Tribute von Panem: Was ein Kostümfundus in Berlin mit dem Film zu tun hat

Auch der Bademantel von Tigris Snow (Hunter Schafer) aus dem jüngsten „Tribute von Panem“-Prequel „Ballad of Songbirds & Snakes“ stammt aus der Theaterkunst.
Leonine/Collage: TheaterkunstDas dunkelblaue Kleid mit dem schwingenden Rock, das Katharina Stark als Eva Bruhns in der ersten Szene der Disney-Produktion „Deutsches Haus“ trägt, hängt auf einer Kleiderpuppe, ein Filmstill ist mit einer Stecknadel darangehaftet. Auch der seidene Morgenmantel, den Hunter Schafer als Tigris Snow in dem gerade angelaufenen „Tribute von Panem“-Prequel „Ballad of Songbirds & Snakes“ trägt, stammt aus dem Fundus der Theaterkunst in Berlin-Wilmersdorf. Das leuchtend gelbe 1970er-Jahre-Kostüm, das Emma Watson in dem Politthriller „Colonia Dignidad“ trägt, wurde hier angefertigt. Auch die SA-Uniform von Gereon Rath aus „Babylon Berlin“ und der Pyjama und Morgenmantel, den Daniel Brühl als Matthias Erzberger in dem deutschen Oscar-Gewinner „Im Westen nichts Neues“ trägt, sind hier zu besichtigen.

Traum in Gelb: Emma Watson in dem Polit-Thriller „Colonia Dignidad“, eingekleidet von der Theaterkunst Berlin.
Majestic/Collage: TheaterkunstEs ist ein Besuch in unzähligen Filmen gleichzeitig, wenn sich die Glastüren im Gewerbehof in der Eisenzahnstraße in Berlin-Wilmersdorf auftun. Vier Stockwerke einer ehemaligen Meierei sind gefüllt mit Kostümen aus allen Jahrzehnten. Über zehn Millionen Stücke umfasst der Fundus, erzählt Andrea Peters, Geschäftsführerin des traditionsreichen Berliner Kostümhauses. Was das bedeutet, wird klar, wenn ihre Kollegin Manja Raßmus durch den Fundus führt: Stangenweise Herrenanzüge, Hemden, Mäntel, Damenbekleidung aus den 1960er, 1970er und 1980er Jahren, regalweise Hüte, Stiefel, Handtaschen, Schubladen voller Brillen, Schmuck und Accessoires, Krawatten ohne Ende und in allen Farben, dazu Spezialausstattung für Militärs, Uniformen, Soldaten, Obdachlose ... was immer die Filmfantasie sich ausdenkt, hier wird sie in real fündig.
Von „Deutsches Haus“ bis „Tribute von Panem“
Meistens kommen die Kostümbildnerinnen – es ist immer noch hauptsächlich ein Frauenmetier – mit fertigen Vorstellungen, mit ihren Mood-Boards zum Look des Films und ihren Listen und beginnen dann, im Fundus zu suchen, erklärt Andrea Peters das Procedere. „Nehmen Sie als Beispiel die Disney-Produktion „Deutsches Haus“ nach dem Buch von Annette Hess, für die wir fast alles geliehen und angefertigt haben – da war das Team bestimmt sechs bis acht Wochen hier im Haus und hat die Tausende von Teilen zusammengestellt.“ Auch Trish Summerville, die Kostümbildnerin von „Tribute von Panem“, sei während der Dreharbeiten in Babelsberg jede freie Minute hier in der Theaterkunst gewesen.
Es sind oft gewachsene Beziehungen: Viele renommierte Kostümbildnerinnen kommen seit Jahren und Jahrzehnten immer wieder, kennen sich im Haus so gut aus, dass sie kaum Unterstützung brauchen, wissen genau, wo sie was finden. Und schätzen die konzentrierte, ruhige, familiäre Atmosphäre im Fundus in Berlin, die Möglichkeit, in Ruhe ihre Auswahl zusammenstellen zu können. Auch Schauspielerinnen und Schauspieler kommen gern zur Anprobe hierher, erzählt Manja Raßmus beim Rundgang durch die Räume.
