Der Krieg in der Ukraine hält viele Menschen bislang nicht davon ab, weiter Russisch zu lernen. „Alle meine Teilnehmer verurteilen den schrecklichen Angriffskrieg auf die Ukraine. Sie kommen aber weiterhin in die Russischkurse, weil sie an der Sprache interessiert sind, an der Kultur, vor allem der Literatur“, sagt Elke Saniter, Volkshochschullehrerin in Berlin.
„Natürlich wird das Interesse an der russischen Sprache abnehmen, aber es wird sicher nicht verschwinden“, ist ihre Kollegin Ekaterina Kharitonova überzeugt. „Ja, wir werden weniger Arbeit haben. Darüber kann ich mich nicht beschweren. Ich verstehe, warum das so ist“, so die Lehrerin.

Krieg wirkt sich auf Lerninteresse aus

Der Vorsitzende des Deutschen Russischlehrerverbands in Marburg, Wilhelm Lückel, geht auch davon aus, dass der Krieg sich künftig auf die Zahl der Russischlernenden in Schulen auswirken könnte. „Russisch wird sicherlich weiter zum Kanon der Fächer gehören. Die Politik der Russischen Föderation wird die Wahl aber natürlich negativ beeinflussen“, sagt er.
Öffentlichkeitsarbeit für die Sprache sei derzeit jedenfalls nicht gefragt. „Bei Kultusministerien ist eine gewisse Vorsicht gegenüber dem Fach zu beobachten“, so Lückel. Sein Verband sei inoffiziell gebeten worden, vorerst keine Russisch-Olympiaden mehr durchzuführen.
Die Zahl der Schüler, die an allgemeinbildenden Schulen Russisch als Fremdsprache lernen, ist in den vergangenen Jahrzehnten stetig zurückgegangen. Im Schuljahr 2020/2021 waren es laut Statistischem Bundesamt noch rund 94 000 Schüler - ein Rückgang um 83 Prozent gegenüber 1992/1993, als erstmals bundesweite Daten vorlagen. Damals hatten noch rund 565 100 Schüler Russisch als Fremdsprache gelernt.

Russisch im Osten sehr präsent

In der DDR wurde Russisch obligatorisch als erste Fremdsprache gelehrt. Noch heute wird die Sprache vor allem in Ostdeutschland einschließlich Berlin gelernt. 70 Prozent der Schüler mit Russisch als Fremdsprache gingen 2020/2021 dort zur Schule.
Berlin nehme durch den relativ hohen Bevölkerungsanteil russischsprachiger Menschen eine Sonderstellung ein, so Lückel. Laut der Migrantenorganisation „Dialog“ lebten bereits vor dem Krieg rund 250 000 Russischsprachige in Berlin. Nun kommen zahlreiche ukrainische Flüchtlinge hinzu, die ebenfalls Russisch sprechen.
Laut Berliner Bildungsverwaltung haben in der Stadt in den vergangenen drei Jahren im Schnitt rund 5600 Schüler an allgemeinbildenden Schulen Russisch gelernt. 2020/21 boten demnach 61 Schulen die Sprache an. Der Berliner Russischlehrerverband sieht an den Schulen in der Hauptstadt derzeit noch keinen Nachfragerückgang. „Ein Knick bei den Anmeldungen für Russischkurse könnte im nächsten Jahr kommen“, sagt die Vorsitzende Jacqueline Kohn. In Berlin seien es vor allem russischstämmige Kinder und Jugendliche, die die Sprache lernen. „Es gibt nur noch sehr wenige Kinder, die Russisch wirklich als Fremdsprache lernen.“
In Waldorfschulen, wo Russisch teilweise bereits ab der ersten Klasse unterrichtet wird, habe die Sprache plötzlich eine viel stärkere Präsenz, berichtet Julian Scholl von der Landesarbeitsgemeinschaft der Waldorfschulen Berlin-Brandenburg. Die Schulen hätten relativ viele geflüchtete Kinder aus der Ukraine aufgenommen. „Deshalb gibt es jetzt viel mehr lebendiges Russisch im Schulumfeld und auf den Schulhöfen“, so Scholl. Davon könnten auch die Schüler profitieren, die Russisch als Fremdsprache lernen. Die Situation sei aber schwierig, auch wegen des nun nicht mehr möglichen engen Austauschs mit Partnerschulen in Russland. „Russischlehrer sind verzweifelt“, so Scholl.

Russisch lernen an der VHS

Erwachsene können Russischkurse in Berlin unter anderem an sechs Volkshochschulen belegen. Unter den Teilnehmern seien auch Menschen, die sich in der Flüchtlingshilfe engagieren, bereits Russischvorkenntnisse haben und diese auffrischen wollen, oder auch Lernende mit persönlichen Kontakten zu russischsprachigen Menschen, berichtet Stephanie Vonscheidt, Leiterin des Servicezentrums der Berliner Volkshochschulen. „Es besteht im Augenblick kein Wunsch, nach Russland zu fahren. Allerdings ist ihnen wichtig, Kontakt zu den Menschen zu halten, die dort unter der politischen Lage leiden“, berichtet Sprachlehrerin Elke Saniter über ihre Schüler.
Manche Volkshochschulen verzeichnen laut Vonscheidt in der Hauptstadt sogar mehr Lernwillige als im Vorjahr. In Pankow sei beispielsweise ein Zuwachs von 23 Prozent der Unterrichtseinheiten im Vergleich zu 2021 zu verzeichnen. In Friedrichshain-Kreuzberg sei das Beratungs-/Einstufungsangebot für Russisch im September noch besser angenommen worden als beispielsweise für Italienisch, Französisch, Türkisch oder Arabisch.