Die Sommersaison ist längst vorbei, und es ist ein ganz gewöhnlicher Wochentag. Doch am Strand von Westerland tummeln sich dennoch zahlreiche Menschen. Sie wandern einen Teil der rund 40 Kilometer langen Insel-Westküste ab, oder sie sitzen mit Büchern oder E-Books in den verbliebenen Strandkörben. Einige streifen sogar noch ihre Kleidung ab und springen ins Wasser. Es ist einer dieser für die Jahreszeit eigentlich viel zu warmen Tage in der Mitte des Oktobers. Das Nordseewasser ist ungewöhnlich warm, der Meeresboden hat immer noch Reste der Wärme des rekordverdächtigen Sommers gespeichert und gibt sie nun portionsweise an die auflaufenden Fluten ab.
Passend dazu die Innenstadt von Westerland. Auf der Achse aus Wilhelm- und Friedrichstraße, die vom Bahnhof bis an den Strand führt, flanieren viele Besucher ohne Jacke. Die Terrassenplätze der Restaurants mit ihren strikt zur Straßenmitte hin ausgerichteten Stühlen – Sehen und Gesehen werden ist auf Sylt nun einmal Teil des Urlaubs-Gesamtpaketes – sind noch immer gut besetzt.
Es sind Bilder, über die sich die Gastronomen, Hoteliers und Apartment-Vermieter freuen dürfen. Es sind aber auch Bilder, die viele auf der Insel mit Besorgnis erfüllen. Alteingesessene ebenso wie Zugezogene. Binnur H. (44) läuft die Friedrichstraße hinab zur Strandpromenade, atmet durch und blinzelt in die Nachmittagssonne. Gerade ist ihre Schicht an der Nordseeklinik Westerland zu Ende gegangen. Seit dem Spätsommer 2021 lebt die gebürtige Rheinland-Pfälzerin auf der Insel. Die Nordsee hat sie gelockt: Frische, jodhaltige Luft, die Ruhe – eben „die Aussicht auf einen gesunden, ausgeglicheneren Lebensstil“.

Teure Wohnungen, viele Umzüge

Doch so richtig angekommen ist sie bis jetzt noch nicht. Das größte Problem: die Wohnungssuche. „Ich stand mit meinem Koffer hier und wusste nicht, wohin.“ So erinnert sie sich zurück an den August des Jahres 2021. Fünfmal hat sie in der Zeit seit August 2021 ihre Unterkunft gewechselt. Die Wohnungen, die ihren Vorstellungen entsprechen, sind auf der Insel einfach deutlich teurer als auf dem Festland.
Angekommen auf der Insel? Die Anästhesistin Binnur H., Oberärztin an der Nordseeklinik Westerland, fand lange keinen Wohnraum.
Angekommen auf der Insel? Die Anästhesistin Binnur H., Oberärztin an der Nordseeklinik Westerland, fand lange keinen Wohnraum.
© Foto: Boris Kruse
So weit, so normal, ließe sich einwenden. Aber: Binnur H. arbeitet keineswegs in einem Beruf, mit dem das Wohnen in teurer Lage unrealistisch erscheint. Sie ist weder Krankenpflegerin noch Reinigungskraft. Sie ist Anästhesistin, hat sich auf Schmerztherapie spezialisiert und blickt auf etliche Jahre Berufserfahrung als Fachärztin zurück. Zuvor war sie an Kliniken in Frankfurt am Main und Ludwigshafen tätig; in Westerland ist sie als Oberärztin beschäftigt. Eine gut ausgebildete Besserverdienerin. Ihre Erlebnisse auf der Insel veranschaulichen eine Problemlage, über die viele Insulaner seit Jahren klagen: Ein normales Leben sei auf der 99 Quadratkilometer messenden Nordseeinsel für alle, die nicht gerade über Immobilienbesitz verfügen, kaum noch möglich.
Die Luftaufnahme vom 27.05.2014 zeigt die Südspitze der Nordsee-Insel Sylt (Schleswig-Holstein).
Die Luftaufnahme vom 27.05.2014 zeigt die Südspitze der Nordsee-Insel Sylt (Schleswig-Holstein).
© Foto: Carsten Rehder/dpa
Rund 15.000 Einwohner leben dauerhaft auf Sylt, etwas mehr als 9.000 von ihnen in Westerland. Dem stehen im Pandemiejahr 2021 laut der Online-Plattform Statista mehr als 4,1 Millionen Übernachtungen gegenüber, 2019 waren es mehr als 4,8 Millionen. Zehn Jahre zuvor waren es noch rund 1,5 Millionen Übernachtungen weniger. Manche Einheimische lassen sich ihren Immobilienbesitz vergolden – und verkaufen zu Höchstpreisen. Immer mehr Wohnraum wird aus der langfristigen Vermietung abgezogen und geht für hohe Summen als Ferienappartment auf den Markt.

