Esther Müller erinnert sich an den Moment in ihrer Kindheit, ab dem sie keine Jungs mehr zu Gesicht bekam. Die Geschlechtertrennung wurde eingeführt, Beziehungen durfte es nicht geben. Erst nach dem Ende von Schäfers Herrschaft lernten Esther Müller und ihr heutiger Mann sich näher kennen.
Von den teils grausamen Erfahrungen, die sie in der Sekte machte, berichtet die Anfang 60-Jährige, die heute in Deutschland lebt, in der dokumentarischen Fernsehserie "Colonia Dignidad – Aus dem Innern einer deutschen Sekte", deren vier Teile am 10. März auf Arte ausgestrahlt werden. Es ist der 15. Jahrestag der Verhaftung Schäfers in Argentinien.
Ausgangspunkt war ein Anruf aus Santiago de Chile, berichtet Gunnar Dedio, Geschäftsführer der Leipziger Produktionsfirma LOOKsfilm. Es ging um einen Lieferwagen voller Archivmaterial aus der Colonia Dignidad. Die Idee war, dieses innerhalb einer deutsch-chilenischen Koproduktion aufzuarbeiten – schließlich handelt es sich um ein Stück gemeinsamer Geschichte.

Schäfer hatte die totale Kontrolle

Zwei Herzen hätten damals in seiner Brust geschlagen, berichtet Dedio. Einerseits wusste er, dass das etwas "ganz Großes" war. Andererseits war auch klar, dass das ein schwieriges, mehrere Jahre einnehmendes Projekt werden würde. Denn zuerst musste das teilweise verschimmelte Material restauriert werden, katalogisiert, transkribiert und übersetzt. Es galt, herauszufinden, wer in den Aufnahmen spricht, wann und wo es gedreht wurde. Nach mehreren Jahren Arbeit ist daraus eine Produktion für den WDR/SWR in Zusammenarbeit mit Arte und dem chilenischen Fernsehsender Kanal 13 entstanden.
Durch Partner und Filmförderung sei dieser enorme Aufwand überhaupt erst möglich gewesen, erzählt Dedio. Er betont die kulturelle Bedeutung des Archivmaterials, das der Dokumentation zugrundeliegt. Deswegen stellt sich die Frage, wie es zugänglich gemacht werden kann. "Es soll nicht in Asservatenkammern verrotten", betont der Produzent. Viele Fragen rund um die Colonia Dignidad sind noch nicht geklärt. Für die Justiz, aber auch für Wissenschaftler können diese Originalaufnahmen interessant sein – genauso wie für die Sektenmitglieder selbst.
Denn Bilder sind rar. Esther Müller erzählt, es gebe keine Fotos von ihr als Kind oder Jugendliche. Nur alle paar Jahre ließ Schäfer (1921–2010) Familienporträts stellen, um Verwandten in Deutschland eine heile Welt vorzugaukeln. In Wirklichkeit wussten die Kinder oft gar nicht, wer ihre Eltern waren.
Auch die Filmaufnahmen seien entstanden, um ein geschöntes Bild der Kolonie zu zeichnen, erzählt Regisseurin Annette Baumeister. Schäfer habe ein eigenes Filmteam mit moderner Kameratechnik beschäftigt, um die Gewalt darüber zu haben, welche Bilder aus dem streng abgeschirmten Areal nach außen dringen. Viele Bilder, die man aus dem Fernsehen kennt, wurden von Schäfer selbst beauftragt, schildert die Regisseurin. Obwohl ihr Zweck propagandistisch war, hätten die Aufnahmen selbst eher einen dokumentarischen Charakter.
Schäfer habe die totale Kontrolle darüber haben wollen, was in der Kolonie gemacht, gedacht und geträumt wird, betont Dedio. Deshalb nahm er den Bewohnern alles, was mit Struktur, Erinnerung und Rhythmus zu tun gehabt habe. Es gab keine Uhren, keine Tagebücher, keine Fotoapparate.
Dadurch war es schwer, sich gedanklich an etwas festzuhalten – es gab keine Feiertage, keine Geburtstage. Was in der Welt passierte, wussten sie nicht. "Unser Leben war so eintönig. Es fällt uns schwer, uns an bestimmte Dinge zu erinnern, denn jeder Tag war gleich", erzählt Michael Müller. Auch in Interviews mit Sektenmitgliedern sei das deutlich geworden, berichtet Annette Baumeister. Ihre Gesprächspartner hätten schwer einordnen können, wann ein bestimmtes Ereignis stattgefunden habe. "Das Leben war wie Pudding. Die Herausforderung des Filmes war, diesen Pudding an die Wand zu nageln", sagt sie.
Willkommene Einschnitte im Arbeitsleben waren die Besuche von außen – auch von Politikern aus Deutschland. Als 1977 der damalige bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß (CSU) kam, wurde in der Kolonie vieles so umgebaut, dass es nach einem bayerischen Dorf aussah, erinnert sich Müller.
Fast 40 Jahre lang konnte Schäfer die Hölle aufrechterhalten. Selbst als die Fassaden bröckelten, schien es auch von deutscher Seite wenig Interesse daran zu geben, aufzuklären, was in der vermeintlich christlichen Gemeinschaft geschah. Noch heute gäbe es Menschen, die nicht wollen, dass das Material veröffentlicht werde, sagt Dedio.
Auch innerhalb der ehemaligen Sektenmitglieder ist der Umgang mit Informationen umstritten. Einige erzählen öffentlich von ihrer Vergangenheit und fordern Aufklärung, andere schweigen. Immer noch wohnen Menschen in der Kolonie. Inzwischen gibt es dort ein Hotel, in dem auch das Filmteam während der Dreharbeiten wohnte. Knapp einen Monat verbrachte Annette Baumeister dort: "Das gehört zu den bemerkenswertesten Dreherlebnissen, die ich hatte."
Schnell habe sie gemerkt, dass die Menschen Angst hätten. Das sei verständlich. "Eine gewaltige Lawine an Journalisten ist über die Kolonie hinweggewalzt", sagt die Regisseurin. Deshalb sei es wichtig gewesen, längere Zeit dort zu verbringen und zu zeigen, dass die Dokumentation den Bewohnern selbst eine Stimme geben wolle.

