Zwanzigerjahre in Berlin
: Wie Anita Berber für Skandale sorgte

Der Potsdamer Autor Steffen Schroeder hat der Tänzerin Anita Berber ein Denkmal gesetzt - und gleichzeitig ein Psychogramm einer Epoche geschrieben.
Von
Christina Tilmann
Berlin
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Blickfang in der LBBW-Sammlung im Kunstmuseum Stuttgart ist immer wieder die Tänzerin Anita Berber, die 1925 von Otto Dix porträtiert wurde.

Blickfang in der LBBW-Sammlung im Kunstmuseum Stuttgart ist immer wieder die Tänzerin Anita Berber, die 1925 von Otto Dix porträtiert wurde. Auch diese Episode wird in dem Roman von STeffen Schroeder erzählt.

Gerda Meier-Grolman
  • Steffen Schroeder hat mit „Der ewige Tanz“ der Tänzerin Anita Berber ein Denkmal gesetzt.
  • Berber, bekannt für ihre Skandale und ihren avantgardistischen Tanz, wird im Kunstmuseum Stuttgart von Otto Dix porträtiert.
  • Der Roman beschreibt Berbers Leben und Karriere, von ihren Tanzstunden bis zu ihren Filmrollen und ihren unglücklichen Beziehungen.
  • Im Berliner Bethanien-Krankenhaus blickt Berber auf ihr bewegtes Leben zurück, inklusive ihrer Abhängigkeit von Morphium.
  • Schroeder zeigt die Gefahren eines selbstbestimmten Frauenlebens in den Zwanzigern und bringt Berber späte Gerechtigkeit.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Kennengelernt haben sie sich in einer Bar – man tanzt Shimmy, den neuesten Modetanz, und er „lässt die Hüften kreise, schüttelt die Schultern, seine ganze Brust vibrierte“ – ja, Jimmy, wie sie ihn nennt, „hatte den Rhythmus im Blut“. Später wird er sie malen, sie posiert nackt, doch das Bld zeigt sie in rotem Kleid. „Wie eine Morphinistin sah sie aus. Und alt. Sehr alt.“

Das Bild ist es, weshalb man die Tänzerin und Stummfilm-Diva heute noch kennt. Es hängt im Kunstmuseum Stuttgart und gilt als Hauptwerk von Otto Dix. Und verkörpert wie wenig andere das, was man heute als „goldene Zwanziger“ kennt: die exzessive Zwischenkriegszeit, in der man insbesondere in Berlin wie auf dem Vulkan tanzte und lebte, als gebe es kein Morgen. Und eine der Protagonstinnen dieser Zeit ist eben Anita Berber. ​

Rückblick aus dem Krankenhaus

Der Schauspieler und Autor Steffen Schroeder, in München geboren, heute in Potsdam lebend, hat der vergessenen Diva nun ein Buch gewidmet. „Der ewige Tanz“ ist erzählt im Rückblick: Anita Berber liegt schwer lungenkrank im Berliner Bethanien-Krankenhaus, in der „Hustenburg“, wie man die Abteilung für Tuberkolosekranke nennt. Und im Fieberrausch lässt sie ihr Leben Revue passieren: die Tanzstunden bei Rita Sacchetto in Berlin, gemeinsam mit Leni Riefenstahl, die ersten Soloauftritte, der schnelle Erfolg.

Die ersten Rollen beim Film, die Zusammenarbeit mit Regisseuren wie Richard Oswald, Fritz Lang und Reinhard Schünzel. Die Bekanntschaft mit Magnus Hirschfeld und Charlotte Berend, der Malerin und Frau von Lovis Corinth. Aber auch die unglücklichen Beziehungen zu Männern, die Abhängigkeit vom Morphium, der Absturz in Tinteltangel und Billig-Etablissements, wo die Männer nicht mehr kommen, um Anitas avantgardistischen Tanz zu sehen, sondern unter den dünnen Schleiern ihre Nacktheit.

Es ist ein eindringliches Buch geworden, das zwar vor dem Klatsch und Tratsch der 1920er nicht halt macht, vor dem unaufgeklärten Tod von Elisabeth Lang, der Frau von Fritz Lang oder den Filmgrößen Henny Porten und Marlene Dietrich. Vor allem aber wird erzählt von einer Frau, die sich regelmäßig neu erfindet, im Smoking und mit Monokel, die Frauen liebt und Männer und am meisten liebt sie den Tanz.

Dass das auch immer ein Tanz, ein Flirt mit dem Tod ist, macht Schroeder anschaulich deutlich – und auch, wie gefährdet ein selbstbestimmtes Frauenleben selbst in dieser haltlosen Zeit ist. Der Boulevard hat längst Gefallen an dieser Tänzerin gefunden, schlachtet jede ihrer Eskapaden genüsslich aus. Mit dieser eindringlichen Roman-Biografie lässt Steffen Schroeder ihr späte Gerechtigkeit wiederfahren.

Steffen Schroeder, „Der ewige Tanz“, Rowohlt Berlin, 300 Seiten, 24 Euro