Udo Lindenberg Konzert
: Wie es zu seinem Auftritt in der DDR 1983 kam – Panik im Palast der Republik

Am 25. Oktober 1983 spielte Udo Lindenberg ein Konzert in Ost-Berlin. Es blieb sein einziges in der DDR vor dem Mauerfall. Für den Rockmusiker war es die Erfüllung eines jahrelangen Traums.
Von
Michael Heider
Berlin
Jetzt in der App anhören

Vor 40 Jahren in der DDR: Udo Lindenberg wird am 25. Oktober 1983 vor dem Palast der Republik von jubelnden Fans begrüßt.

Dieter Klar/dpa

Am Ende war es kein Sonderzug, sondern ein weißer BMW. Und das Ziel hieß nicht Pankow, sondern Berlin-Mitte, genauer: Palast der Republik. Udo Lindenberg nahm die Einladung für einen Auftritt am 25. Oktober 1983 in der Hauptstadt der DDR trotzdem gerne an. Das Konzert des Musikers mit seinem Panikorchester vor 40 Jahren war ein denkwürdiger Moment. Für Lindenberg genau wie für die DDR.

Lange hatte Lindenberg auf einen Auftritt in der DDR hingewirkt. Immer wieder griff der aus Westfalen stammende Sänger die deutsch-deutsche Teilung in seinen Songs auf. Im Jahr 1973 brachte er „Wir wollen doch einfach nur zusammen sein“ heraus. In der Ballade, besser bekannt als „Mädchen aus Ost-Berlin“, singt er über zwei durch die Mauer getrennte Liebende. Drei Jahre später folgte die Single „Rock'n'Roll Arena in Jena“ und 1983, wenige Monate vor dem Konzert im Palast der Republik, der „Sonderzug nach Pankow“.

Die Stasi sah in Lindenberg einen „mittelmäßigen Schlagersänger“

Seine Chancen auf einen Auftritt vor Fans in der DDR erhöhte Lindenberg mit dem Hit nicht. Die Stasi war über Textstellen wie „Ich weiß genau ich habe furchtbar viele Freunde in der DDR und stündlich werden es mehr. Och Erich, ey, bist du denn wirklich so ein sturer Schrat? Warum lässt du mich nicht singen im Arbeiter- und Bauernstaat?“ nicht gerade erfreut.

Vier Jahre nach dem Konzert in Ost-Berlin trafen Udo Lindenberg und Erich Honecker tatsächlich aufeinander – allerdings in Wuppertal.

Franz-Peter Tschauner/dpa

In einer rechtlichen Einschätzung sah sie den Liedtext, der direkten Bezug auf Erich Honecker nahm, als geeignet an, „das gesellschaftliche Ansehen des Vorsitzenden des Staatsrates der DDR herabzusetzen“. Die Verbreitung des Liedes wertete die Staatssicherheit als „Straftat der Beleidigung“. Im Blick hatten Mielke und Konsorten den Sänger aber schon zuvor. Ein Vermerk aus dem Jahr 1976 befand, dass „Lindenberg ein mittelmäßiger Schlagersänger der BRD ist, an dem kein Interesse besteht.“

Nicht das Drängen von Fans führte zum Konzert, sondern Raketen

Anders sahen es seine Fans im Osten. „Ich fände es wunderbar, wenn Udo Lindenberg vielleicht doch in der DDR gastieren dürfte“, schrieb einer von ihnen in einem Brief an das Zentralkomitee der SED, der heute in Lindenbergs Stasi-Akte enthalten ist. Dass der Wunsch letztlich erfüllt wurde, hatte jedoch weniger mit dem Drängen von Lindenberg-Fans zu tun.

