Familie oder Freunde?
: Studie mit Über-80-Jährigen liefert überraschenden Befund

Gute Beziehungen gelten im Alter als Schutzfaktor für das Wohlbefinden. Macht es einen Unterschied, ob diese Beziehungen zur Familie oder zu Freunden bestehen?
Von
Katrin Jokic
Berlin
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Eine Gruppe älterer Leute amüsiert sich

Eine Gruppe älterer Leute amüsiert sich.

Oneinchpunch/Westend61/dpa-tmn/dpa

Wer 80 Jahre oder älter ist, hat oft bereits viele Veränderungen im eigenen sozialen Umfeld erlebt. Freunde und Angehörige sterben, gesundheitliche Probleme können Kontakte erschweren, der eigene Aktionsradius wird möglicherweise kleiner. Gleichzeitig können Einsamkeit und depressive Symptome im hohen Alter eine erhebliche Belastung darstellen.

Umso wichtiger ist die Frage, welche sozialen Beziehungen im sehr hohen Alter besonders eng mit dem psychischen Wohlbefinden zusammenhängen. Genau das haben Wissenschaftler des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf untersucht. Ihr Ergebnis: Bei Freundschaften zeigte sich ein deutlicher Zusammenhang – bei familiären Beziehungen dagegen nicht.

Gute Freundschaften gingen mit weniger Einsamkeit einher

Für ihre Untersuchung nutzten die Forscher André Hajek und Hans-Helmut König Daten des Deutschen Alterssurveys (DEAS). Berücksichtigt wurden Menschen im Alter von mindestens 80 Jahren, die zu Hause lebten.

Die große Mehrheit der befragten Personen bewertete sowohl die Beziehung zur eigenen Familie als auch die zu Freunden positiv: 87,4 Prozent berichteten eine hohe Beziehungsqualität zur Familie, bei Freunden waren es sogar 89,6 Prozent.

Trotzdem zeigten sich bei der statistischen Auswertung deutliche Unterschiede.

Menschen mit einer hohen Beziehungsqualität zu Freunden hatten im Durchschnitt weniger depressive Symptome und fühlten sich weniger einsam als Teilnehmer mit weniger guten Freundschaften. Dieser Zusammenhang blieb auch bestehen, nachdem die Forscher zahlreiche weitere Faktoren berücksichtigt hatten – darunter Alter, Geschlecht, Familienstand, Bildung, Einkommen, Sport, Rauchen, Alkoholkonsum, subjektive Gesundheit und die Zahl chronischer Erkrankungen.

Bei der Beziehung zur Familie zeigte sich dagegen in den entsprechend bereinigten Analysen kein statistisch signifikanter Zusammenhang mit depressiven Symptomen oder Einsamkeit.

Warum könnten Freunde im hohen Alter eine besondere Rolle spielen?

Auf den ersten Blick überrascht das Ergebnis. Gerade familiäre Bindungen begleiten Menschen häufig über Jahrzehnte. Kinder, Enkelkinder oder Geschwister können im Alter wichtige Bezugspersonen sein.

Die Autoren nennen jedoch mehrere mögliche Erklärungen für ihre Ergebnisse. Ein wichtiger Unterschied: Familie sucht man sich in der Regel nicht aus – Freunde schon.

Freundschaften sind häufig freiwillig und beruhen auf gemeinsamen Interessen und Gegenseitigkeit. Innerhalb von Familien können dagegen zusätzlich Verpflichtungen, Hierarchien und über viele Jahre gewachsene Erwartungen eine Rolle spielen. Eine weniger gute Beziehung zu einzelnen Familienmitgliedern muss deshalb nicht automatisch als belastend empfunden werden.

Hinzu kommt: Schlechte oder distanzierte Familienbeziehungen können bereits seit Jahrzehnten bestehen. Betroffene haben sich womöglich daran gewöhnt oder erwarten gar keinen engeren Kontakt mehr. Gute Freundschaften könnten dagegen ganz gezielt emotionale Unterstützung und soziale Teilhabe bieten. Genau darin sehen die Forscher einen möglichen Grund für den beobachteten Zusammenhang.

Freunde sind nicht automatisch „wichtiger“ als Familie

Aus der Studie lässt sich allerdings nicht ableiten, dass Freunde grundsätzlich wichtiger für die psychische Gesundheit sind als Kinder, Partner oder andere Angehörige.

Denkbar wäre beispielsweise auch der umgekehrte Zusammenhang: Menschen mit stärkeren depressiven Symptomen oder größerer Einsamkeit könnten ihre Beziehungen negativer erleben oder Schwierigkeiten haben, bestehende Freundschaften aufrechtzuerhalten.

Auch die Beziehungsqualität wurde vergleichsweise einfach erfasst. Die Teilnehmer sollten ihre Beziehung zur Familie beziehungsweise zu Freunden jeweils insgesamt bewerten. Feinere Unterschiede – etwa wie häufig sich Menschen sehen, wie viel Unterstützung sie erhalten oder wie oft Konflikte auftreten – wurden damit nicht detailliert abgebildet.

Ein Hinweis darauf, was im hohen Alter wichtig sein kann

Trotz dieser Einschränkungen liefert die Studie einen interessanten Hinweis: Freundschaften könnten auch jenseits des 80. Lebensjahres eine besonders bedeutende Rolle für das psychosoziale Wohlbefinden spielen.

Das ist auch deshalb bemerkenswert, weil sich Freundeskreise im hohen Alter zwangsläufig verändern können. Gleichaltrige Freunde sterben, während Familien häufig durch jüngere Generationen wie Kinder und Enkel bestehen bleiben. Die Forscher regen deshalb an, künftig genauer zu untersuchen, welche Arten von Beziehungen tatsächlich entscheidend sind und welche Mechanismen dahinterstehen.

Ihr Fazit fällt entsprechend vorsichtig aus: Eine hohe Qualität von Freundschaften war bei zu Hause lebenden Menschen ab 80 Jahren mit weniger depressiven Symptomen und weniger Einsamkeit verbunden. Warum genau dieser Zusammenhang besteht und ob gute Freundschaften tatsächlich ursächlich zur psychischen Gesundheit beitragen, sollen weitere Studien klären.

Gerade darin liegt möglicherweise die wichtigste Botschaft der Untersuchung: Soziale Beziehungen bleiben bis ins sehr hohe Alter relevant – und Freundschaften verdienen dabei offenbar mindestens genauso viel Aufmerksamkeit wie familiäre Bindungen.