Weihnachten in Bad Freienwalde: Fünf vergessene Weihnachtsbräuche aus dem Oderland

Weihnachtsmarkt mit Pyramide in Bad Freienwalde, 2019: Traditionen, die zu Weihnachten gehören. Doch welche historischen Weihnachtsbräuche aus dem Oderland kennen wir heute nicht mehr? (Archivbild)
Michael AnkerWeihnachtszeit: Für manche bedeutet das, über den Weihnachtsmarkt zu schlendern, gebrannte Mandeln zu probieren und mit Glühwein anzustoßen. Andere möchten den Schwibbogen im Fenster nicht missen. Oder ist es der festlich geschmückte Weihnachtsbaum, unter dem die Kinder an Heiligabend ihre Geschenke vorfinden?
Andere Festtagsbräuche wiederum sind im Laufe des letzten Jahrhunderts in Vergessenheit geraten. Wir stellen fünf regionale Weihnachtsbräuche vor, ohne die das Weihnachtsfest vor hundert Jahren noch undenkbar gewesen wäre.
Weihnachten begann im Oderland mit „Tuten der Hirten“
Neun Tage vor dem Fest begann im Oderbruch einst das „Tuten der Hirten“. „Die Hirten mussten neun Tage lang jeden Abend mit ihren Hörnern den Heiligen Christ vom Himmel heruntertuten, der auf einem weißen Schimmel geritten kommt“, informiert Reinhard Schmook, der Leiter des Oderlandmuseums in Bad Freienwalde, über den Brauch.

War bis ins 20. Jahrhundert ein Weihnachtsbrauch im Oderland: das „Tuten der Hirten“. Genutzt wurden dafür spezielle Tuthörner. Eines ist im Oderlandmuseum in Bad Freienwalde zu bestaunen.
Reinhard Schmook/OderlandmuseumGenutzt wurden dafür „Tuthörner“ aus langen, schmalen Streifen, die mit Holz- oder Messingbändern zusammengehalten wurden. Dazu sammelten die Hirten etwa Roggenkuchen und Weizenfladen ein.
Laut Schmook ist das „Tuten der Hirten“ bis 1907 in Neurüdnitz überliefert, in Niederfinow sogar bis 1914. „In Bralitz belebte man den alten Brauch im Jahr 1925 neu“, berichtet der Museumsleiter. In der Zeit des Nationalsozialismus sei die Tradition im Oderland allerdings vollkommen ausgestorben.
Ein altes „Tuthorn“ kann heute noch im Oderlandmuseum bestaunt werden.
In und um Bad Freienwalde wurden Tiere beschenkt
Lange glaubten die Menschen in der Region, dass es Tieren vermocht war, an Heiligabend zu sprechen. Der Aberglaube geht auf die christliche Krippenerzählung zurück, die diesen Umstand damit erklärt, dass Ochse und Esel das Wunder der Geburt Jesu miterlebt hätten. Schmook erklärt, dass es deshalb zur Tradition wurde, auch die eigenen Haustiere zu beschenken. „Besonders Pferden gab man Festgebäck mit Johanniskräutern oder heimlich entwendetem Grünkohl.“
In den Dörfern um Frankfurt (Oder) wiederum war es an Heiligabend Brauch, Vögel zu füttern. Dahinter versteckt sich eine erste gute Tat für das neue Jahr, wie Schmook erklärt: „Der Glaube besagte, dass die Vögel sonst im kommenden Jahr die Knospen von den Obstbäumen und Beerensträuchern sowie die Körner aus den Getreideähren fressen würden.“
Auch Obstbäume erhielten an Weihnachten ein Geschenk
Nicht nur Tiere, auch Obstbäume wurden einst an Heiligabend beschenkt.
Dabei diente der „Hele Christ“ als Geschenk. Der Begriff leitet sich vom „Heiligen Christen“ ab und bezeichnet ein Band aus Stroh, das um die Stämme der Bäume gelegt wurde.
„Darauf befanden sich dann Weihnachtskuchen oder Würste“, sagt Schmook. Ähnlich wie beim Füttern der Vögel rund um Frankfurt (Oder) ging es bei dem Brauch um eine erste Vorsorge für das neue Jahr: Die Bäume sollten wieder Früchte tragen und damit die Menschen in der Region ernähren.
Mohnstriezel als Weihnachtsspeise im Oderland
Zum Heiligabend gehörte damals wie heute ein deftiges Weihnachtsessen.
Während heute gern Kartoffelsalat mit Würstchen serviert wird, bestimmten vor dem Ersten Weltkrieg etwas ausgefallenere Speisen das Menü. Beliebt waren etwa Mohnstriezel und Fische mit Rogen, erzählt Schmook: „Das Massenhafte des Rogens sollte Glück und Geld bringen.“
Auch Weihnachtsgans wurde aufgetischt – allerdings eher in betuchteren Kreisen. Anders als heute wurde sie erst am 25. Dezember serviert. Übrigens: Die Gänse für Familien aus der Hauptstadt stammten ebenfalls aus dem Oderbruch. „Dort mästete man tausende polnische Magergänse einige Wochen vor Weihnachten und verkaufte sie mit Gewinn nach Berlin“, berichtet Schmook.
Magische Weihnachtsbräuche zur Abwehr böser Geister
Was gerade bei Weihnachten, einem der wichtigsten christlichen Festtage überhaupt, überrascht: Noch vor hundert Jahren waren die Tage am Ende des Jahres von heidnischen Zaubern geprägt.

Informiert über vergessene Weihnachtsbräuche aus dem Oderland: Reinhard Schmook, Leiter des Oderlandmuseums in Bad Freienwalde
Christina Pekel„Mit dem Heiligen Abend begannen die Zwölften, welche die zwölf Tage bis zum Epiphaniasfest am 6. Januar umfassten“, so Schmook. „In dieser Zeit pflegte man Wetterwahrsagungsbräuche, beachtete Arbeitsverbote, aß keine Hülsenfrüchte und hütete sich, bestimmte Tiere wie Wolf, Fuchs, Ratte oder Maus bei ihrem Namen zu nennen.“
Von heidnischer Tradition seien auch Abwehrzauber gewesen, die in den Zwölften gewirkt wurden. „Die Häuser wurden verschlossen gehalten, es wurde nichts ausgeliehen, das Vieh musste im Stall bleiben, der Brunnen musste zugedeckt werden“, sagt der Museumsleiter.
Ein Überbleibsel der alten Bräuche sei das jährliche Silvesterfeuerwerk, bei dem es ursprünglich darum gegangen sei, mit Blitz und Donner die bösen Geister zu vertreiben.
Übrigens: Auch der bis heute beliebte Adventskranz geht auf einen heidnischen Ringzauber zurück. „Grüne Kränze oder Kränze aus geflochtenem Stroh galten seit alters her als Segensbringer und sollten Unheil von all dem abwehren, was im kommenden Jahr grün werden und Früchte tragen sollte“, informiert Schmook.




