Joggingschuhe statt Wanderschuhe − das wohl wäre die beste Empfehlung für den Freitag gewesen. Schnell musste sein, wer möglichst viele Konzerte in insgesamt acht Spielstätten miterleben wollte. Am Sonnabend hätte fast ein Schlitten das Taxi nach Hause ersetzen können. Nach dem fulminanten Auftakt der Transvocale 2022 in Słubice am Donnerstag (17.11.2022) führte die musikalische Reise zwei Tage weiter über Grenzen von Genres, Kulturen und gesellschaftlichen Rollen.
Als Sedaa am Freitag in der Frankfurter Konzerthalle Carl Philipp Emanuel Bach musikalisch ihre Nomaden auf der Suche nach Pferden und Frauen durch die Steppe galoppieren ließen, waren noch nicht alle Gäste von der poppigen Natalia Kukulska aus dem Kleist Forum angekommen. Mit Pferdekopfgeige und polyfoner Gesangstechnik begeisterten Sedaa aber schnell die sich füllende Konzerthalle. Das Mitsingen kleiner mongolischer oder persischer Textfragmente erschien aber noch schwierig.

Frankfurt (Oder)

Wenige Minute später strömten schon hunderte Gäste in die Gerstenberger Höfe. Im Theater des Lachens riss Johanna Zeul die vollbesetzten Publikumsreihen ab den ersten Takten mit: Begeistert sangen und klatschten die Zuschauer schon beim ersten Stück. Dabei ging es um Plastikmüll im Meer, verpackt in einer Neuauflage des Märchens „Der Fischer und seine Frau“. Es folgten mehr kritische und aufrichtige Lieder über Liebe und andere Probleme des Lebens.
Präsentierte eine musikalische Neuauflage des Märchens „Der Fischer und seine Frau“: Johanna Zeul
Präsentierte eine musikalische Neuauflage des Märchens „Der Fischer und seine Frau“: Johanna Zeul
© Foto: Peggy Lohse

Erstmals Transvocale-Act in der Havanna Bar im ehemaligen Frosch-Club

Gleichzeitig spielte mit dem polnischen Duo Antek Sojka & Janek Pęcza erstmals ein Transvocale-Act in der Havanna Bar im ehemaligen Frosch-Club. Melodischer Pop-Rock füllte die ehemaligen Disco-Räume. Noch ruhiger blieb es bei Paul Armfield und dem italienischen Gitarristen Giulio Cantore in der Kulturmanufaktur. Melancholische Pub-Stimmung legte sich über Tische und Sitzreihen der Kuma.
Wer zur gleichen Zeit schon Tristan Brusch im Słubicer Smok lauschte, konnte auch pünktlich zum Starkonzert des Abends kommen: In der neu renovierten Aula des Collegium Polonicum verfolgten Hunderte die farbenreiche Show der polnischen Sängerin und Umweltaktivistin Natalia Przybysz und unterstützen ihre vielschichtigen Lieder mit verteilten Rhythmus-Eiern. Es folgten mit kraftvoller Stimme und tanzbaren Rhythmen Rasm Almashan im Smok, bevor manche noch zur Aftershow-Party in die Kuma zurückkehrten.
Die polnische Sängerin und Umweltaktivistin Natalia Przybysz trat im Collegium Polonicum auf.
Die polnische Sängerin und Umweltaktivistin Natalia Przybysz trat im Collegium Polonicum auf.
© Foto: Peggy Lohse

Wechselbad aus lyrischen Melodien und extrovertierten Experimenten

Am Sonnabend (19.11.) dann war das Festival vollständig im Frankfurter Kleist Forum angekommen. Statt sportlicher Location-Wechsel gab es nun mehr tanzbare Programmpunkte. Jedenfalls für jene, die eine Karte hatten.
Denn wohl erstmals war die Transvocale ausverkauft: Laut einer Sprecherin sind rund 1300 Tageskarten verkauft worden sowie alle 100 Festivalpässe, mit denen man alle drei Tage lang sämtliche Konzerte besuchen konnte. Einzelne Restkarten hatte es nur am Eröffnungs-Donnerstag gegeben. Vor der Kasse also wuchs eine Schlange Enttäuschter, die spontan kommen wollten. Im Innern wurde es lebendig eng, für die Bar sichtlich stressig.

Armenische Elektro-Musik und norwegische Lyrik

Zum Ankommen verzauberten im Saal das Authentic Light Orchestra mit armenisch-elektronischen Kompositionen von Gründer und Pianist Valeri Tolstov. Sängerin Veronika Stalder beeindruckte mit dem Tempo ihrer Zungenschläge.
Auch die französische Sprache war auf den Transvocale-Bühnen vertreten - mit der Gruppe Carrousel
Auch die französische Sprache war auf den Transvocale-Bühnen vertreten - mit der Gruppe Carrousel
© Foto: Peggy Lohse
Bei Carrousel im Foyer dann konnten die Tanzfreudigen auch ihre Französischkenntnisse aufbessern, während Ljodahått im Studio mit norwegischen Lyrik-Vertonungen in die Sagenwelt Skandinaviens entführten. Sie trafen wohl einen Nerv: Der Raum war so voll, dass zeitweise niemand mehr eingelassen wurde.
Bevor zwei Stunden später Dikanda mit rhythmischer, polnischer Weltmusik wieder das volle Foyer tanzen ließ, wackelten im Hauptsaal die Wände. Yemen Blues aus Israel begeisterten viele aufs zweite Hören: Erst den Saal verlassen, weil es „zu laut“ erschien. Dann doch zurück zu den folkloristischen Elementen, zur Schlagzeug- und Percussion-Ekstase und der extrovertierten Show von Sänger und Komponist Ravid Kahalani. Am Ende − strahlende Gesichter. Das Mitzappeln hatte sichtlich gutgetan.

Soul-Sängerin Marla Glen verzückte beim Finale

Wer sich von dieser intensiven Show erholen wollte, fand Ruhe bei Christian Kjellvander auf der Studiobühne. Bevor als Finale die Soul-Sängerin Marla Glen mit ihrer einzigartigen, rauchig-kratzigen Stimme und selbstironischen Witzen auf der Bühne den Saal in Verzückung versetzte.
Einzigartiges Finale: Soul-Sängerin Marla Glen mit rauchig-kratziger Stimme und selbstironischem Witz
Einzigartiges Finale: Soul-Sängerin Marla Glen mit rauchig-kratziger Stimme und selbstironischem Witz
© Foto: Peggy Lohse
Und auch das Festival-Team zeigte sich glücklich: sämtliche Veranstaltungen voll, trotz mehr Spielstätten. Vielfach gelobt wurde die Akustik in der neuen CP-Aula. Die Transvocale lebte einmal mehr von Überraschungen und Abwechslung, diesmal besonders von Bühnen-Persönlichkeiten, die ganz unaufgeregt Musik-Genres- sowie Geschlechterrollen-Grenzen querten. Das Doppelstadt-Publikum feierte überzeugt mit. So fragten sich viele, als sie spät in der Nacht in den sanften Schneefall auf die Straße traten: „Na, bestellen wir gleich Karten für nächstes Jahr?“