Es ist Film von der ganz analogen, handwerklichen Seite, den man hier in Berlin-Wilmersdorf erleben kann. Räume voller Aura, voller Erinnerungen, voller Liebe zum Stoff. Hier wird selbst genäht und selbst repariert und natürlich auch selbst gereinigt und gebügelt. „Hier zu arbeiten ist ungeheuer physisch“, schwärmt die Geschäftsführerin. „So ein Fundus ist ein Fass ohne Boden, es gibt immer Arbeit, es nimmt nie ein Ende.“

Reihenweise Herrenanzüge: Zehn Millionen Stücke lagern im Fundus der Theaterkunst in Berlin-Wilmersdorf. Kostümbildnerinnen aus aller Welt werden hier fündig.
Manja RaßmusÜberall sind Fachleute am Werk: So rekonstruiert eine Mitarbeiterin in der Schneiderei gerade ein Rüschenkleid nach einem Stich aus dem 19. Jahrhundert. Sie habe lange gesucht, bis sie den gefunden habe, erzählt sie stolz. Die historische Fachbibliothek im Haus umfasst 4000 Bände. Und machmal sitzen alle Mitarbeitenden des Hauses wochenlang da und fädeln 106.000 Perlen auf 300 Schnüre, weil ein Kostüm für „Metropolis“ für eine Ausstellung wiederhergestellt werden muss.
Spaziergang durch die Filmgeschichte
Es ist wie ein Spaziergang durch die Filmgeschichte, wenn man sich durch die vollen, engen Gänge bewegt. Überall stehen Kleiderstangen mit reservierten Stücken, ausgesucht, aber noch nicht abgeholt. Die Filmplakate an der Wand künden von den unzähligen Produktionen, die hier ausgestattet wurden, angefangen mit Marlene Dietrichs „Der blaue Engel“, mit Filmen wie „Anna Boleyn“ mit Henny Porten, mit „Metropolis“, „Ben Hur“ und anderen Stummfilmklassikern.
Die kostbaren Kostüme von Marlene Dietrich habe man inzwischen der Kinemathek verkauft, erzählt Andrea Peters. Doch das meiste Interesse liegt derzeit auf den aktuellen Produktionen, die Manja Raßmus mit regelmäßigen Posts bewirbt. Wobei: Um eine Großproduktion wie „Babylon Berlin“ auszustatten, reicht ein einzelner Fundus nicht aus. „Wir hätten wahrscheinlich sogar genug Teile, aber ob die dann alle die richtige Größe haben und ins Farbkonzept passen, ist noch mal eine andere Frage. An so einer Produktion sind dann schnell zehn verschiedene Fundi beteiligt“, erklärt Peters. Man habe mit den anderen Häusern da ein sehr kollegiales Verhältnis und arbeite gemeinsam an Projekten.
Im Spiel der ganz großen internationalen Filmproduktionen mitspielen zu können, ist für das inhabergeführte Berliner Traditionsunternehmen durchaus eine Herausforderung. „Wir waren schon mal wesentlich internationaler aufgestellt, mit Dependancen in New York, Amsterdam, London und Kopenhagen“, erzählt die Geschäftsführerin. In den vergangenen zwei Jahrzehnten habe man das deutlich heruntergefahren, die Häuser in München, Köln und Hamburg geschlossen und sich auf das Stammhaus in Berlin konzentriert. Warum man nun wieder stärker expandiere? „2019 gab es einen Gesellschafterwechsel, Kerstin und Christoph Giulini übernahmen das Haus von Ingrid Haase und Klaus Hütsch. Und die neuen Inhaber haben als Ziel neben der Digitalisierung nach innen vor allem eine Internationalisierung vorgegeben“. Inzwischen gibt es wieder Dependancen in Köln, Penzing, Wien, Warschau und Budapest. Damit folgt die Theaterkunst dem Trend, dass internationale Großproduktionen vermehrt aus Deutschland in östliche Nachbarländer abwandern, erklärt Andrea Peters: „Deutschland schwächelt gerade im europäischen Wettbewerb um große internationale Projekte derzeit etwas. In den Ländern um uns herum gibt es seit vielen Jahren sehr interessante Steueranreizmodelle, die vor allem auch große US-Produktionen nach Europa bringen.“

Stolz auf ihren gut sortierten Fundus: Theaterkunst-Geschäftsführerin Andrea Peters
Franz JosefTschechien und Polen seien da früh führend gewesen, inzwischen haben auch die west- und südeuropäischen Länder nachgezogen. „Dort hat man längst steuerliche Vergünstigungen geschaffen, die das Produzieren dort deutlich lukrativer machen“. Das führe nicht nur dazu, dass internationale Produktionen nicht mehr nach Deutschland kämen, sondern auch deutsche Produktionen wanderten verstärkt ins Ausland aus. Zuletzt hat insbesondere Studio Babelsberg unter dieser Entwicklung gelitten, weil keine Aufträge mehr ins Haus kamen. Hier müsse die Politik dringend tätig werden, so Peters. Auch die Kostümfundi hätten sich deshalb jetzt ans BKM gewandt.
