Wellenreiten
: Münchens Eisbachwelle lockt immer mehr auswärtige Surfer

Mit Lockerungen der Corona-Auflagen ist die Eisbachwelle wieder offen. Die damit verbundenen Herausforderungen nehmen zu.
Von
Jacqueline Westermann
München
Jetzt in der App anhören
  • Spiel mit dem Risiko: Zu jeder Jahreszeit lockt die Eisbachwelle in München Schaulustige an. Für Anfänger sind die schnellen Wassermassen allerdings nichts.

    Spiel mit dem Risiko: Zu jeder Jahreszeit lockt die Eisbachwelle in München Schaulustige an. Für Anfänger sind die schnellen Wassermassen allerdings nichts.

    Jacqueline Westermann/MOZ
  • Mutprobe: Matti Partanen und sein Freund Markus Mela surfen in der Eisbachwelle in München. Die beiden Finnen üben sonst im Meer.

    Mutprobe: Matti Partanen und sein Freund Markus Mela surfen in der Eisbachwelle in München. Die beiden Finnen üben sonst im Meer.

    Jacqueline Westermann/MOZ
1 / 2

Zitternd stehen Matti Partanen und Markus Mela in voller Neoprenmontur am Ufer des Eisbachs und blicken auf das Wasser, das unter der Brücke hervorschießt und sich zu einer Welle formt. Trotz der Sonne spüren sie die Kälte, vor allem in nassen Neoprenanzügen. „Dabei sind wir aus Finnland“, sagt Matti und lacht. Mit dem Finger muss er dabei die Neoprenkaputze dehnen, so eng liegt sie um sein Gesicht. Unsere Begegnung fand vor dem Corona-Lockdown statt. Inzwischen ist das Surfen auf dem Eisbach wieder erlaubt, wenn auch unter Auflagen und noch ohne Zuschauer.

Locals und Touris

Matti ist froh, dass es an diesem Tag nicht so voll ist. „Wir hatten total Glück. Als wir ankamen, war nur ein anderer Surfer hier. Kurz darauf hatten wir die Welle eine halbe Stunde für uns. Dann kamen noch die beiden dazu.“ Er zeigt auf zwei weitere Surfer am Ufer. „Jeder ist nett und gibt uns ein paar Tipps“, sagt der 32-Jährige. Ob die Münchner dann auch noch so hilfsbereit wären, wisse er nicht. Denn surfende Touristen können zum Problem werden.

Das weiß auch Christopher „Chris“ Sczu­dlek. Der 33-Jährige arbeitet im SantoLoco, ein Surf- und Skateladen in Münchens Innenstadt, der auch Surfbretter und Neoprenanzüge verleiht. Wie so viele Auswärtige haben auch Matti und Markus hier ausgeliehen. „Wir schauen schon, dass wir die Touristen von der E1, also der ersten Welle, weghalten. Die meisten sind dann doch nur das Meer gewohnt und viele meinen trotzdem, dass sie dann auch die Eisbachwelle surfen können“, sagt Chris.

Das merken auch die beiden Finnen. Matti surft seit zehn Jahren, der 25-jährige Markus seit vier. Aber beide bisher immer nur im Meer. Trotzdem arbeitet Matti sich gerade auf der „E1“, der Welle direkt an der Eisbachbrücke, vorsichtig vorwärts. Er legt  das Brett auf die Welle, stabilisiert auf der Stufe am Rand sitzend mit seinen Füßen das Surfbrett auf dem schäumenden Wasser. Das Getöse des herausschießenden Wassers ist unglaublich laut und doch scheint der Finne in seiner eigenen Gedankenwelt der Konzentration versunken. Es scheint, als zähle er innerlich bis drei und drückt sich dann, um Balance bemüht, in eine stehende Position. Langsam versucht er durch Gewichtsverlagerung an der Welle entlang zu gleiten. Hin und wieder rudert er mit den Armen. Markus blickt auf seinen Mitstreiter und nickt. Für ihn sei das Drehen auf dieser Welle eine Herausforderung: „Wenn man an den letzten Bump kommt, da wird es schwer“. Er deutet auf die Wellenkronen kurz vor dem rechten Ufer.

Auch wenn die wachsende Begeisterung für den Sport und die steigende Nachfrage die Angestellten des SantoLoco freue, einen Massentourismus wollten sie natürlich auch nicht, fährt Chris fort. „Wir haben ja noch die E2 und die Floßlände, dann Jochen Schweizer draußen“, zählt er die weiteren, weitaus unbekannteren Wellen in Eisbach und Isar beziehungsweise die künstliche Welle der Jochen-Schweizer-Arena in Taufkirchen auf. „Da haben wir schon ein großes Privileg, dass nicht nur eine da ist. Deswegen können wir das auch so steuern und die Touristen auf die E2 oder die anderen Wellen schicken.“

