Theater in Netzeband
: Was der Prinz von Homburg über heutige Kriege erzählt

Zum 350. Jubiläum der Schlacht von Fehrbellin setzt das Sommertheater in Netzeband Kleists „Prinz von Homburg“ auf den Plan - allerdings nicht ganz original.
Von
Christina Tilmann
Netzeband
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Die alten Preußen: Szene aus dem "Prinz von Homburg" beim Synchrontheater in Netzeband.

Die alten Preußen ziehen in die Schlacht: Szene aus dem "Prinz von Homburg" beim Synchrontheater in Netzeband.

Jürgen Rammelt
  • Netzeband zeigt Kleists „Prinz von Homburg“ zum 350. Jubiläum der Schlacht von Fehrbellin.
  • Inszenierung modernisiert: Themen wie KI, Fake News und wirtschaftliche Kriegsinteressen.
  • Hauptfigur wird von einer Frau gespielt – betont Traumhaftigkeit und Unkriegerisches.
  • Aufführung verknüpft historischen Kontext mit aktuellen Konflikten und Ethikfragen.
  • Vorstellungen bis 30. August, freitags und samstags, Infos unter www.netzeband-kultur.de.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Er ist klein, schmal, sehr verträumt, der Kopf viel zu groß für die schmalen Schultern. Richtig zuhören kann er nicht, als der Schlachtplan entwickelt wird, hat das Haupt in den Wolken und das Herz ganz woanders. Lange nicht mehr ist die Technik des Synchrontheaters in Netzeband so gut aufgegangen wie bei diesem Prinz von Homburg: die expressive Maske, gestaltet von Hanna Büddefeld, die Stimme eingesprochen von Benedict Friedrich und die Figur gespielt von Marie Liebe. Den Prinzen von einer Frau spielen zu lassen, mit aller Grazilität und Eleganz, dem so ganz unkriegerischen Auftreten eines Träumers und Ästheten - das macht in der Inszenierung von Frank Matthus für den Netzebander Theatersommer absolut Sinn.

Dass sie in diesem Jahr Kleists „Prinz von Homburg“ angesetzt haben, macht lokalpatriotisch durchaus Sinn. Jährt sich doch die Schlacht von Fehrbellin, die den Rahmen für das Stück bildet, in diesem Jahr zum 350. Mal, und wenn im Text von Hakenberg, vom Stallmeister Froben und seinem Todesort, von der Brücke über den Rhin erzählt wird, dann sind das reale, nicht allzu weit entfernte Orte.

Ein Stück über Krieg - damals und heute

Es ist aber, über das Jubiläum hinaus, auch die richtige Zeit für ein Stück, das sich mit Krieg und dem richtigen Verhalten im Krieg beschäftigt. Dass Prinz Friedrich von Homburg gegen den Befehl des Kurfürsten eingreift in die Schlacht gegen die Schweden, als er seine Truppen verloren sieht, die Schlacht zu ihren Gunsten wendet und doch angeklagt wird wegen Befehlsverweigerung, ist die Grundkonstellation, aus der Kleist ein Stück über externe und interne Zwänge baut.

Und auch das Netzebander Theater erzählt das im ersten Teil klug gekürzt, aber recht treu nach, mit einer Schlacht im weiten Rund des Parks, bei der wenige Krieger mit Fahnen genügen, um die gegnerische Konfrontation zu markieren, während zwei unschuldige weiße Hasen (Luna Matthus und Zoey Rieck) übers Schlachtfeld hoppeln und die Brandenburgischen Generäle auf Steckenpferden ins Treffen ziehen. Wenn dann der Tod (Johannes Papenbrock) seine weiten Schwingen über die Soldaten breitet und sie  mitnimmt in sein Reich, dann ist das ein großes, stimmiges Bild.

Gerichtsverhandlung gegen den Prinzen - nach der Pause wird es modern

Und doch ist das nur der eine Teil der Geschichte. Nach der Pause wird dem Prinzen der Prozess gemacht, und da ist man schnell weg von Kleist und ganz im hiesigen Geschehen. Während Homburg sich noch ganz in der Kleist'schen Diktion zu rechtfertigen sucht, sind die Richter und Staatsanwälte ganz im Hier und Jetzt angekommen. Sie nutzen eine „kurfürstliche Intelligenz“ namens KI und haben von Heinrich von Kleist noch nie etwas gehört. Und als dann Kurfürst, Kurfürstin, Grafen und Obristen als Zeugen geladen werden, geht es sehr schnell darum, ob es wirtschaftlich nicht manchmal sinnvoller sein kann, Kriege weiterzuführen statt sie zu beenden.

Wenn Kurfürst Friedrich Wilhelm, gesprochen von Tom Quaas und gespielt von Andreas Klein, eiskalt referiert, mit welchen wirtschaftlichen Interessen er gegen die Schweden zieht und wie er sich eine Nachkriegsordnung vorstellen kann, ist man mittendrin in den heutigen, die Schlagzeilen jeden Tag dominierenden Konflikten. Und spätestens, als Krankenschwestern in mit „X“ gekennzeichneten Kitteln die berüchtigte, aus dem zweiten Golfkrieg 1990 bekannte Brutkastenlüge referieren, nach der Soldaten in einem Krankenhaus Babies aus Brutkästen gerissen und getötet hätten, ist man angekommen in der Welt der Fake News.

Die Schlacht von Fehrbellin, aufgeführt in den Weiten des Schlossparks von Netzeband

Die Schlacht von Fehrbellin, aufgeführt in den Weiten des Schlossparks von Netzeband

Jürgen Rammelt

Mag sein, dass dem Bearbeiter Frank Matthus, der für Regie und Textfassung verantwortlich zeichnet, am Schluss etwas die Steckenpferde durchgegangen sind, als plötzlich noch eine Vergewaltigung durch den Prinzen im Raum steht und Nathalie sich auf Spuren von Penthesilea zu Emanzipation und Selbstermächtigung aufschwingt, während der Prinz den Antichrist beschwört, um die wankende Weltordnung zu retten und die Darsteller sich in einer rührenden Episode beim Publikum dafür bedanken, dass es noch da ist.

Das mögen ein paar Ideen zu viel sein am Schluss, aber in dem beherzten Zugriff, dem Mut zur Aktualisierung und der Leidenschaft, mit der hier von allen Beteiligten an die Sache Theater und das, was sie bedeutet, geglaubt wird, ist das ein großer Abend. Begeisterter Applaus.

„Prinz von Homburg“, bis 30. August jeweils freitags und samstags, 20.30 Uhr. Infos und Tickets unter www.netzeband-kultur.de