Viadrina in Frankfurt (Oder)
: Talk zu Taylor Swift und den „weißen alten Männern“

Warum sich Männer und Medien mit dem Phänomen Taylor Swift so schwertun, analysiert Professor Jörn Glasenapp an der Viadrina-Universität in Frankfurt (Oder).
Von
Christina Tilmann
Frankfurt (Oder)
Jetzt in der App anhören
Taylor Swift Eras Tour — Swiftie–Wandbild im Wembley Park: 19.06.2024, Großbritannien, London: Giorgia Zampetti (l) und Tommaso Zampetti, Taylor Swift-Fans aus Italien, fotografieren sich vor einem neuen Wandgemälde, das zusammen mit den Swiftie Steps im Wembley Park enthüllt wurde, während der Weltstar ihre erste Londoner Show startet. Foto: David Parry Media Assignments/PA Wire/dpa - ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit einer Berichterstattung und nur mit vollständiger Nennung des vorstehenden Credits +++ dpa-Bildfunk +++

Übergroßes Vorbild: Giorgia Zampetti (l) und Tommaso Zampetti, Taylor Swift-Fans aus Italien, fotografieren sich vor einem neuen Wandgemälde, das zusammen mit den Swiftie Steps im Wembley Park enthüllt wurde, während der Weltstar ihre erste Londoner Show startet.

David Parry Media Assignments/PA Wire/dpa

Dass er schon drei Konzerte der „Eras-Tour“ besucht hat - und noch drei weitere besuchen wird, genügt vielleicht, um Jörn Glasenapp, Literaturprofessor aus Bamberg, als überzeugten Swiftie zu outen. Belegt hat er das u.a. mit dem im Februar 2024 erschienenen Reclam-Büchlein „Taylor Swift. 100 Seiten“, auf dem auch sein Viadrina-Vortrag fußt.

Und doch wird in Frankfurt (Oder) weit mehr geboten als eine kenntnisreiche populärwissenschaftliche Analyse des Swift-Universums samt Musikbeispielen. Glasenapp ist Fan, nicht unparteiischer Wissenschaftler. Als solcher weiß er mit in der Mehrzahl des Publikums in guter Gesellschaft.

Viadrina in Frankfurt (Oder): Professor erklärt Phänomen Taylor Swift

Was Glasenapp in mehreren Fallbeispielen ausführt, ist die Geschichte eines dramatischen Paradigmenwechsels in der Öffentlichkeit, vor allem auch der medialen Öffentlichkeit. Abtritt der „weißen alten Männer“ (zu denen sich Glasenapp selbstironisch und altersmäßig durchaus auch selber zählt) mit ihrem an Adorno geschulten Kulturverständnis und der großen Vorliebe für rebellische, handgemachte und männliche Rockmusik. Auftritt einer (nicht unbedingt nur weiblichen) Pop-Generation, die in Taylor Swifts so selbstbewussten wie selbstermächtigten Siegeszug die Blaupause für eine neue, bunte, diverse und inklusive Welt sieht.

Doch bis diese - mit den Alben „folklore“ und „evermore“ 2020 endlich auch in den Feuilletons der großen Zeitungen von „FAZ“ bis „Süddeutscher Zeitung“ gefeiert wird, ist es ein langer Weg der misogynen Missachtung, in der Swift regelmäßig abgesprochen wurde, ihre Songs selbst zu schreiben oder zu singen. Eine ganze Litanei männlichen Swift-Bashings, die Glasenapp an vier besonders krassen Fällen durchgeht - Kanye Wests „Kanyegate“ bei den MTV Video Awards 2009, als er der für das beste Video ausgezeichneten Swift das Micro aus der Hand riss und erklärte, er finde, Beyoncé habe den Preis verdient, noch nicht einmal mitgezählt. Es treten also auf:

