Uber Arena Berlin
: Nick Cave verwandelt Trauer in eine Kraftquelle

An zwei Abenden stellen Nick Cave & The Bad Seeds in Berlin die Songs vom neuen Album „The Wild God“ vor. Im Fokus stehen Erinnerungen an verstorbene Weggefährten.
Von
Boris Kruse
Berlin
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Charismatischer Performer: Der australische Singer-Songwriter Nick Cave mit seiner Band The Bad Seeds im Jahr 2022 auf der Bühne des Auditorium Stravinski während des 56. Montreux Jazz Festivals (MJF). Manche Fans vergleichen Caves Auftritte mit schamanistischen Ritualen.

Charismatischer Performer: Nick Cave mit seiner Band The Bad Seeds im Jahr 2022 auf der Bühne des Auditorium Stravinski während des 56. Montreux Jazz Festivals (MJF). Auch in der Berliner Uber Arena suchte der Australier und Wahl-Brite am 29. und 30. September 2024 immer wieder den Kontakt mit dem Publikum.

picture alliance/dpa/KEYSTONE
  • Nick Cave & The Bad Seeds stellten neues Album „The Wild God“ in Berlin vor.
  • Konzerte fokussierten auf Trauer und Erinnerung an verstorbene Weggefährten.
  • Emotionale Höhepunkte: „Wild God“, „Song of the Lake“, „Cinnamon Horses“.
  • Cave verarbeitete persönliche Verluste, wie den Tod seiner Söhne.
  • Fans fühlten Gemeinschaft und Verbundenheit, besonders bei Klassikern wie „Into My Arms“.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Er schreitet die erste Reihe ab, ergreift Hände, schreibt singend sein Autogramm auf einen Unterarm. Er lässt sich das Mikrofon von einem Fan halten, von einem der vielen emporgerissenen Arme da unten, stolz wie eine Fackel, oder wie eine Reliquie. Er ruft seine Texte wie Beschwörungen in das Publikum, den Zeigefinger auf ein imaginäres Gegenüber gerichtet. Oder vielleicht doch eher: stellvertretend auf jeden einzelnen der Fans, die gekommen sind, um ihn live zu erleben. Nick Cave, 67 Jahre alt, gut sitzender dunkler Anzug und streng zurückgegeltes Haar, im Auftreten seit Jahren nahezu unverändert. Er hat seinem Gesamtwerk mit dem neuen Album „The Wild God“ in diesem Sommer erst ein gewichtiges Kapitel hinzugefügt. Gleich zweimal gastierte er damit in der Berliner Uber Arena, am Sonntag (29.09.) und Montag (30.09.). Soviel Cave-Publikum gab es in Berlin, wo der Sänger vor vier Jahrzehnten lebte und Konzerte in kleinen Clubs gab, auch noch nicht.

Die neuen Songs funktionieren ganz wunderbar auf der Bühne, weil sie so wuchtig, pathosgeladen und melodienverliebt daherkommen, dass seine fabelhafte Begleittruppe The Bad Seeds sich hier einmal wieder richtig austoben kann. Ein großer Teil der aktuellen Stücke kommt zu Gehör, und kein einziges wirkt wie laues Füllmaterial. Der Titelsong „Wild God“ und „Song of the Lake“ werden erste Höhepunkte, die „Cinnamon Horses“ ziehen mit ihrer verführerischen Melodie in den Bann. Und mit einer unsagbaren Traurigkeit: „I Told My Friends That Live Was Sweet“ singt der Schmerzensmann Cave, und jeder versteht sogleich, dass eigentlich gar nichts wie selbstverständlich süß und schön ist in diesem Leben.

Die Todesfälle seiner Söhne Arthur (2015) und Jethro (2022) bilden unüberhörbar die Grundierung auch noch der ganz neuen Songs, nachdem Cave sich damit auf seinen letzten Alben und in ungezählten Interviews und Mailwechseln mit seinen Fans der Trauerarbeit verschrieben hat. Aber inzwischen ist es ein beobachtender, bilanzierender Blick auf die Verluste, von denen es in Caves Leben eben etliche gibt. Der neue Song „O Wow O Wow (How Wonderful She Is)“ ist der 2021 verstorbenen Mitmusikerin Anita Lane aus Caves früher Band The Birthday Party gewidmet - er lässt sie tanzend auf den Videoleinwänden auferstehen, eine Filmaufnahme aus jungen Jahren.