Kein Platz mehr für „Normale“?

Es ist in diesen Oktobertagen schwer, in den angesagten Strandrestaurants wie dem BeachHouse wenige Hunderte Meter von der Westerländer Strandpromenade entfernt einen Tisch zu bekommen. Auf der Terrasse verrichten die ersten gasbefeuerten Heizstrahler der Saison ihren Dienst. Ganz so, als gäbe es überhaupt keine Energie- und keine Klimakrise, keinen Krieg in der Ukraine und auch keine wohlstandvernichtende Inflation. Eine Feuertonne sorgt für heimeliges Knistern; das Flackern der Flamme bricht sich in Prosecco-Gläsern, während im Westen die Sonne untergeht. Hier stimmt das Sylt-Klischee voll und ganz.
Bei frittiertem Käse und Pommes schildert Binnur H. die Stationen ihrer Insel-Odyssee. Für den Anfang ist sie im August 2021 direkt im Klinikum untergekommen, in einem ungenutzten Krankenzimmer. Rund fünf Wochen lang wohnte sie unter Patienten; dreimal ist sie innerhalb der Klinik umgezogen, weil Zimmer wieder gebraucht wurden. Dann konnte sie in ein möbliertes Zimmer in Westerland ziehen, welches ihr aber wiederum vom Klinikum gestellt wurde. „Über Vitamin B“ in Form der Vermittlung eines Kollegen sei sie schließlich an ein kleines Apartment in Keitum gelangt. Von Anfang Oktober bis Ende Dezember 2021 konnte sie dort leben. Dann: neuerlicher Umzug, zurück nach Westerland. Dieses Mal in eine stattliche Loft-Wohnung, 80 m2, großer Balkon. Gefunden über eine Facebook-Gruppe. Aber die Miete: 2000 Euro warm. Das schmerzt jeden Monat aufs Neue.
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Wenn es einer Oberärztin wie Binnur H. so geht, wie muss es dann um niedrig qualifizierte Beschäftigte in der Tourismusbranche bestellt sein? In der Gastronomie aber werden sie gebraucht, die Tellerwäscher, Köche, Reinigungskräfte. Jeden Morgen sieht man sie in der Regionalbahn, die aus Richtung Hamburg über den Hindenburgdamm auf die Insel fährt. Spät am Abend geht es für sie wieder auf das schleswig-holsteinische Festland zurück. Viele pendeln von Niebüll aus, der letzten nordfriesischen Kleinstadt vor der Überfahrt auf die Insel.

Sylt – Insel der Träume und Projektionen

Nicht alle reden hier gerne mit der Presse. Das Betreiberpaar eines Strandkiosks, wenige Kilometer von Westerland entfernt hinter den Dünen gelegen, winkt gleich ab. Den etablierten Medien sei doch nicht mehr zu trauen, so geben sie dem Reporter noch mit, und möchten auf jeden Fall ungenannt bleiben.
Es ist viel geschrieben und berichtet worden über die Insel, die die Phantasie beflügelt wie kaum ein Ort sonst. Prominente wie Gunter Sachs und Axel C. Springer, die Anfänge der westdeutschen FKK-Szene, in neuerer Zeit die Hochzeit von Christian Lindner – um den nördlichsten Zipfel Deutschlands ranken sich zahlreiche Mythen.
Dieser Ort muss seit Langem als Projektionsfläche für Sehnsüchte aller Art herhalten. Dabei beziehen sich viele auf Auswüchse, die es zwar durchaus gibt – Champagner-Frühstück im Strandkorb, mit dem aufwändig per Zug verfrachteten Luxuswagen die Kurzstrecke vom Hotel zum Strand zurücklegen, Promi-Partys – die aber eben das Inselleben nicht repräsentativ abbilden. Noch nicht einmal das des durchschnittlichen Sylt-Urlaubers. Denn auf Sylt ist auch zum Beispiel einfaches Camping möglich. Ganz unglamourös und nur wenige Kilometer von den teuren Strandrestaurants wie der Sansibar entfernt.