1. Der Lügner

Dieser spricht Taylor Swift ab, dass sie ihre Songs selbst geschrieben hat, wie Damon Albarn 2022 in einem Interview der „Los Angeles Times“. Da behauptet der Blur-Frontman mit Ton des überlegen Wissenden, Swift schreibe ihre Songs nicht selbst, höchstens sei sie Co-Writerin, und er wisse, was das heißt - was die Sängerin mit einem deutlichen Post samt Postscript („P.S.ich habe diesen Tweet ganz allein geschrieben“) kommentiert. Swift-Produzent Jack Antonoff geht noch einen Schritt weiter und bezeichnet die Art, Behauptungen in die Welt zu schleudern, als „Trumpian Approach“. Klassisch männlicher Vorwurf gegen eine „normschöne“ erfolgreiche junge Frau, die doch um Himmels willen nicht auch noch intelligent und eine geniale Songwriterein sein könne, diagnostiziert Jörn Glasenapp die Episode.

2. Der Verachtungsapodiktiker

Der lässt wie Jochen Distelmeyer von Blumfeld seinen ganzen Frust über Swifts„ kometenhaften“ Erfolg in einem langen Essay im „Rolling Stone“ freien Lauf, in dem es eigentlich - ebenfalls höchst unfreundlich - um Beyonce gehen sollte, wo aber Taylor Swift gleich miterledigt wird, indem er sie als „größtes Popmissverständnis seit Elton John“ bezeichnet, ihr Unverfrorenheit und unschönen Ehrgeiz vorwirft, und ihren Fans eine Sehnsucht nach falschen Gefühlen. Klarer Fall von Misogynie und Queerfeindlichkeit (neben Elton John wurde auch gleich noch Swifts Ex-Partner Harry Styles mit in die Pfanne gehauen), so Jörn Glasenapp.

3. Der Rockist

Er spielt, wie Dave Grohl mit seinen Foo Fighters, am 22. Juni 2024 parallel zu Swifts Londoner Konzerten im Wembley-Station im (etwas kleineren) London Station und gibt dort seinen Fans zu Gehör, sie seien auf jeden Fall im richtigen Konzert, bei ihnen gebe es die „Errors Tour“ und: „we actually play live“. Was Swift einen Tag später bei ihrem Konzert natürlich kommentiert mit: Sie und ihre Band, „we gonna be playing live for 3,5 hours tonight“. Einen Schlagabtauch, den Glasenapp nutzt, um anhand einer Gegenüberstellung von Rock und Pop die Ablösung des Rockism durch den Poptimism zu erklären. Abtritt der alten Rockveteranen, Siegeszug der jungen Popgöttinnen.

4. Der Side-Writer

Dass das Indie-Portal „Pitchfolk“ erst Swifts fünftes Album „1989“ zur Kenntnis nahm, und auch dann nicht in ihrer Version, sondern in der Coverversion von Ryan Adams,  ist für Glasenapp bezeichnend für eine selbstgefällige Indie-Szene, die meint, den „seichten“ Pop als Side-Writer veredeln zu müssen, um aus der Pop-Prinzessin eine ernsthafte Musikerin zu machen, so etwa Hannes Roß im „Stern“. Auch andere (männliche) Rezensenten feiern die Coverversion als wahre Musik - und Glasenapp nutzt die Gegenüberstellung zwischen Original und Coverversion, um insbesondere die berühmte Bridge in „Out of the woods“ in den Rang der „Sixtinischen Kapelle des Pop“ zu erheben - und das Cover als Indie-Mainstream eines „Faulpelz vom Dienst“.

Insgesamt diagnostiziert Glasenapp am Fall Taylor Swift die wütenden Rückzugsgefechte einer Generation von (männlichen) Rockisten, die sich spätestens seit Madonna mit starken, erfolgreichen Pop-Protagonistinnen konfrontiert sehen. Nur folgerichtig, dass der Vortrag zum Schluss doch noch auf die politische Ebene einschwenkt und Taylor Swift als mögliche Königsmacherin gegen einen Wahlerfolg von Donald Trump präsentiert. Spätestens in der Schlussrunde ihrer „Eras-Tour“ in Amerika in der heißen Zeit des Wahlkampfes erwarte er von ihr eine Wahlempfehlung, so Glasenapp - nicht ohne das elende amerikanische Wahlsystem zu bedauern, das eine Frau von 34 aus dem Popbereich zur entscheidenden politischen Figur machen könnte.