Ein neues Kapitel der Trauerarbeit mit „Joy“

Neuerdings verordnet Nick Cave sich und seinen Zuhörern eben, trotz allem das Gute, Schöne, Wunderbare im Leben zu sehen. „Now Is The Time For Joy“ singt er in dem Stück „Joy“, nachdem er gerade eben noch mit dem Gefühl aufgewacht ist, jemand in seiner Familie sei gestorben. So der Songtext. Nicht erst hier, ziemlich genau in der Mitte des zweieinhalb Stunden langen Auftritts, erweist sich eine Arrangement-Entscheidung Nick Caves als großer Wurf: Ein vierköpfiger Backgroundchor in langen wallenden Gewändern steht hinter den Musikern auf einem Podest und bringt die Gospel-Einflüsse der Songs zum Schillern. Es ist schwer, sich dieser raumgreifenden Emotionalität zu entziehen, vor allem in Stücken wie „O Children“.

„The Mercy Seat“ kündigt Cave an mit der Bemerkung, er habe den Song damals in der Dresdener Straße in Kreuzberg geschrieben. Die Fans goutieren solche Ausflüge in die Vergangenheit, ebenso: das wild-experimentelle „From Her To Eternity“ von 1984, das die Bad Seeds auch 40 Jahre später zu Höchstleistungen anspornt. Darin weht noch ein Hauch von Ex-Bandmitglied Blixa Bargeld und seinen Einstürzenden Neubauten um die Ecke, wenn die heutigen Bad Seeds wie Warren Ellis, George Vjestica und Jim Sclavunos in die Saiten dreschen und auf die Becken hauen. Grandios!

Gedenken an Kris Kristofferson

Manche Songs haben seither eine andere Bedeutung erfahren, als der Dichter ihnen einst zugedacht hat. „Tupelo“, ebenfalls aus den Berliner Jahren, war beim ersten Konzert am Sonntagabend noch ein Song zu Ehren von Elvis Presley. Beim zweiten Auftritt am Montag hat sich die Welt ein Stückchen weiter gedreht und es gilt, einen weiteren Todesfall zu annoncieren: Den Presley-Song widmet Cave nun Kris Kristofferson (1936-2024) - die Nachricht von dessen Tod traf am Wochenende zu spät für eine Würdigung ein. Wie gruselig ist das ganz nebenbei: Im Text des Auftaktsongs beider Konzerte, „Frogs“ vom neuen Album, tritt Kristofferson auch noch persönlich auf.

Die Setlist bleibt im Übrigen bei beiden Auftritten fast identisch, bis auf kleinere Verschiebungen in den Zugabenblöcken. Routiniert klingt hier dennoch gar nichts. Jeder Song wird zelebriert, wird instrumental und stimmlich ertastet, durchlitten und gemeinsam mit den Zuhörern bestanden. Ein kathartischer Prozess. Wie ein konfessionsloser Priester, der eben kein Heilsversprechen und keine Erlösung zu bieten hat, schafft der begnadete Frontmann Nick Cave es doch, einen Anflug von Gemeinschaftsgefühl und Verbundenheit in die Uber Arena zu zaubern. Auf jeden Fall aber: Euphorie, Berührung, Verzauberung. Das funktioniert nicht nur bei den offenkundigen Live-Klassikern wie Jubilee Street, in denen die Band sich in wilde Crescendi steigert, sondern auch bei ganz fragilen Songs. „I Need You“ vom skizzenhaften Album Skeleton Tree (2016) etwa, hier als Solo-Klavierballade dargeboten - schön!

„Henry Lee“, „Weeping Song“ und „Into My Arms“ - Klassiker am Ende

Immer wieder: der Tod. Eine „Murder Ballad“ von dem 1996er-Erfolgsalbum singen Cave und eine Backgroundsängerin zum Ende hin in einer ergreifenden Fassung, „Henry Lee“. Eine klanglich aufgefrischte Fassung des „Weeping Song“ setzt endlich auch die Zuschauer auf den hinteren und oberen Plätzen körperlich in Bewegung. Im zweiten Zugabenblock darf die Klavierballade „Into My Arms“ nicht fehlen, jetzt singt die Halle mit. Nick Cave zieht Menschen in den Bann, heute mehr als je zuvor.

Es mag ein bisschen pathetisch klingen, vielleicht am Rande zum Kitsch, denn es geht ja immer noch um einen hochprofessionellen Akteur der Unterhaltungsindustrie: Aber Nick Cave vermittelt seinen Fans das sichere Gefühl, dass er sie braucht, um nach all den Unglücksfällen in seinem Leben noch weitermachen zu können.

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