Tina mobil: Laila Stieler zum Aus der RBB-Serie und ihren neuen Film „Hilde Coppi“

Die Serie „Tina mobil“ mit Gabriela Maria Schmeide (Bild) in der Hauptrolle war bei Publikum wie Kritik gleichermaßen beliebt. Trotzdem kam das jetzt das Aus für die zweite Staffel.
Stefan Erhard/rbbDie Rahmenhandlung von „Tina mobil“ ist schnell erzählt: Eine alleinerziehende Mutter erhält die fristlose Kündigung und macht sich mit einem Bäckermobil selbstständig. Doch die Serie mit ihrer ungewöhnlichen Titelheldin war so viel mehr. Eine warmherzige Balance zwischen Sozialdrama und Humor, ein authentischer Einblick ins Leben an der ostdeutschen Peripherie – und die Bühne für einen großartigen Cast. Die Mischung überzeugte Publikum wie Kritik gleichermaßen, die Serie wurde mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Trotzdem gab der RBB nun das Aus für „Tina mobil“ bekannt. Und das, obwohl die zweite Staffel schon geschrieben ist. Ein Gespräch mit Drehbuchautorin Laila Steiler über das Aus der Serie – und offene Fragen.
Frau Stieler, wie fühlte es sich an, als Sie vom Aus für „Tina mobil„ erfahren haben?
Es kam nicht komplett überraschend. Es war schon vorab kommuniziert worden, dass es unter Umständen mit der Finanzierung der zweiten Staffel schwierig werden könnte. Das war mir nicht unbekannt. Nichtsdestoweniger habe ich natürlich gehofft, dass es nicht passiert und dass sich noch irgendeinen Weg finden lässt, die Serie fortzusetzen.
Klingt fast nach Damoklesschwert. Wie schreibt sich ein Drehbuch unter solchen Umständen?
Ich musste natürlich gegen ungute Gefühle anschreiben. Das hat es nicht leichter gemacht. Auf der anderen Seite habe ich versucht, das auszublenden. Das ist mir auch gelungen, weil die Hoffnung dann doch stärker war.
Die Bücher zur zweiten Staffel waren fertig, bevor endgültig klar war, dass sie nicht umgesetzt werden. Ist das nicht frustrierend? Die ganze Arbeit und dann wird doch nicht gedreht?
Mittendrin, noch unvollendet, wäre schlimmer gewesen. Für mich ist das wie ein Abschluss. Und es ist jetzt wenigstens da. Ich kann mir also keine Vorwürfe machen. Jetzt ist es wie eine Trennung. Das fühlt sich natürlich nicht schön an, weil diese Figuren, die leben ja in mir. Denen kann ich nicht plötzlich einen Tritt geben und sagen: So, jetzt ihr habt jetzt ausgedient.
Bezahlt wurden Sie aber für Ihre Arbeit?
Ja, da habe ich wirklich Glück. Zum einen mit dem Sender, aber auch mit dem Produzenten. Die haben mich da nicht im Stich gelassen. Und da geht es mir besser als vielen anderen. Ich kann nur das Beispiel der echten Tina anführen, die das Vorbild für meine Tina-Figur war. Ihr Mobil ist kaputtgegangen und die Reparatur hätte so viel gekostet, dass sie das Geld nicht aufbringen konnte. Kurz vor der Rente stehend hat sie sich also entschlossen, aufzuhören.
Eine seltsame Parallele.
Seltsam, ja. Die Zeit, in der wir jetzt gerade leben, ist eine merkwürdige. So viel Ohnmacht.

Wurde auch für das Buch zum Film „Gundermann“ ausgezeichnet: Laila Stieler bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises 2019
Britta Pedersen/dpaHatten Sie einen übergeordneten Handlungsbogen bei „Tina mobil“ vor Augen. Eine Geschichte, die Sie über mehrere Staffeln hätten erzählen können?
Nach dem Ende der ersten Staffel hatte ich direkt Ideen für eine zweite. Das waren jetzt erst mal nur Ideen, aber es gab auch einen Bogen, der noch tiefer ins Innere der Figur geführt hätte.
Die erste Staffel war hochgelobt. Ein solches Format abzusetzen, wirkt nur schwer nachvollziehbar.
Natürlich habe ich da auch Fragen. Tina entspricht als Figur nicht unbedingt den gängigen Vorstellungen. Eine Ostdeutsche aus einer unteren Einkommensschicht, Schrippen-Verkäuferin. Gibt es da einen Zusammenhang? Ich frage mich auch, welche Geschmäcker entscheiden, was gemacht wird und was nicht.
Der RBB führt finanzielle Gründe für seine Entscheidung an und will für den Moment fast gänzlich auf fiktionale Produktionen verzichten. Wie beurteilen Sie das?
Das trifft uns natürlich als Autoren, das ist ganz klar. Andererseits beobachte ich auch, dass in der ARD ständig produziert wird, aber eben fast nur für schon festgelegte Sendeplätze. Dieses Festhalten an vorhandenen Sendeplätzen halte ich für gestrig. Es gibt ja auch erfolgreiche Produktionen, die erstmal ohne jeglichen Sendeplatz produziert wurden. Einfach, weil es ein wahnsinnig schönes Format war. Der „Tatortreiniger“ ist so ein Beispiel.