Deutsche Politik schaute weg

Die Serie erzählt persönliche Geschichten und berührt viele ungeklärte Fragen. Wie konnte es beispielsweise sein, dass die deutsche Politik nichts unternahm? Schäfer hatte gute Beziehung in die Heimat, aus der er 1961 floh, nachdem die Bonner Staatsanwaltschaft einen Haftbefehl wegen sexuellen Missbrauchs gegen ihn beantragt hatte. Er nutzte die Kontakte nach Deutschland unter anderem, um als Hilfslieferungen getarnte Waffentransporte nach Chile zu schmuggeln. Auch vor Ort war der Sektenführer gut vernetzt. Während der Militärdiktatur unter Pinochet diente die Kolonie als Operationsbasis und Folterzentrum des chilenischen Geheimdienstes. Zudem holte Schäfer chilenische Kinder in die Siedlung, um auch sie zu missbrauchen.
Körperliche und seelische Folter waren Teil des Lebens in der Colonia Dignidad. Esther Müller erinnert sich, wie sie als Kind aus dem Schlaf gerissen wurde und vor Schäfer beichten sollte, was sie "da unten" gemacht habe. Sie habe nicht gewusst, was sie sagen sollte, berichtet sie. Denn wer in der Kolonie aufwuchs, wusste nichts über Sexualität.
Sie hatte das Glück, als Krankenschwester arbeiten zu dürfen. In diesem Beruf konnte sie ihre Zuneigung zu Kindern leben – denn sie selbst durfte keine bekommen. Erst nachdem Schäfer fort war, kamen sie und ihr Mann sich näher. "Ich hatte Michael nicht auf meinem Heiratsplan stehen", erzählt sie lächelnd. "Ich hatte heiraten gestrichen. Ich dachte, ich bin nicht so viel wert." Mit Mitte 40 bekam sie doch noch ein Kind. Die Müllers mussten erst einmal lernen, was Familienleben bedeutet. Ihrem Sohn körperliche Nähe zu vermitteln fiel ihnen schwer – auch den eigenen Eltern gegenüber. Esther Müller erzählt, dass sie ihre Mutter gepflegt habe. "Aber ich weiß nicht, ob ich sie jemals umarmt habe."
"Colonia Dignidad – Aus dem Innern einer deutschen Sekte", 10.3., 20.15 Uhr, auf Arte sowie am 16. und 23.3., jeweils 22.45 Uhr, in der ARD