Die von der FDJ organisierte Veranstaltung im Palast der Republik richtete sich dezidiert gegen die geplante Stationierung US-amerikanischer Atomsprengköpfe auf dem Gebiet der BRD. Diese mobilisierte auch Hunderttausende westdeutsche Raketengegner. Einer von ihnen war Udo Lindenberg. Von dessen Engagement in der Friedensbewegung nahm auch der damalige FDJ-Funktionär Egon Krenz Notiz. Doch es brauchte noch das Verhandlungsgeschick von Lindenbergs Konzert-Manager Fritz Rau. Er vertrat auch Sänger und Aktivist Harry Belafonte, den Krenz unbedingt auf der Bühne seines FDJ-Friedensfestes sehen wollte. Belafonte – aber nur mit Lindenberg, das war der Deal.

Echte Lindenberg-Fans mussten draußen bleiben

„Ein historischer Tag. Acht Jahre hat’s gedauert und nun ist es so weit. Viele Leute freuen sich, ob männlich. Ob weiblich, sie freuen sich unbeschreiblich“, sagte Udo Lindenberg im Moment der Grenzüberquerung einem westdeutschen Kamerateam, das ihn bei seinem Besuch 1983 begleitete. Reinhold Beckmann, damals als Kameraassistent dabei, verarbeitete das gefilmte Material später zur Dokumentation „Die Akte Lindenberg – Udo und die DDR“.

Am Palast der Republik erwarteten Lindeberg bereits jubelnde Fans. Fuß in „Erich’s Lampenladen“, wie der Bau auch spöttisch genannt wurde, durften sie allerdings nicht setzen. Das Publikum bestand stattdessen aus rund 4000 linientreuen FDJ-Mitgliedern. Befürchtungen, er würde sich mit dem (nur 4 Songs langen) Konzert vor den Karren spannen oder politisch missbrauchen lassen, wie’s Lindenberg aber zurück. Er wolle „locker und in offener Art“ seine Meinung sagen. Und das tat er auch. In seinen Appell gegen den „Raketenschrott“ schloss er auch die sowjetischen SS 20 mit ein. Die anwesenden Blauhemden quittierten es mit verhaltenem Schweigen.

Lindenberg schluckte die bittere Pille, denn aus seiner Sicht war der Auftritt der „Auftakt zur großen DDR-Tournee“, wie er vor Ort sagte. Für ihn ein Herzensprojekt. Sogar ein Vertrag mit der DDR lag bereits vor. Am Ende war den Funktionären das Risiko doch zu groß. Vor dem Palast der Republik war es tumultartigen Szenen gekommen, was die Volkspolizei mit Brutalität und fast 50 Verhaftungen quittierte.

Nur ein Song mehr und die Zuschauer wären „nicht mehr zu disziplinieren gewesen“

Offizielle Gründe für die Tournee-Absage blieb man schuldig. Einer inoffiziellen Einschätzung nach dem Konzert, die im Auftrag Stasi erstellt wurde, sah aber die Gefahr von „Widersprüchen zwischen den jeweils verantwortlichen FDJ-Leitungen und den Zuschauern“, die Lindenberg „geschickt schüren“ könnte. Die FDJ sollte Veranstalter der für 1984 geplanten Tour durch die DDR sein.

Bis heute gehört Udo Lindenberg zu den erfolgreichsten deutschen Musik-Acts.

Marcus Brandt/dpa

Zu dieser Einschätzung führte auch ein Blick ins Publikum am 25. Oktober 1983. Lindenberg habe größere Begeisterung ausgelöst, als von den Funktionären erwartet wurde. „Hätte Lindenberg seinen Auftritt auch nur um ein Lied ausgedehnt, wären vermutlich die Zuschauer, trotz der vorherigen Belehrung, nicht mehr zu disziplinieren gewesen“, ist dort zu lesen.

Am Ende mussten Udo Lindenberg und seine Fans in der DDR bis 1990 auf die ersehnte Tournee warten. Der „Sonderzug nach Pankow“ erklang auf ostdeutschem Boden also erst, nachdem die Mauer bereits gefallen war.