Transvocale 2023 in Słubice
: Ost-Rocker Seilschaft eröffnen Festival bei Frankfurt (Oder)

Zwischen Folklore und Pop-Jazz eröffnet die Seilschaft in Słubice das Transvocale-Weltmusikfestival 2023. Schon der erste Abend steckt das breite musikalische Spektrum ab − und überwindet Starthürden.
Von
Peggy Lohse
Frankfurt (Oder)
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Textgewaltiger Ostrock: Die Seilschaft bei der Eröffnung der 19. Transvocale in Słubice

Peggy Lohse

„Immer wieder wächst das Gras wild und hoch und grün“, sang bis zu seinem Tod 1998 der Lausitz-Liedermacher Gerhard Gundermann, heute Christian Haase als Frontmann der Seilschaft. „Immer wieder wächst das Gras, klammert all die Wunden zu“ − so ähnlich macht es auch in diesem November wieder das jährliche Weltmusikfestival Transvocale in der Doppelstadt Frankfurt (Oder) und Słubice, das eben jene textstarken Ost-Rocker am Donnerstag (16.11.) in der Aula des Collegium Polonicum eröffneten.

Weder eine kleine regierungskritische Brückendemo noch die Grenzkontrollen auf deutscher Seite − die bei Erwähnung bei der Festivaleröffnung übrigens spontane „Buh“-Rufe aus dem Publikum ernteten − konnten den Start der 19. Festivalauflage als grenzüberschreitendes Musikwochenende stoppen. Auch der überraschende Feueralarm in der CP-Aula verschob den Beginn nur um Minuten, wobei seine trötende Sirene und langsam klappenden Fenster einerseits belustigte, andererseits sicher viele Anwesende an den verheerenden Brand in eben dieser Aula vor fünf Jahren erinnerte. Erst seit 2022 kann der Saal nach umfassender Sanierung wieder bespielt werden.

Die Seilschaft ost-rockt in der nahezu voll besetzten Aula des Collegium Polonicum

Peggy Lohse

Tanzen, singen, weinen in einem Konzert

Letztlich begann sie doch: Mit der Botschaft der künstlerischen Leiter Daniel Zein und Piotr Tamborski sowie Oberbürgermeister René Wilke und Bürgermeister Mariusz Olejniczak, mit der Vielfalt und den Gegensätzlichkeiten im musikalischen Programm auch die Differenzen und konträren Perspektiven auf Leben und Politik in der Doppelstadt besser aushalten zu können. Und solche musikalische Kontraste färbten bereits den Eröffnungsabend.

Vor nahezu voll besetzter Aula spielt die Seilschaft deutschsprachigen, textgewaltigen Ostrock. Viele im Raum kennen die Zeilen der Klassiker wie „Gras“. Bei „Einsame Spitze“ beginnt das Tanzen auf den Treppen und für Pärchen neben der Bühne. Ein begeisterter Fan bedankt sich lauthals für die „noch handgemachte Musik“. „Und musst du weinen“ lässt tatsächlich bei Musikern und Publikum ein paar Tränchen rollen.

Der Auftritt ist laut Frontmann Haase das erste Konzert ihrer Jubiläumsreihe: Das erste Album der Seilschaft erschien 1993, damals mit Gundermann. Und für die Transvocale hätten sie ihn nun praktisch auch „nach Polen geschleppt“, sagt er stolz. Die Gruppe erntet stehenden Applaus und energische Zugabewünsche. Damit verschiebt sich das Abendprogramm deutlich nach hinten, was später vor allem die polnische Jazz-Diva Aga Zaryan spüren wird.

Transvocale 2023: Jazz-Diva mit polnischem Rock

Doch zuvor bringt João Selva aus Brasilien mit seiner Band und schnellen, leidenschaftlichen Rhythmen das Publikum in der unbestuhlten und kaum konzerterfahrenen Kleinen Aula des CP zum Tanzen. Kühler und getragener geht es indes zu im Kulturhaus SMOK, wo Bassekou Kouyaté nach einer umständlichen Anreise aus seiner Heimat Mali extra zur Transvocale mit seiner Frau und Sängerin Amy Sacko nicht nur das älteste afrikanische Saiteninstrument präsentiert, sondern auch eine moderne afrikanische Liedkultur mit poppigen Elementen vor vollem Saal.

Reisten aus Mali zur Transvocale: Bassekou Kouyate (r.) und Amy Sacko im Słubicer Kulturhaus SMOK

Peggy Lohse

Den Abschluss des Eröffnungsabends bestreitet dann wieder in der CP-Aula Aga Zaryan, laut Daniel Zein eine seltene Grande Dame des Jazz, die aus Polen den Sprung in die internationale Jazzszene geschafft hat. Das zeigt auch ihr Programm: ein Großteil ist der amerikanischen und englischsprachigen Jazzgeschichte gewidmet, für mehr Publikumsbegeisterung aber sorgt ihr neues Programm „Polskie piosenki“ („Polnische Lieder“), in dem sie polnische Rock-Hits als eigensinnige Jazz-Versionen neu interpretiert. Ihre vielfarbige Stimme, die abwechslungsreichen Arrangements und der spontane Publikumschor zu Leonard Cohens „Suzanne“ lassen den ersten Transvocale-Abend atmosphärisch ausklingen und dem Publikum genügend Energie für die kommenden zwei Tage.

Widersprüche in Słubice genießen

Da warten dann polnische Stars wie die Liedermacherin Jucho und die Ukrainerin Ganna Gryniva in der Frankfurter Konzerthalle, die energo-bombastischen Söndörgő aus Ungarn im Theater des Lachens und die kontrastreichen Duos Brokatowe Damy (Havana Bar), Raz & Afla (SMOK) und Karaś und Rogucki (Kleist Forum). Krönender Abschluss wird das Konzert der marokkanischen Sängerin Oum am Sonnabend im Kleist Forum. Laut den Organisatoren ein „Vulkan schöner Klänge“ mit Kontrasten so lebendig wie bei der Seilschaft: „Hier bin ich gebor’n, wo die Kühe mager sind wie das Glück.“ Und wie der Alltag in der deutsch-polnischen Oder-Doppelstadt.