Organisierter Zuzug von Fachkräften gefragt

Und so bleibt Sylt ein Ort der Widersprüche. Manche wünschen sich, dass nicht noch mehr über die Verdrängungsproblematik auf Sylt geschrieben wird. Einer, der die Berichterstattung als stark einseitig wahrnimmt, ist Dirk Erdmann. Der Familienvater betreibt das edle Hotel Rungholt im mondänen Kampen, direkt am Roten Kliff gelegen – die Steilküste gehört zu den meistfotografierten Motiven auf der Insel. Die Frustration angesichts der oft in Schwarz-Weiß-Kontrasten geführten Debatten über Reiche und Schöne auf der einen sowie Verdrängung Einheimischer auf der anderen Seite ist Erdmann förmlich anzuhören: „Wir haben das Thema so breit diskutiert und hochgeschaukelt, dass es nie wieder aus der Welt kommt.“ Dabei sei die Realität längst nicht so: „Wenn es so schlimm wäre, dann würden ja alle auf der Straße schlafen.“ Die Negativpresse würde allerdings dazu führen, dass Fachkräfte nicht mehr kommen, weil sie denken, sie könnten sich das Leben nicht leisten. In den zurückliegenden Jahren sei aber viel neuer Wohnraum entstanden. Er selbst habe auch während der Corona-Pandemie alle 75 Beschäftigten halten können, keinen einzigen entlassen.
Dirk Erdmann ist aber nicht nur selbst Unternehmer in der Hotelbranche, er ist auch 1. Vorsitzender des Sylter Dehoga-Bezirksverbandes (Deutscher Hotel- und Gaststättenverband). Und als solcher ist er gut vernetzt und kennt die Bedürfnisse auch anderer Häuser. Wenn es auf der Insel einen Mangel an Arbeitskräften in Gastronomie und Hotellerie gibt, dann sei das keineswegs ein Sylt-spezifisches Problem, sondern als Teil der demographischen Entwicklung und des Fachkräftemangels zu sehen, der derzeit in anderen Branchen ebenso grassiert.

Übertarifliche Bezahlung – ein Ausweg?

Oftmals suchen Gastronomen für ihre Mitarbeiter aktiv nach einer Unterkunft. Das ist dann oft ein fest vereinbarter Bestandteil des Arbeitsvertrages. Rund 140 Häuser auf der Insel würden ihre Belegschaft derzeit außerdem über dem geltenden Tarif bezahlen, sagt Erdmann. Das allein reiche aber längst nicht aus, um dauerhaft für verlässlichen Nachschub zu sorgen. „Das Mitarbeiterproblem können wir nur durch professionellen Zuzug regeln.“ Möglichkeiten zur Aus- und fortbildung seien gefragt. Für seinen eigenen Betrieb will Erdmann jetzt über eine dänische Agentur Fachkräfte aus Vietnam akquirieren. Im nächsten Jahr sollen die ersten von ihnen im Rungholt anfangen.
Die Pandemie schlug auf Sylt in komplizierter Weise zu. Keineswegs einfach nur als Bremser und Einkommensvernichter. Als vor dem Beginn der Reise-Sommersaison 2021 die meisten internationalen Urlaubsziele noch im Lockdown oder von sehr empfindlichen Einschränkungen betroffen waren, startete Nordfriesland ein Modellprojekt zur Aufnahme von Gästen unter Wahrung bestimmter Hygienemaßnahmen. Zahlreiche Wirte und Einrichtungen profitierten davon, das Geschäft brummte.