Und dann kam noch der Streik der Drehbuchautoren und Schauspieler in den USA hinzu. „Seit vier Monaten hatten wir keine größeren amerikanischen Aufträge mehr“, gibt Andrea Peters zu. Die Produktion laufe jetzt gerade ganz langsam wieder an. „Aber in diesem Jahr werden alle Filmgewerke ein Minus um die 30 Prozent machen“, ist die Geschäftsführerin realistisch. Das Versäumte sei in den verbliebenen Wochen des Jahres nicht mehr aufzuholen.
Zehn Millionen Kostüme müssen digitalisiert werden
Untätig war man in den Monaten bei der Theaterkunst natürlich nicht. Mit der digitalen Inventarisierung der Bestände stehe der Theaterkunst eine Riesenaufgabe bevor, denn das System der handgeschriebenen Lieferscheine wurde vor fast zwei Jahren abgelöst. Seit eineinhalb Jahren wird in jedes Stück eine Antenne eingenäht, die in einer Scannerbox eingescannt und ausgelesen werden kann. Künftig schiebt man die ganze Kleiderstange mit der Auswahl, die die Kostümbildnerin getroffen hat, komplett in diesen Schrank und hat damit den kompletten Auftrag digital erfasst und berechnet – bei Rückgabe genauso. Damit verkürze sich die Dauer der Auftragsabwicklung auf wenige Tage, erklärt die Geschäftsführerin. Angesichts der zehn Millionen Objekte im Bestand allerdings eine Aufgabe für Jahrzehnte – bislang habe man etwa 100.000 Stücke inventarisiert.
Mit der Zeit zu gehen, das betrifft nicht nur die Digitalisierung des Bestands und die Begleitung von Filmproduktionen im internationalen Ausland. Global agierende Produktionsfirmen stellen ganz andere Ansprüche an Haftung und Gewährleistung, weiß Andrea Peters zu berichten. Und kommt damit oft an die Grenzen des für einen mittelständischen Betrieb Zumutbaren: „Wenn so ein Haftungsfall eintritt und sich eine Großproduktion um Tage verschiebt, geht es um Summen, die uns sofort in die Insolvenz führen würden“. Zum Glück haben die meisten Produzenten ein Einsehen – und wissen, was sie an den Beständen der Theaterkunst haben.
Die Stärken der Theaterkunst liegen eindeutig in den 1900er- bis 1980er Jahren. Als, ausgelöst durch „Babylon Berlin“, in den vergangenen Jahren ein Zwanziger-Jahre-Boom grassierte, sei man in den Bereichen oft fast ausgeliehen gewesen, erzählt Manja Raßmus. Historische Stoffe würden gern ausgeliehen, für „Sisi“, „The Empress“ oder ARD-Märchen wie „Die verkaufte Prinzessin“. Aber auch in jüngeren Jahrzehnten baue man kontinuierlich aus. „Wir hatten schon mal überlegt, die Siebzigerjahre zu reduzieren, weil die nicht gefragt wurden. Aber jetzt sind sie wieder im Kommen“, so Peters.
Und noch wächst die Sammlung weiter – gerade hat man den Kostümfundes eines deutschen TV-Senders erworben. Kostümbildnerinnen geben ihre Sammlungen oft hierher. Aber auch Privatpersonen melden sich oft, wenn sie das Haus der Großmutter ausräumen. Und Ulrich Tukur, erklärtermaßen ein Fan historischer Schnitte, wies jüngst in einer Talkshow darauf hin, dass er einen Anzug aus dem Kostümhaus trage.