„Tina mobil“ war die Bühne für einen großartigen Cast: (von links) David Ali Rashed, Alexander Hörbe, Gabriela Maria Schmeide, Runa Greiner und Fine Sendel
rbb/ARD/X Filme Creative Pool GmGibt es Möglichkeiten, „Tina mobil“ anderswo umzusetzen? Etwa bei einem Privatsender?
Das weiß ich nicht. So etwas wäre sicher nicht so einfach. Ich glaube, dass mein Sender, der RBB, hier zu viel Entgegenkommen bereit ist. Aber ich finde es schon traurig, dass so ein großer Verbund wie die ARD nicht dazu nicht in der Lage ist, hier Ausnahmen zu machen oder das Geld zusammenzubringen.
Sie haben auch andere Projekte. Ein Film über die Widerstandskämpferin zur NS-Zeit Hilde Coppi, eine weitere Zusammenarbeit mit Andreas Dresen, ist für dieses Jahr angekündigt. Wann genau kommt er in die Kinos?
Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, ob es wirklich dieses Jahr noch sein wird. Da wird noch nach einem günstigen Zeitpunkt gesucht, um den Film rauszubringen.
Was fasziniert Sie an Hilde Coppi?
Zum einen, dass sie so wahnsinnig jung war, als sie in den Widerstand ging. Diese Jugend und dieser Mut, das fand ich anziehend. Zugleich war sie eine sehr fragile, fast ängstliche Erscheinung. Das steht im starken Kontrast zu dem, was sie getan hat. Das fand ich hochinteressant. Ihr Schicksal hat mich berührt.
Wie nähern Sie sich für ein Drehbuch einer solchen Person an?
Ich hatte das Glück, ihren Sohn Hans Coppi, den sie im Gefängnis geboren hat, kennenzulernen. Er ist ein ganz wunderbarer Mensch und hat mich sehr unterstützt. Durch ihn habe ich nicht nur viel erfahren, er hat mich auch sehr inspiriert und motiviert. Ansonsten war es viel Recherche und auch Archivarbeit.
Nicht nur der RBB verordnet sich einen Sparkurs. Auch Filmfestivals wie die Berlinale tun es. Fürchten Sie um die Chance ihres Hilde Coppi-Films auf Festivals?
Nein. Ich hoffe, dass die Berlinale sich auch weiterhin solche Filme leisten wird. Dafür sind Festivals ja schließlich da. Ich bin da nicht pessimistisch. Andererseits sind auch die Öffentlich-Rechtlichen Anstalten dazu da, genau solche Projekte zu realisieren und zu zeigen. Federführender Sender bei Hilde Coppi war ja der RBB. Ohne ihn wäre dieser Film nicht entstanden. Das mag angesichts des Aus für „Tina Mobil“ wie ein Widerspruch anmuten, zeugt aber eben auch von einer sehr engagierten Redaktion.
Zur Person
Laila Stieler, Jahrgang 1965, wurde in Neustadt/Orla, Thüringen, geboren. Nach dem Abitur in Berlin arbeitete sie zunächst bei „Elektrokohle Lichtenberg“ und absolvierte anschließend ein Volontariat beim Fernsehen der DDR. Von 1986 bis 1990 studierte sie Dramaturgie an der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ in Babelsberg. Seit 1990 arbeitet Stieler als Autorin, Dramaturgin und Producerin für Film- und Fernsehproduktionen, oft gemeinsam mit Andreas Dresen. Zu ihren bekanntesten Kinofilmen zählen „Stilles Land“, „Die Polizistin“, und „Wolke 9“. Für ihr Drehbuch zu „Gundermann“ erhielt sie 2019 den Deutschen Filmpreis. Zuletzt erschien von ihr „Rabiye Kurnaz vs. George W. Bush“, für den sie auf der Berlinale 2022 den Silbernen Bären für das beste Drehbuch bekam.