Fehlende Fachkräfte, nervende Punks

Inzwischen ist dieser Corona-Boom, in dem Deutsche ihre heimischen Regionen entdeckten, schon wieder ein Stück weit abgeklungen, sagt Dirk Erdmann. Und schließlich beginnen Energiekrise und Inflation, das Buchungsverhalten zu beeinflussen. Der Hotelier nutzt die Zeit, um ins Rungholt – den Namen hat das 1933 von seinem Großonkel gegründete Haus von einer sagenhaften Insel, die bei der „Grote Mandränke“ genannten Flut im Jahr 1362 untergegangen ist – zu investieren. „Wir beschäftigen uns gerade intensiv damit, unser Haus annähernd klimaneutral zu bekommen.“
Erdmann ist auf Sylt aufgewachsen, für seine Ausbildung zum Koch hat er die Insel in seiner Jugend vorübergehend verlassen und ist nach Hamburg gegangen, an das Hotel „Vier Jahreszeiten“. Erdmann betont, dass die Insel auch heute für alle Besucher offen sei; die jüngsten Hilfspakete der Bundesregierung aber hätten einen Event- und Neugier-Tourismus befeuert, der nicht hilfreich gewesen sei: „Wir Sylter sind nicht unbedingt Freunde des Neun-Euro-Tickets.“
Ein Touristengruppe feiert auf dem Bahnhof von Westerland auf Sylt die Ankunft. Durch die Einführung des 9-Euro-Tickets haben sich die traditionell hohen Touristenzahlen an Pfingsten noch einmal erhöht.
Ein Touristengruppe feiert auf dem Bahnhof von Westerland auf Sylt die Ankunft. Durch die Einführung des 9-Euro-Tickets haben sich die traditionell hohen Touristenzahlen an Pfingsten noch einmal erhöht.
© Foto: Axel Heimken/dpa
Schließlich sind da auch noch die Punks. „Da reden wir viel zu viel drüber“, sagt Dirk Erdmann. Er spricht von einem harten Kern aus „etwa 40 Leuten“, die in den Sommermonaten längere Zeit auf der Insel campierten – und auf ihre Art zum Negativimage beitrügen.
Der Frust über steigende Mieten und Zweiklassengesellschaft entlud sich während der Sommermonate auch auf einigen Demonstrationen, zu denen linke Aktivisten aus ganz Deutschland angereist waren. Auf Bannern und in Rufchören ging es um die Enteignung Reicher, um nicht legitimierte Privilegien. Tatsächlich gingen am Ende vor allem solche Protestierer auf die Straße, die überhaupt nie mit dem Problem der Wohnungssuche auf einer nordfriesischen Insel konfrontiert waren. Ein Umstand, der zeigt, wie sehr Sylt zum Symbol für eine – tatsächliche oder wahrgenommene – Spaltung der Gesellschaft geworden ist.

Und dann war da diese Ruhe …

Es sind Eindrücke, bei denen auch Birte Wieda die Stirn runzelt. Dabei ist die 57-jährige Goldschmiedin aus Keitum eine der schärfsten und bekanntesten Kritikerinnen von Ausverkauf, Spekulation und Massentourismus auf der Insel.
Birte Wieda, von der Sylter Bürgerinitiative "Merret reichts", aufgenommen am Rande eines dpa-Interviews. Die Insel sucht nach einem Weg, um als Urlaubsdestination und Heimatort attraktiv zu sein.
Birte Wieda, von der Sylter Bürgerinitiative „Merret reichts“, aufgenommen am Rande eines dpa-Interviews. Die Insel sucht nach einem Weg, um als Urlaubsdestination und Heimatort attraktiv zu sein.
© Foto: Daniel Reinhardt/dpa
Wieda ist die Begründerin einer Bürgerinitiative mit dem etwas eigenwilligen Namen „Merret reicht‘s – aus Liebe zu Sylt“. Der friesische Frauenname wurde für das Maskottchen in ortstypischer Tracht gewählt. Das Insulare Bürgernetzwerk setzt sich nun ein für ein Ende großer touristischer Bauprojekte. Aber auch für mehr Bürgerbeteiligung bei politischen Zukunftsfragen, und generell für den Erhalt von Wohnraum, dessen Umwandlung zur Vermietung zu touristischen Zwecken in Zukunft nicht mehr möglich sein darf. Diese Forderung wird seit Mai 2022 von einem umfangreichen Gutachten für die Gemeinde Sylt unterstützt und mit Zahlen des Ungleichgewichts von Ferien- und Dauerwohnnutzung auf der Insel belegt.
Mit einem Leserbrief in der „Sylter Rundschau“ im Juni 2020 hat es angefangen. Darin verlieh Wieda am Ende des ersten harten Lockdowns ihrem Unmut über die generelle Entwicklung der Insel Ausdruck. Sie prangerte das Geklüngel demokratisch nicht legitimierter Lobbygruppen und Unternehmer an und äußerte scharfe Kritik an Daniel Günther (CDU), der sich bei seinem ersten Sylt-Besuch als Ministerpräsident von Schleswig-Holstein eben nur mit diesen ausgewählten Kreisen unterhalten habe.
Vor allem aber hatte Wieda den Nerv vieler Inselbewohner getroffen: „Jetzt wissen wir dank Corona wieder, was Ruhe ist, wie Stille Wunderbares in uns bewirkt und wie bezaubernd Leere sein kann“, so schrieb sie in dem Leserbrief. Sie und andere wollen nicht mehr zu dem „Übervollen“ und dem „Zuviel“ zurück: „Wir wollen es nicht für uns und nicht für unsere Gäste.“ Ein Plädoyer gegen die Übernutzung der fragilen Insel, an der die Nordsee Jahr für Jahr weiter nagt.

