in dem Disco-, Punk- und Wave-Interpreten den Ton angaben. Und das zumindest in diesem Stück – später ein Höhepunkt vieler Who-Konzerte – durchaus mit Erfolg.

„Black Widow`s Eyes“, 2006

Das einzige Lied auf dem „Endless Wire“-Album von 2006, auf dem Zak Starkey Schlagzeug gespielt hat – und mit Abstand das beste. Der Sohn von Ringo Starr, damals längst fester Bestandteil der Live-Band von The Who, war terminlich gebunden durch eine Tour der Brit-Pop-Band Oasis, für die er damals ebenfalls am Schlagzeug saß. Hier knüpft die Band sehr überzeugend an ihren alten Drive an. Der Song ist auch ein mustergültiges Beispiel dafür, dass bei The Who nie nur das reine Songwriting den Reiz ausmacht, sondern immer auch die spezielle Performance.

Konzert „The Who with Orchestra – Hits Back!“ in der Waldbühne Berlin am Dienstag, 20. Juni, Einlass 17.30 Uhr, Vorband The Wake Woods um 18.30 Uhr, The Who um 19.30 Uhr, ggf. Restkarten verfügbar unter www.eventim.de

Anreise zur Waldbühne Berlin

Es gibt diverse Möglichkeiten, mit dem öffentlichen Nahverkehr zur Waldbühne zu gelangen. Die Freilichtbühne liegt in der Glockenturmstraße 1 in 14053 Berlin.

Mit der S-Bahn nehmen Sie die Linien S3 oder S9 bis zum Bahnhof Pichelsberg. Von dort ist es noch ein rund zehn Minuten langer, ausgeschilderter Weg bis zur Waldbühne.

Mit der U-Bahn dauert der Fußmarsch am Ende der Fahrt noch etwas länger. Sie nehmen die Linie U2 und fahren bis zum U-Bahnhof Olympiastadion. Dann ist noch einmal ein etwa 20 Minuten langer Spaziergang einzuplanen.

Info:www.bvg.de

Busverbindungen: Buslinien M49 und 218 bis zu den Haltestellen Ragniter Allee und Scholzplatz. Von dort weiter zu Fuß.

Mit dem Auto ist es dieses Mal etwas komplizierter als sonst. Aufgrund der parallel stattfindenden Special Olympic World Games kann der gebührenpflichtige Parkplatz P 07 am Olympiapark nicht genutzt werden. Es ist daher damit zu rechnen, dass sich das Pkw-Aufkommen umso mehr auf die Parkplätze 04 und 05 konzentrieren wird. Und auch in den angrenzenden Wohnvierteln werden voraussichtlich zahlreiche Konzertbesucher lange nach freien Parklücken suchen. Es ist daher zu umpflehlen, wenn möglich auf öffentliche Verkehrsmittel zu setzen.