Teilweise hätten sie München-Besuchern aber auch keine Bretter verliehen, das Verletzungsrisiko sei ja nicht gerade klein. „Gerade während des Oktoberfests weiß man bei dem ein oder anderen Touristen nicht, ob der nüchtern genug zum Surfen ist. Und wenn dann was passiert, ist das Geschrei groß. Das ist ja noch alles ein bisschen eine Grauzone“, umschreibt Chris die Situation. Frauke Rothschuh von München Tourismus wird deutlicher am Telefon: „Die Stadt duldet die Surfenden, übernimmt aber keine Verantwortung.“

Die Verletzungsgefahr ist hoch

Auch die besten Wellenreitenden sind auf der schnellen Flusswelle nicht vor Verletzungen geschützt. „Die Verletzungsgefahr ist recht hoch, wenn man das Fallen noch nicht kennt“, sagt Valeska Schneider, ehemalige deutsche Nationalsurferin, während sie in einem Café in der Maxvorstadt auf ihren Rücken deutet. „Meistens ist es nur ein blauer Fleck, aber wenn du es doch an den Knochen kriegst…,“ sagt sie und verzieht das Gesicht. „Es“ – das seien die Steinklötze im Eisbach, die zum einen die Welle formen, zum anderen zur Gefahr werden können.

Die 28-Jährige lernte das Surfen 2012 in Australien und traute sich bei ihrer Rückkehr nach München erst gar nicht an die Eisbachwelle. „Am Anfang habe ich dann auch ein paar Stimmen gehört, die meinten, das ist schlecht für deinen Meer-Style, wenn du im Eisbach surfst.“ Erst 2015 versuchte sie es. Seitdem surft sie regelmäßig im Fluss, im Sommer bis zu zwei Stunden täglich, und sieht sogar Vorteile für ihre Technik. Im Vergleich zu künstlichen Wellen mit kontinuierlicher Fließgeschwindigkeit sei der Eisbach schwieriger, erklärt sie. Der Fluss „hat viel mehr Variabilität, man muss nicht nur seine eigenen Fehler ausgleichen, sondern muss auch die Veränderungen der Welle ausgleichen.“

Mittlerweile fokussiert sie ihre Profikarriere auf das Rapid-Surfing, also schnelles Surfen, bei dem Wettkämpfe vor allem auf künstlichen Wellen stattfinden. Aber das Naturerlebnis mitten in der Stadt sei weiterhin besonders, das Rauschen der Welle blende die Umgebungsgeräusche aus, und beim Zurückpaddeln fühle sie sich ein bisschen wie beim Paddeln im Meer.

Im SantoLoco nickt Chris. „Ich glaube, es gibt wenig Sportarten, die einen größeren Kontrast bieten zum Jobleben. Dieser Surf-Lifestyle, dem schließen sich immer mehr und mehr Leute an, und deswegen suchen sie nach einer Alternative. Und das einzige, was da passt, ist entweder Skaten oder im Eisbach surfen“, sagt er im Keller des Surfladens.

Mehr Wellen gefordert

Wie viele Touristen nur der Welle oder des Surfens wegen nach München kämen, dazu hat Tourismus München keine Zahlen. Trotzdem sei es eine wichtige Attraktion der Stadt, denn München habe eben nicht nur Bier und das Oktoberfest zu bieten, betont Frauke Rothschuh.

Im SantoLoco ist Chris über diese Äußerung der Stadt erstaunt. Sich der Bedeutung des Eisbachs für den Tourismus bewusst zu sein, sei eine Sache. Seiner Meinung nach müsste die Stadt aber viel mehr machen, auch neue Wellen schaffen. Viele in der Münchener Surfszene sehen das auch so. Um Druck auf die Stadt auszuüben, vor allem genug Kapazitäten zum Surfen zu schaffen, organisierten sie im letzten Jahr eine Protestaktion. Mit Planen und Zäunen schirmten sie die Eisbachwelle ab. Enttäuschte Touristen konnten so am zweiten Oktoberfest-Wochenende nichts von der Attraktion sehen.

Bis es geeignete Alternativen gibt, wird das SantoLoco weiter versuchen, die Touristen auf alle Wellen zu verteilen. Manch ein Münchener wird schon jetzt erfinderisch. Freunde von Valeska Schneider gehen zum Beispiel immer um zwei Uhr nachts surfen, weil sie keine Lust auf die ganzen Leute haben, erzählt sie. Doch viele Touristen schreckt das (noch) nicht.

Matti kommt nun die Treppe des SantoLoco herunter: Er bringt die ausgeliehenen Sachen zurück. Sie kämen „definitiv“ wieder nach München. „Aber nächstes Mal bringen wir unsere eigenen Sachen, Bretter und Neoprenanzüge mit, um das nochmal zu machen.“

Surfen unter Auflage

Die Eisbachwelle unweit der Eisbachbrücke an der Prinzregentenstraße in München ist ganzjährig zugänglich. Seit 12. Mai ist das Surfen im Zuge von Lockerungen der Auflagen zur Eindämmung der Pandemie wieder erlaubt. Strenge Hygieneregeln sind zu beachten. Der Mindestabstand von 1,50 Meter muss auch beim Anstehen eingehalten werden. Zuschauer sind derzeit noch nicht wieder erlaubt.