Beherbergungskonzept für zukunftsfähigen Tourismus

Die daraufhin mit Gleichgesinnten gegründete BI „Merret reicht’s“ generierte rasch eine erstaunliche Wahrnehmung, nicht nur auf der Insel. Podiumsdiskussionen wurden veranstaltet, zu denen auch Politiker wie der neue schleswig-holsteinische Wirtschaftsminister Claus Ruhe Madsen (parteilos) kamen. Visionen wurden entwickelt, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf ein Gutachten mit Beherbergungskonzept gelenkt. An Ideen für einen zukunftsfähigen Tourismus wird gefeilt. Doch Wieda, die seit ihrem fünften Lebensjahr mit ihrer Familie auf der Insel lebt, spürt auch eine Ohnmacht. Sie erlebte in den vergangenen Jahrzehnten, dass kommunale Ehrenamtspolitiker oft ohne fundierte Kenntnis von Baurecht, Finanzhaushalt und Verwaltungsstrukturen wenig gegenüber Investment-Profis bewirken, die auch landespolitisch oft bestens vernetzt sind.
Es gibt ein cleveres Modell, mit dem nicht nur auf Sylt Großprojekte an lokalen Restriktionen vorbei realisiert werden: Investoren planen ein spektakuläres Anwesen und ergänzen es noch um einige wenige Wohnungen, die in die dauerhafte Vermietung gehen, also nicht touristisch genutzt werden. Als Feigenblatt quasi. Die Wohnraumsituation auf Sylt sei „so prikär, dass die Inselpolitik sich mit solchen Angeboten erpressbar gemacht“ hätte, beobachtet Wieda.

Machtlos gegenüber der Politik?

Mehr als zwei Jahre nach Corona-Lockdown und der Gründung von „Merret reicht’s“ ist Wieda ein Stück weit desillusioniert. „Die Gelegenheit, innezuhalten und eine Zäsur vorzunehmen, wurde nicht genutzt.“ Ihr Unmut gilt konkret vor allem spektakulären Neubauprojekten wie dem „Gesundheitsresort Lanserhof“ und dem „Dünenpark“ in List, im Norden der Insel. Projekte, die, so Wieda, „mit Superlativen an Luxus und Dimension werben, tatsächlich aber vor allem das Investment bedienen und hundertfach mehr Verkehr auf die ohnehin schon überlastete Insel bringen“.
Wie in einer Metropolregion: Autofahrer fahren auf der Straße von Westerland nach List im Inselnorden an den Dünen vorbei. Durch Neun-Euro-Ticket und Tankrabatt haben sich die traditionell hohen Touristenzahlen auf Sylt in der Saison 2022 noch einmal erhöht. 
 Foto: Axel Heimken/dpa
Wie in einer Metropolregion: Autofahrer fahren auf der Straße von Westerland nach List im Inselnorden an den Dünen vorbei. Durch Neun-Euro-Ticket und Tankrabatt haben sich die traditionell hohen Touristenzahlen auf Sylt in der Saison 2022 noch einmal erhöht. Foto: Axel Heimken/dpa
© Foto: Axel Heimken/dpa
Gastronomen sei während der Pandemie das Personal abhanden gekommen. Viele Beschäftigte haben sich gleich in ganz andere Branchen orientiert, in denen der Verdienst höher und die Arbeitszeiten familienfreundlicher sind. „Viele sind auch selbst an den Punkt gekommen, sich zu fragen: Was mache ich hier eigentlich?“ Die Sommersaison ist in den vergangenen Jahren, auch vor Corona, immer länger geworden; ruhige Monate gibt es auf der Insel kaum noch. Und für kleine Selbständige ist der Tourismus auf Sylt ein hartes Geschäft.

Dreht die Debatte sich im Kreis?

Neu sind die Probleme freilich nicht. Kürzlich habe sie den Flyer der letzten ganz großen Bürgerinitiative „Rettet Sylt“ aus dem Jahr 1996 in die Hände bekommen. „Da standen die gleichen Forderungen drin, wie wir sie heute noch immer formulieren müssen.“ Nur eben, dass sich die Ausgangssituation inzwischen noch weiter dramatisch verschlechtert hat. Auf eine Feststellung könnte Wieda sich mit den Punks und Demonstrierenden aus dem zurückliegenden Neun-Euro-Ticket-Sommer einigen: „Es ist zu viel Geld im Spiel.“
Für Binnur H., die Oberärztin in Westerland, steht Ende dieses Jahres wieder ein Umzug an. 2000 Euro im Monat, als Alleinstehende – „das ist mir einfach zu teuer“. Für die neue, mit etwas mehr als 50 m2 einschließlich Dachschrägen deutlich kleineren Wohnung wird sie rund 1300 Euro Miete zahlen.